Viele Eltern wissen nicht, was wirklich hinter den Wutanfällen ihrer Kinder steckt

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WUTANFALL KIND
Kinder für einen Wutanfall zu bestrafen, ist der falsche Weg - da sind sich Erziehungsexperten einig. | iStock
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“Nein, so kurz vor dem Abendessen gibt es kein Eis mehr.”

Der Satz ist kaum bis zu Ende gesprochen, da fängt der Kleine schon an zu brüllen. Sein Gesicht wird knallrot, aus den Augen schießen Tränen und er wirft sich wie von Sinnen auf den Wohnzimmerboden.

Szenen wie diese kennen alle Eltern. Die Wutanfälle kommen gefühlt aus dem Nichts und verwandeln ihr gerade noch friedlich spielende Kind in ein tobendes kleines Ungeheuer, das sich nur schwer besänftigen lässt.

Viele Eltern fühlen sich von der plötzlichen Wut ihrer Kinder überfordert. Gerade, wenn sich das Ganze an einem öffentlichen Ort abspielt, schämen sie sich für das Verhalten der Kleinen, versuchen hektisch, das Kind abzulenken und entschuldigen sich peinlich berührt bei den Umstehenden.

Wutanfälle bringen viele Eltern an die Grenzen ihrer Geduld

Keine Frage: Der Umgang mit Trotzanfällen gehört zu den größten Herausforderungen für junge Eltern. Oft haben sie das Gefühl, sie seien nur dann gute Eltern, wenn ihre Kinder zufrieden und ausgeglichen sind.

Was viele nicht wissen: Die Wutanfälle von Kindern sind nichts, worüber sie sich Sorgen machen sollten.

Im Gegenteil: Sie bedeuten etwas Gutes - denn Trotzverhalten gegenüber den Eltern ist ein wichtiger, ja unverzichtbarer Bestandteil der emotionalen Entwicklung eines Kindes.

Speziell zwischen dem zweiten und vierten Lebensjahr, der sogenannten Trotz- oder Autonomiephase, beginnen Kinder nämlich, unabhängiger von den Eltern zu werden und eigenständig Entscheidungen zu treffen.

Der Trotz hat mehrere positive Effekte auf die Psyche der Kinder

"Im Grunde ist der Beginn der Trotzphase eine gute Nachricht", sagte die Kinderpsychologin Ulrike Petermann von der Universität Bremen “Spiegel Online”. "Denn das Kind hat dann einen wichtigen Entwicklungsschritt gemacht."

Auch andere Erziehungsexperten sind sich einig: Der Trotz und der oft als bockig empfundene Widerstand gegen die Eltern sind für den Ablösungsprozess wichtig.

Und nicht nur das: Forscher haben inzwischen herausgefunden, dass Wutanfälle und der richtige Umgang der Eltern damit gleich mehrere positive Wirkungen auf die Psyche eines Kindes haben.

1. Weinen hilft Kindern, Stress abzubauen

Studien deuten darauf hin, dass sich Kinder mit Weinen selbst beruhigen. Denn: Tränen enthalten das Stresshormon Cortisol. Wenn ein Kind also weint, baut es in vielen Fällen Druck und Stress ab.

Wenn Eltern sich dann liebevoll und tröstend um sie kümmern, führt das bei Kindern zu einem Gefühl der Erleichterung. So lässt sich erklären, dass Kinder, nachdem sie sich wieder beruhigt haben, oft entspannter und fröhlicher wirken als zuvor.

Die bekannte kanadische Erziehungsexpertin Deborah MacNamara rät daher, den Wutanfall gemeinsam mit dem Kind durchzustehen. “Weinen erzeugt nicht mehr Schmerz bei Kindern. Es hilft ihnen, den Schmerz zu verarbeiten und hat eine heilende Wirkung”, sagte sie dem Onlineportal “Parents”.

2. Wutanfälle sorgen dafür, dass Kinder besser lernen

Oft bekommen Kinder dann einen Wutanfall, wenn sie merken, dass sie nicht weiterkommen. Das kann ein umgestürzter Turm aus Bauklötzen sein oder der Löffel mit Brei, der es nicht unbeschadet in ihren Mund schafft.

Dem Gefühl der Frustration machen Kinder in einem Wutanfall Luft. Denn ein Zweijähriger weiß noch nicht, wie er sonst mit einem negativen Gefühl umgehen soll.

Kinder in diesem Alter können ihre Gefühle noch nicht kontrollieren oder sie mit Worten auszudrücken. Deshalb schreien sie und stampfen wütend auf den Boden.

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Das Gute ist: Nach einem solchen Ausbruch sind Kinder nicht nur ruhiger, sondern meist können sie sich auch besser konzentrieren, weil sie die negative Emotion losgeworden sind. Und erwiesenermaßen lernen Kinder deutlich besser, wenn sie nicht abgelenkt sind.

“Lernen ist für ein Kind so natürlich wie atmen”, sagte Patty Wipfler, Gründerin der Eltern-Seite “Hand in Hand Parenting” dem Portal “Parents”.

“Doch wenn es nicht in der Lage ist, sich zu konzentrieren oder zuzuhören, steckt dahinter meistens eine Emotion, die dem Lernprozess im Weg steht.”

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3. Kinder, die ihre negativen Gefühle loswerden konnten, schlafen besser

Jeder kennt das: Wer mit negativen Emotionen ins Bett geht, der schläft schlecht. Denn Stress während des Tages ist einer der Hauptgründe für unruhigen Schlaf.

Das, was für Erwachsene gilt, erleben Kinder genauso. Wenn sie ins Bett gehen, ohne ihren Frust losgeworden zu sein, schlafen sie schlechter.

Auch deshalb ist es so wichtig, dass Eltern gemeinsam mit ihrem Kind den Trotzanfall und die Wut durchstehen und ihm tröstend zur Seite stehen. Falsch wäre es dagegen, das Kind während des Wutanfalls ablenken zu wollen.

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“Man muss sich Kleinkinder wie einen Topf voller Wasser vorstellen, der ohne Deckel auf der Herdplatte erhitzt wird”, schreibt die Schlafexpertin Sarah Ockwell-Smith in einem Blog für die HuffPost.

“Wie beim Wasser im Topf steigen beim Kleinkind starke Emotionen auf und köcheln vor sich hin, bis sie plötzlich wie bei einem unbeobachteten Topf an den Siedepunkt kommen und überkochen.”

Kleinkinder könnten im Gegensatz zu Erwachsenen das Gas nicht herunterdrehen. “Sie hören erst auf, wenn alles verkocht ist und sie erschöpft sind.”

Was bedeutet das?

“Kleinkinder brauchen einen Erwachsenen, der das Überkochen verhindert, das Gas herunterdreht und einen Deckel drauflegt”, schreibt sie.

“Mit anderen Worten ausgedrückt müssen wir ihnen helfen, sich zu beruhigen. Sie brauchen beruhigende Worte und Umarmungen, Geduld und Unterstützung.”

Kinder für einen Wutanfall zu bestrafen, hält sie wie viele andere Erziehungsexperten für falsch. “Sie einfach nur in eine Auszeit oder auf die ‘stille Treppe’ zu schicken ist so, als würde man warten, bis alles ‘verkocht’ ist”, führt sie ihre Metapher weiter.

Auch die Psychologin Julia Stoch rät davon ab. "Bestrafung ist etwas, das bei meinem Gegenüber Angst auslöst", sagte sie der HuffPost. “Eltern sollten dies vermeiden, wenn sie die Beziehung zu ihrem Kind nicht gefährden wollen.”

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Das könne ganz konkrete negative Folgen haben, warnt die Psychologin Ronja Born. Im Rahmen des Erziehungsprogramms "Triple P" ("Positive Parenting Programme") vermittelt sie Eltern einen positiven Umgang mit ihren Kindern - ganz besonders in der Trotzphase.

"Das Kind bekommt dann Schuldgefühle, unterdrückt zukünftig die Wut, statt zu lernen, mit ihr umzugehen”, sagte sie “Spiegel Online”.

4. Wutanfälle bringen Eltern und Kinder einander näher

Auch wenn es manchmal nicht so wirken mag, wenn der Kleine einen gerade anbrüllt und alle Schimpfwörter auspackt: Gemeinsam einen Wutanfall durchzustehen, festigt die Bindung zwischen Eltern und Kindern.

Wichtig ist aber auch hier wieder: den Wutanfall zu stoppen oder zu verbieten, macht die negativen Gefühle im Zweifel nur schlimmer.

“Eltern müssen ihrem Kind zeigen, dass sie es immer noch genauso lieb haben wie vorher”, schreibt Sarah Ockwell-Smith. “Man muss sich wieder mehr mit ihnen verbinden, nicht weniger.”

5. Und sie stärken auf lange Sicht die Psyche des Kindes

In der Trotzphase wird der Grundstein dafür gelegt, wie Kinder später Im Leben mit Stress und Konflikten umgehen. Sie lernen, ihre Gefühle zu kontrollieren und mit Situationen umzugehen, in denen sie auf Hindernisse stoßen.

Jedes Mal, wenn das Kind einen Wutanfall und damit negative Gefühle überwindet, kommt es auf seinem Weg zu einer starken, eigenständigen Persönlichkeit ein kleines Stück weiter.

Vorausgesetzt, die Eltern unterstützen es auf diesem Weg - mit Liebe, Verständnis und Geduld.

Der renommierte Hirnforscher Gerald Hüther brachte das vor einiger Zeit im Gespräch mit der HuffPost auf den Punkt, als er sagte: “Ein Kind muss spüren, dass es so wie es ist richtig ist. Dass es um seiner Selbst willen und bedingungslos geliebt wird. Das ist die wichtigste Erfahrung, die jedes Kind braucht.”

Und das ist nicht nur während der Trotzphase so. Das ist auch später so.

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(sma)

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