"Perspective Daily"-Mitgründerin Maren Urner: "Wir müssen die Welt so zeigen, wie sie wirklich ist"

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Maren Urner ist Mitgründerin des Portals "Perspective Daily". | Thinkstock
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Vor genau einem Jahr sind acht junge Menschen mit einer großen Idee an den Start gegangen: Sie wollten den Journalismus verändern. Denn sie glaubten: Das Verhältnis zwischen Lesern und Medien stecke in der Krise.

Um diese Krise zu überwinden, müssten Journalisten anders auf die Welt schauen.

Eine simple Frage leitete die Gründer: "Was wäre, wenn Journalisten bei jeder Recherche zu einem Problem auch die Frage stellten, wie es gelöst werden kann? Wenn sie nicht nur über Krankheiten, sondern auch über Medikamente – oder sogar Prävention – berichten würden?" Das setzten sie sich zum Ziel.

Zum einjährigen Jubiläum von "Perspective Daily" haben wir mit Mitgründerin Maren Urner gesprochen.

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Maren Urner; Credit: Perspective Daily

Ihr seid mit eurem Online-Medium "Perspective Daily" angetreten, um den Journalismus zu verändern. Warum war das aus eurer Sicht nötig?

Maren Urner: Weil sich Medien zu sehr auf das konzentrieren, was in der Welt schiefläuft. Die meisten fokussieren sich auf negative Einzelereignisse – und zeigen damit nur einen kleinen Ausschnitt der Realität.

Wie sieht die Realität tatsächlich aus?

Ich bin der Meinung, dass es die wirklich großen Herausforderungen unserer Welt viel zu selten auf den Titelseiten unserer Zeitungen schaffen: Allen voran die Folgen des Klimawandels.

Dann scheine ich andere Medien zu lesen. Ich sehe das Thema ständig und überall.

(lacht) Im Moment auf jeden Fall Dank Trump. Aber die meisten Medien haben bei dem Thema versagt. Sie berichten dazu meist nur über negative Einzelereignisse, vielleicht eine neue Studie mit dramatischen Zahlen oder extreme Wettereignisse. Mir fehlt, dass Medien die Zusammenhänge zeigen. Der Klimawandel sorgt für dramatische Flüchtlingsbewegungen, die wiederum politische, wirtschaftliche und geostrategische Herausforderungen - aber auch Chancen - mit sich bringen.

Wie geht ihr solche Themen an?

Zum Beispiel habe ich gemeinsam mit meinem Kollegen Felix Austen einen Artikel mit der Überschrift "In 5 Jahren ist der Notstand der einzige Weg für Deutschland" geschrieben.

Da erzählen wir die Geschichte, wie es in Deutschland aussehen wird, wenn wir die Globale Erwärmung nicht innerhalb der nächsten Jahre als gesamtgesellschaftliche Herausforderung – und Chance – sehen. Diese Vision hat bei den Lesern zu sehr emotionalen Reaktionen geführt – wir haben mit dem Text etwas angestoßen.

Klingt eher traditionell. Dabei seid ihr angetreten, konstruktiv zu berichten. Was ist wirklich anders bei euch?

Konstruktiv zu arbeiten, bedeutet nicht nur, mal ein Best Practice Beispiel zu bringen, sondern jeden Arbeitsschritt zu hinterfragen. In unseren Artikeln geben wir uns nicht damit zufrieden, nur Probleme darzustellen. Wir heben Menschen, Organisationen und Ansätze in den Mittelpunkt, die helfen, die Probleme zu lösen. Das ist ein fundamental anderer Blick auf die Welt.

Mehr zum Thema: Journalist Michael Gleich über konstruktiven Journalismus: "Viele Medien zeigen nur die halbe Wahrheit"

Wie funktioniert dieser Blick?

Wir berichten nicht einfach über Ereignisse und Entwicklungen. Wir stellen immer auch die Frage "Was jetzt?". Es gibt Millionen Menschen, die jeden Tag Erstaunliches leisten und an unserer Zukunft arbeiten. Auf ihre Ideen stößt man nur mit dieser zusätzlichen W-Frage. Zum Beispiel auf Suleiman Bakhit, der Kinder aus der arabischen Welt durch Comics zu Helden macht, damit sie nicht als Kanonenfutter der Extremisten enden.

Wie ist euer Team ein Jahr nach dem Start aufgestellt?

Wir haben acht feste Autoren im Team, alle mit einem fachlichen Hintergrund – vom Physiker, über eine Islamwissenschaftlerin bis hin zu mir als Neurowissenschaftlerin. Dazu kommen Entwickler, Designer, Praktikanten und Menschen, die uns bei allem unterstützen, was sonst noch anfällt.

Ihr finanziert euch über einen Mitgliedsbeitrag. Wie viele zahlende Leser habt ihr aktuell?

Derzeit haben wir rund 14.500 Mitglieder, die 42 Euro (alle, die vor dem Start vor einem Jahr dazugekommen sind) oder 60 Euro im Jahr bezahlen – diese Zahl wollen wir im zweiten Jahr deutlich steigern. Denn wir wollen die Redaktion vergrößern, um mehr Themen abdecken zu können, unsere Website weiterentwickeln und unsere Mitglieder noch stärker einbinden.

Wie ist die Resonanz bislang? Zahlen die bisherigen Mitglieder weiter?

Aktuell läuft die Zahlungsphase für das zweite Jahr. Schön ist, dass weniger als 20 Prozent der Mitglieder aus der Anfangsphase gekündigt haben. Wir sind also optimistisch.

Manche sagen, der negative Blick der Medien beeinflusse auch die Leser negativ.

Das ständig Negative sorgt auf jeden Fall dafür, dass Menschen sich nicht nur gestresst, sondern regelrecht überfordert fühlen. Das kann sogar dazu führen, dass wir in einen Zustand der sogenannten gelernten Hilflosigkeit kommen, weil wir durch die Medien gelernt haben, dass wir ja sowieso nichts gegen die Probleme der Welt ausrichten können. Wir wissen aus zahlreichen Studien, dass negative Emotionen wie Angst eher lähmen und positive Emotionen befähigen.

Viele Journalisten sagen aber: Am Ende laufen schlechte News am besten.

Das lässt sich so pauschal nicht beantworten. Eine große Studie zum Teilen von Inhalten auf Facebook hat zum Beispiel gezeigt, dass inspirierende Beiträge öfter weitergeleitet und geliked werden. In einer Studie, die Menschen verschiedene Überschriften zeigt, werden hingegen die negativen häufiger angeklickt als die positiven.

Was lernen wir daraus?

Unabhängig von dem, was Menschen intuitiv anklicken, sollten wir die Frage stellen, was der nachhaltigere Journalismus ist. Ein wenig wie beim Essen, wenn wir den Burger oder Muffin reflexartig wählen statt der gesunden Mahlzeit.

Welcher war der erfolgreichste Text bislang bei "Perspective Daily"?

Unter den Mitgliedern war es mein Artikel zu dem Wundermittel, das uns niemand verschreibt. (Auflösung: Es ist die Bewegung.) Was alle Nicht-Mitglieder betrifft, gibt es mehrere Texte, die außerhalb der Mitglieder sehr hohe Reichweiten erzielt haben, zum Beispiel ein Text über das "Weltrettermenü" und ein Interview mit zwei Syrern, die mit Humor gegen Vorurteile ankämpfen.

Kann Konstruktiver Journalismus Medien wieder auf die Beine helfen?

Das wohl bekannteste Beispiel und gleichzeitig Inspiration für uns ist "De Correspondent" aus den Niederlanden. Das Projekt zählt mittlerweile mehr als 55.000 zahlende Mitglieder und hat sich ebenfalls dem Konstruktiven Journalismus verschrieben. Die Kollegen stellen nichts als den Leser in den Fokus, denn genau wie wir verdienen sie damit ihr Geld. Das ermöglicht eine neue Beziehung zwischen Lesern und Journalisten.

Eine Beziehung auf Augenhöhe.

Genau. Wir müssen mit dem neuen Modell die Leute nicht mehr mit übertriebenen Geschichten und Zeilen über immer schlechter bezahlte Anzeigen und Werbefilmchen treiben. Denn dann kündigen sie ihre Mitgliedschaft. Diese neue Augenhöhe ist meiner Meinung nach sehr wichtig für die Zukunft des Journalismus.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

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(lk)

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