Finnland testet das bedingungslose Grundeinkommen - und widerlegt das wichtigste Argument der Kritiker

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FINNISH PEOPLE
Vor fünf Monaten ist das Pilotprojekt zum bedingungslosen Grundeinkommen gestartet | Marco_Piunti via Getty Images
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  • Finnland hat vor 5 Monaten ein Experiment mit dem bedingungslosen Grundeinkommen gestartet
  • 2000 Menschen nehmen teil und erhalten monatlich 560 Euro
  • Die ersten Zwischenergebnisse sind überraschend positiv und dürften viele Kritiker zum Schweigen bringen

Weltweit wird diskutiert: Ist das bedingungslose Grundeinkommen die Lösung für zahlreiche gesellschaftliche Probleme und Veränderungen?

Die Schweiz hat 2016 über die Einführung eines Grundeinkommens das Volk abstimmen lassen und auch in Deutschland findet der Gedanke, dass jeder Bürger vom Staat ein monatliches Gehalt bekommen könnte, ohne dafür etwas leisten zu müssen, viel Zuspruch. Laut einer Umfrage des Cashbackportals Shoop.de befürwortet ein Großteil der Deutschen die Idee.

Und bereits 2015 sagte Telekom-Chef Timotheus Höttges der “Zeit”, dass er ein bedingungsloses Grundeinkommen als die einzige Möglichkeit sehe, ein faires System für eine Welt von morgen zu schaffen.

Finnland hat den Schritt jetzt gewagt. Anfang 2017 hat das skandinavische Land ein riesiges Sozial-Experiment gestartet, auf das die ganze Welt schaut.

Finnland wagt das Experiment: Seit fünf Monaten bekommen 2000 Bürger ein Grundeinkommen

Seit fünf Monaten erhalten 2000 Finnen ein bedingungsloses Grundeinkommen - für einen Testzeitraum von zwei Jahren.

Der Testlauf sollte eine Reihe von Fragen beantworten. Soll das Grundeinkommen alle Sozialhilfen ersetzen oder nur einen Teil davon? Und wie hoch soll es sein?

Die Teilnehmer des Experiments erhalten monatlich 560 Euro, ohne nachweisen zu müssen, dass sie aktiv auf Arbeitssuche sind. Sie müssen nicht einmal nachweisen, dass sie das Geld brauchen. Sie können mit dem Geld tun und lassen, was auch immer sie wollen.

Mehr zum Thema: Finnland wagt ein Experiment, das unser Leben verändern könnte

Marjukka Turunen leitet das Projekt der finnischen Sozialversicherungsbehörde. Gemeinsam mit der Regierung will sie vor allem das Arbeitslosenproblem in Finnland angehen.

Im Dezember 2016 lag die Arbeitslosenquote laut Eurostat bei 8,7 Prozent und damit auch höher als bei den skandinavischen Nachbarländern Schweden (6,9 Prozent) und Norwegen (4,7 Prozent).

Die bisherige Sozialhilfe motiviert Menschen nicht, einen schlecht bezahlten Job anzunehmen. Aufgrund der Steuerabgaben haben sie am Ende des Monats oft weniger Geld raus, als wenn sie gar nicht arbeiten würden.

Außerdem, so die Idealvorstellung, soll die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens Verwaltungskosten senken.

Das Grundeinkommen subsummiert Arbeitslosengeld, Krankengeld und Elterngeld. Obendrauf bekommen die Testteilnehmer Geld für ihre Sozialversicherung. Das soll besagten bürokratischen Aufwand mindern.

Weniger Stress, mehr Motivation und Zeit

Inzwischen sind fünf Monate vergangen und die Resultate sie sind überraschend. Das Grundeinkommen macht die Menschen nicht faul und genügsam. Ganz im Gegenteil.

Die Teilnehmer berichten davon, dass sie mehr Lust haben, einen Arbeitsplatz zu suchen und mehr Zeit zu finden, um Geschäftsideen zu verfolgen, wie der britische "Independent" berichtet.

Mehr zum Thema: Das bedingungslose Grundeinkommen gibt Menschen die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung

Auch haben sich zahlreiche Teilnehmer bei der Leiterin des Projekts gemeldet und ihr gesagt, dass sie viel weniger gestresst seien als früher, wie das "Handelsblatt" berichtet.

Kritiker fürchteten sinkende Leistungsmotivation und Arbeitsbereitschaft

Das dürfte viele Kritiker wohl vorerst zum Schweigen bringen. Denn ihre Furcht war es vor allem, dass Leistungsmotivation und Arbeitsbereitschaft mit dem Grundeinkommen sinken.

“Wir glauben, dass es die Sozialpolitik in eine falsche Richtung führt”, sagte Ilkka Kaukoranta, Wirtschaftschefin der Zentralorganisation der finnischen Handelsunion, im Februar gegenüber “Bloomberg”.

Doch dem hatte das Experiment von Anfang an entgegengewirkt.

"Wir haben versucht, einen Betrag zu finden, der Menschen animiert, einen Job zu suchen – und nicht zu Hause zu bleiben und nichts zu tun“, äußerte sich Turunen gegenüber dem finnischen Fernsehsender Kera News.

Der Anreiz zu arbeiten geht nicht verloren

Somit geht der Anreiz, Arbeit zu suchen, nicht völlig verloren. Während sie das Grundeinkommen beziehen, können arbeitslose Finnen auch Arbeit mit schlechterer Bezahlung annehmen und in Ruhe nach einer Anstellung suchen, ohne sich Sorgen machen zu müssen.

Denn auch wenn man mit 560 Euro im Monat in Finnland nicht allzu weit kommt - es reicht, um zu überleben.

Erstes Fazit: Die Finnen sind motivierter, weniger gestresst und zufriedener. Doch die bisherigen positiven Rückmeldungen sind lediglich Stichproben und beziehen sich nur auf das Empfinden der Teilnehmer - ob das Experiment am Ende wirklich auch Kosten und Verwaltungsaufwand senkt und auf Dauer motiviert, ist noch unklar.

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(jg)

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