Trauerspiel um Kohl-Begräbnis: Die deutschen Zeitungen kommentieren den jüngsten Eklat

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  • Kurz nach dem Tod des Altkanzlers ist ein Familienstreit eskaliert (siehe Video oben)
  • Die Zeitungen in Deutschland kommentieren das Trauerspiel um Altkanzler Helmut Kohl
  • Der Tenor: Kohls "letzter Auftritt" ist dem Altkanzler nicht würdig

Mitten in den Vorbereitungen zu den Trauerfeierlichkeiten für Helmut Kohl ist der Streit innerhalb der Familie des verstorbenen Altkanzlers eskaliert.

Begleitet von zwei Enkelkindern versuchte Kohls Sohn Walter am Mittwoch vergeblich, in das Haus seines Vaters in Ludwigshafen-Oggersheim zu gelangen.

Der langjährige Vertraute und Anwalt der Kohls, Stephan Holthoff-Pförtner, habe im Vorfeld das Gespräch mit Walter Kohl gesucht.

walter kohl
Vor dem Elternhaus der Kohls spielen sich bewegende Szenen ab (Credit: Spiegel Online)

Der Anwalt habe vereinbaren wollen, dass die Söhne und Enkel an allen Trauerfeiern teilnehmen und würdevoll von Kohl Abschied nehmen dürfen.

Zum vereinbarten Termin war Walter Kohl jedoch nicht telefonisch erreichbar. Stattdessen versuchte er sich Einlass in das Trauerhaus des Vaters zu verschaffen.

Jetzt wird ihm vorgeworfen, er habe sich dem Gespräch entzogen und willentlich einen Eklat verursacht.

Die Polizei verwies ihn schließlich des Grundstücks.

Außerdem gibt es Streit darüber, ob Kohl mit einem Staatsakt geehrt wird.

Wie gestern öffentlich wurde, sollte gar der umstrittene ungarische Premier Viktor Orban die Trauerrede halten - statt Angela Merkel.

Maike Kohl-Richter, die Witwe des Altbundeskanzlers, habe gewollt, dass nur ausländische Gäste auf der Trauerfeier am 1. Juli im Straßburg sprechen sollen.

Diese Bitte Kohl-Richter kann als symbolträchtiger Affront gegen Bundeskanzlerin Merkel verstanden werden. Der ungarische Premier ist wegen seiner Flüchtlingspolitik sehr umstritten: Seine Postion widerspricht im Kern der Politik Merkels.

Erst das Zureden von Vertrauten änderte die Meinung der Witwe und verhinderte einen Eklat.

Für die Zeitungen in Deutschland ist der jüngste Eklat schlicht der letzte Akt im Kohl-Drama.

Für die "Passauer Neue Presse" ist klar: "Die Vorbereitungen der Trauerfeiern für Helmut Kohl geraten allmählich zur Groteske." Kohls Witwe und andere Beteiligte müssten jetzt "höllisch aufpassen" damit sie das Andenken an den Verstorbenen nicht durch "kleinliche Egoismen und Rechthabereien" beschädigten.

"Kohl wirkte selbst im Drama mit"

Doch es werde immer deutlicher, dass Kohl wohl vor seinem Tod selbst an der Inszenierung mitwirkte, schreibt die Zeitung.

"Hier war Kohl wohl eher die im eigenen Clan eingeigelte Mimose als der große Staatsmann, der mit Fortüne den Mantel der Geschichte ergreift."

Für die "Mitteldeutsche Zeitung" ist Kohls "letzter Auftritt" ganz typgerecht: "Alles andere als leise und bescheiden." Der Altkanzler verabschiede sich mit einem Sinn für politische Symbolik und Pathos.

Dass jetzt der Eindruck entsteht, weniger hehre Gefühle wie Rachegelüste und Selbstgerechtigkeit spielten ebenfalls eine Rolle, verhelfe dem Trauerfall zum letzten Akt eines Dramas.

Die "Schwäbische Zeitung" sieht in dem Verzicht auf eine große Trauerfeier in Deutschland eine Art verspätete Rache Kohls:

"Bundesinnenminister und Bundespräsidialamt wiesen gemeinsam auf den 'Wunsch der Witwe' hin, keinen zusätzlich nationalen Staatsakt vorzunehmen.

Und so hat die eigentlich großartige Idee, für Kohl einen europäischen Trauerakt vorzunehmen, den Beigeschmack, aus Rache kein deutsches Staatsbegräbnis haben zu wollen. Das ist ein Trauerspiel - und ein Spiel mit der Trauer gleichermaßen."

"Verdruckste Veranstaltung"

Die "Nürnberger Nachrichten" finden die geplanten Trauerfeierlichkeiten schlicht einem großen Politiker nicht angemessen:

"Nun wird es neben der Trauerveranstaltung im Europäischen Parlament in Straßburg auf deutschem Boden lediglich ein kirchliches Requiem und ein kurzes militärisches Zeremoniell geben." Das sei, so die "Nürnberger Nachrichten", jämmerlich wenig.

Die "FAZ" kritisiert knapp: "Welch eine verdruckste Veranstaltung! Es gab Bundeskanzler, die mit mehr Stilgefühl, größerem Selbstvertrauen und beherzterem Engagement geehrt wurden - und darunter war nicht ein 'Kanzler der Einheit'"

Der "Kölner Stadtanzeiger" kann der Debatte um das Kohl-Begräbnis auch Positives abgewinnen: "In Zeiten, in denen die EU auseinanderzubrechen droht, setzen Kohl und/oder seine Berater auf einen dezidiert europäischen Impuls."

Der Nationalstaat trete zurück hinter der europäischen Gemeinschaft, kommentierte die Zeitung.

"Die Kohls tragen die Schmutzwäsche an die Öffentlichkeit"

Das Hausverbot für Sohn Walter zeigt für die "Freie Presse": Im Hause Kohl wird schmutzige private Wäsche unablässig in aller Öffentlichkeit gewaschen. Der Eklat sei dem Lebenswerk eines großen Europäers unwürdig.

"Als Versöhner wird Helmut Kohl nicht in die Geschichte eingehen. Er pflegte vielmehr Feindschaften bis in alle Ewigkeit", schreibt die Zeitung.

Und hat eine düstere Vermutung: "All dies wird nicht der letzte Akt in der Tragödie um die Familie Kohl gewesen sein."

"Kohl hat stets den Eindruck gehabt, in Deutschland nicht ausreichend gewürdigt geworden zu sein", schreibt der "Kölner Stadt-Anzeiger".

Über die Trauerfeierlichkeit schaffe er sich nun seine eigene Würdigung.

"Der Rahmen ist bedeutender als bei der Beerdigung des ersten Kanzlers der Bundesrepublik, Konrad Adenauer, der bis dato das eindrucksvollste Politikerbegräbnis bekam", schreibt der "Kölner Stadtanzeiger".

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Mit Material der dpa

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