"Maischberger" zum Antisemitismus-Film: WDR-Fernsehdirektor gerät mit Historiker aneinander

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MAISCHBERGER
Bei Maischberger gerieten sich die Diskussionsteilnehmer am Dienstagabend in die Haare. | Maischberger
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  • Bei "Maischberger" stritten sich der Historiker Michael Wolffsohn und der WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn über den umstrittenen Antisemitismus-Dokumentarfilm
  • Für den Geschichtsprofessor machten die Fernsehleute einen klaren Fehler, als sie sich weigerten, den Film auszustrahlen
  • Schönenborn sagte, man habe unter starkem Druck gestanden
  • Wolffsohn hatte vor allem Häme und Sarkasmus für den WDR-Fernsehdirektor übrig

Dass es in der "Maischberger"-Sendung zum umstrittenen Antisemitismus-Film hitzig werden würde, wusste man. Und tatsächlich: Vor allem zwischen dem Historiker Michael Wolffsohn und dem WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn kam es zu minutenlangen Wortgefechten.

Für Wolffsohn ist der Dokumentarfilm "Auserwählt und ausgegrenzt - Der Hass auf Juden in Europa" herausragend, er lobte ihn im Vorfeld ausdrücklich. Schönenborn und sein Sender mussten sich im Vorfeld vorwerfen lassen, mit dem Entscheid, die Doku nicht auszustrahlen, Zensur zu betreiben.

Nun standen sich die beiden bei "Maischberger" gegenüber. Wolffsohn legte gleich los mit schonungsloser Kritik. "Der Film lag lange bei Ihnen herum. Sie hatten monatelang - ebenso wie Arte - Zeit, alle diese vermeintlichen oder tatsächlichen Fehler im Gespräch mit dem Produzenten zu klären. Und das haben Sie nicht getan."

Wolffsohn wirft dem WDR vor, wenig zivilisiert zu sein

"Bei zivilisierten Menschen" sei es eigentlich üblich, dass man miteinander spricht. Genau das habe Schönenborn aber nicht getan.

Er habe es versäumt, frühzeitig mit den Machern des Filmes zu klären, was man tun müsse, damit der Film doch noch den Anforderungen des Senders in handwerklichen Fragen genüge.

Dann kam endlich Schönenborn zu Wort, konnte sich gegen die Vorwürfe wehren. Der Fernsehmann ließ die Vorwürfe Wolffsohns nicht gelten. "Es gab während dieser Zeit ständigen Kontakt zwischen der WDR-Redaktion und dem Produzenten." Schönenborn gelang es nur, diesen einen Satz zu sagen - da unterbrach ihn Wolffsohn bereits: "Das ist falsch."

Druck auf die Redaktion

Schönenborn ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, trug weiter seine Argumente vor: "Herr Wolffssohn, es passiert, das ein Film nicht gelingt." Schon bevor sie beim Sender überhaupt wussten, dass Arte den Film ablehnen werde, hätten sie Zuschriften verschiedener Organisationen erhalten, die forderten: "Ihr müsst das senden, weil Arte das ablehnt."

So entstand Druck, obwohl der Film in den Augen von Schönenborn handwerklich nicht gut genug war, um ihn zu senden. Dass "Bild" die Doku dann plötzlich veröffentlichte, sei "etwas rechtswidrig", sagte Schönenborn bei "Maischberger".

Wolffsohn wollte darauf dann plötzlich nicht mehr eingehen. "Lassen wir es so stehen", es stünde Aussage gegen Aussage. Dann deckte der Historiker den WDR-Mann mit Häme und Sarkasmus ein.

"Eine meisterhafte PR-Leistung" sei das gewesen, dass man den Film zuerst nicht veröffentlichen wollte.

So gelang es, ein "Weltereignis" zu schaffen - und die Einschaltquoten hochzutreiben. Mit tief-sarkastischer Stimme gratulierte Wolffsohn für diese "Meisterleistung".

"Danke für die Glückwünsche"

"Danke für die Glückwünsche, Herr Wolffsohn. Es ist eine PR, die ich bedaure", antwortete Schönenborn dem Geschichtsprofessor. Ihm wäre es lieber gewesen, wenn die Probleme des Filmes "intern" in der Redaktion und mit dem Produzenten hätten besprochen werden können - statt in aller Öffentlichkeit.

Dann wäre es auch möglich gewesen, offen über Antisemitismus zu sprechen, statt, wie jetzt, über journalistische Standards.

Der Hintergrund des Streits: Der deutsch-französische Kultursender Arte hatte sich geweigert, die Doku senden - obwohl er zusammen mit dem WDR den Film ursprünglich in Auftrag gab. Die Autoren hatten aus Sendersicht zu viel im Nahen Osten statt in Europa gedreht und zu viele Tatsachenbehauptungen ohne Beleg stehen lassen.

"Bild.de" kam den Zögernden zuvor

Der Sender machten einen Rückzieher. Darauf preschte "Bild" vor, brachte die 90-Minuten-Dokumentation im Internet. Worauf Arte und das Erste sich dann doch entschieden, den Dokumentarfilm zu bringen.

Die Dokumentation war am Mittwochabend im Ersten und anschließend auch bei Arte zu sehen. Dann trafen sich Schönenborn und Wolffsohn bei der anschließenden "Maischberger"-Diskussionsrunde.

Nach der vor Sarkasmus triefenden Attacke von Wolffsohn auf Schönenborn, begründete der Historiker bei "Maischberger", weshalb die Doku aus seiner Sicht gelungen sei. Erstens verdeutliche der Film "ob einem das gefällt oder nicht", dass auch "weite Teile der Linken" vom "Bazillus" des Antisemitismus betroffen seien.

Antisemitismus ist mitten unter uns

Zweitens zeige der Film auch den Antisemitismus einiger Muslime. Gerade dies werde in der Öffentlichkeit aber viel zu oft tabuisiert.

Schlussendlich beweise der Dokumentarfilm, so Wolffsohn, dass der Nahostkonflikt längst in Deutschland, Frankreich und in übrigen Staaten Europas angekommen sei.

Das sei wichtig. "Kein anderer Film hat das in dieser Deutlichkeit gezeigt".

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