Liebes Pärchen im Restaurant, ihr habt mir gezeigt, was wir jeden Tag aufs Spiel setzen

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Liebes Pärchen im Restaurant, wenn ihr so weiter macht, seid ihr bald wieder Singles | GregorBister via Getty Images
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Liebes Pärchen im Restaurant,

Ihr saßt vor ein paar Tagen an unserem Nachbartisch. In dieser kleinen Trattoria an der sizilianischen Küste. Die Tische hatten die typischen rotweiß karierten Decken, darauf große Kerzen und über dem Meer dämmerte es.

Ihr saßt nur wenige Meter von uns entfernt an diesem wunderbaren Ort - und wart doch nicht wirklich anwesend.

Den ganzen Abend saßt Ihr euch schweigend gegenüber. Eure nach unten gerichteten Gesichter wurden von euren Handy-Displays beleuchtet.

Dieser Anblick, liebes Pärchen, hat mich traurig gemacht. Denn Ihr saht nicht aus, als hättet Ihr euch gestritten. Dieser Zustand ist offenbar völlig normal für Euch.

Gerade als ich Euch bemitleiden wollte, fiel mir auf, dass ich kein Stück besser bin.

Ihr habt mir den Spiegel vorgehalten.

Während ich zuhöre, höre ich doch nicht zu

Wie oft sitze ich bei meiner Oma im Wohnzimmer und höre ihr zu, wenn sie über die steigenden Brötchenpreise bei Aldi spricht. Oder über ihre Flucht im Zweiten Weltkrieg.

Doch während ich ihr zuhöre, höre ich doch nicht zu. Schon nach wenigen Minuten ziehe ich das Handy aus der Tasche und prüfe, ob der Sperrbildschirm vielleicht eine neue Information zu bieten hat. Ein paar Likes, eine WhatsApp-Nachricht.

Ich bin bei dieser Frau, der ich so viel zu verdanken habe, und bin doch nicht wirklich da.

Lieber noch schnell ein Video teilen

Wie oft schon war ich bei meinen Nichten und hörte mir begeisterte Berichte über ihre neueste Puppe an. Oder über den Schulausflug, der in einem Streit mit der besten Freundin geendet hat - und tippte nebenher eine Nachricht auf dem Smartphone.

Was macht das mit den Kleinsten, die von ihren Erlebnissen berichten wollen und sich daran gewöhnen, dass die Menschen in ihrem Umfeld nie wirklich präsent sind?

Darüber denken wir zu wenig nach. Lieber noch schnell ein Video teilen, das temporäre Profilbild einer Freundin liken - oder ein paar Mails löschen.

Wie oft erlebe ich tolle Momente - doch anstatt mich voll auf das großartige Essen, den Sonnenuntergang oder die Aussicht einzulassen, denke ich darüber nach, aus welcher Perspektive ich das beste Bild für die sozialen Netzwerke schießen kann.

Wenn wir nicht aufpassen, werden wir immer einsamer

Eigentlich ist es unfassbar, mit welch unwichtigen Dingen wir diese wichtigen Momente in unserem Leben zerstören.

Das Smartphone gibt uns das Gefühl, wahnsinnig connected zu sein, mit all den Hunderten von Freunden, Bekannten und Likern. Doch das ist trügerisch.

Wenn wir nicht aufpassen, sitzen wir zwar mit unseren engsten Freunden und Verwandten zusammen, werden aber in Wirklichkeit immer einsamer.

Liebes Pärchen, in diesem Moment habt Ihr mir all das ins Gedächtnis gerufen.

Ihr habt mir gezeigt, wie wichtig mir ein paar extrem unwichtige Dinge sind.

Versteht mich nicht falsch: Ich liebe das Internet. Ich glaube, dass die digitale Kommunikation unsere Welt besser gemacht hat. Und ich würde mein Smartphone nicht dauerhaft hergeben wollen.

Aber ich glaube, dass wir nicht immer verantwortungsvoll damit umgehen.

Wir verlieren so viel

Je mehr wir digital verbunden sind, desto mehr müssen wir lernen, trotzdem den Moment genießen zu können. Sozusagen den Kopf in die Wolken stecken - aber mit den Füßen immer noch fest auf der Erde zu stehen. Irgendwie müssen wir das schaffen.

Sonst verpassen und verlieren wir so viel.

Diese wichtigen, schönen Momente kann uns keiner zurückbringen - vor allem nicht in unseren virtuellen Fotoalben und Timelines.

Die schönen Momente finden wir nur da draußen, in diesem Hier und Jetzt.

Das gilt nicht nur für den Urlaub auf Sizilien.

Meine Oma ist jetzt 91. Vielleicht habe ich sie nicht mehr lange. Sie hat meine Aufmerksamkeit verdient. Und ich sollte die Zeit mit dieser Frau, die mich so oft schon glücklich gemacht hat, genießen.

Ebenso die Momente mit meinen Nichten. Ich liebe ihre glücklichen Augen, wenn Sie mir ihre Geschichten ausgiebig erzählen und alle Fragen beantwortet bekommen haben, weil sie meine volle Aufmerksamkeit hatten.

Oder die glücklichen Abende mit Freunden, mit denen man nach langer Zeit mal wieder intensiv und vertraut gesprochen hat. Oder die Zeit mit dem Partner.

All das sind die kleinen Momente des Glücks, liebes Pärchen, die es so schwer haben, in unserer stets virtuell verbundenen Welt.

Das ist, was ich an diesem Abend mit Euch in dem Restaurant in Sizilien gelernt habe. Nämlich, dass das Glück keine Push-Meldungen schickt.

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(ben)

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