Kinderarzt Largo erklärt: Diese Entwicklung in Familien ist schuld, dass viele Kinder unglücklich sind

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KIND UNGLUECKLICH
Der berühmte Schweizer Kinderarzt Remo Largo fordert: Unsere Gesellschaft braucht einen radikalen Wandel. | iStock
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Was ist das Geheimnis einer unbeschwerten Kindheit? Und warum sind so viele Kinder unglücklich, obwohl ihre Eltern sie lieben und nur das Beste für sie wollen?

Diese Fragen beschäftigen Eltern, Erziehungsexperten und Wissenschaftler auf der ganzen Welt - und fast jeder hat seine ganz eigene Antwort darauf.

Eine ebenso ungewöhnliche wie spannende Erklärung liefert der renommierte Schweizer Kinderarzt Remo Largo, der sich seit über 30 Jahren mit der Entwicklung von Kindern befasst. Sein Ratgeber “Babyjahre” gehört seit langem zur Grundausstattung vieler junger Eltern.

Largo glaubt: Wir müssen unser Lebensmodell komplett überdenken

Nun hat der inzwischen 73-Jährige mit “Das passende Leben” sein letztes Buch geschrieben. Darin warnt er: Um glückliche Kinder zu erziehen, müssten wir unser Lebenskonzept radikal verändern. Weg von der anonymen Massengesellschaft zurück zu stabilen Lebensgemeinschaften - beispielsweise in Form von mehreren Generationen unter einem Dach.

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“Damit Kinder sich gut entwickeln können, brauchen sie nicht nur den Einfluss der Eltern, sondern auch Impulse anderer Bezugspersonen”, sagte Largo der HuffPost. Viele Eltern seien einem enormen Druck ausgesetzt, weil sie glauben, sie müssten die Erziehung ihrer Kinder ganz allein stemmen.

“Wir Menschen haben immer in Gemeinschaften gelebt - aus gutem Grund, denn Eltern können nicht alle Bereiche abdecken, die für die Entwicklung von Kindern wichtig sind”, sagt Largo.

“Ein afrikanisches Sprichwort besagt: Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf.”

Positiver Einfluss von anderen Verwandten

Wenn die Eltern zum Beispiel ungern Sport treiben, sei es gut, wenn jemand anderes das mit den Kindern mache. Dasselbe gelte fürs Lesen oder Musizieren. “Wenn die Eltern nicht gern lesen oder kein Musikinstrument spielen, gibt es bestimmt andere Bezugspersonen, die das gerne übernehmen würden.”

Den positiven Einfluss von anderen Bezugspersonen wie beispielsweise von Großeltern haben Studien schon vielfach bestätigen können.

Einer der größten Pluspunkte von Großeltern ist laut Experten, dass sie in Erziehungsfragen oft gelassener sind als die Eltern.

"Sie kennen zwar die Alltagsprobleme der Familie, können aber entspannter damit umgehen, weil sie Ähnliches schon einmal durchgemacht haben”, sagte Günter Reich, Diplom-Psychologe und Psychotherapeut, der “Apotheken-Umschau”.

Großeltern können den Kindern andere Dinge mitgeben als die Eltern

An der Universität Göttingen hat er die "Mehrgenerationen-Familientherapie" mitbegründet. Das Prinzip: Bestimmte Konflikte werden dort im großen Familien-Kreis besprochen.

"Großeltern können in verschiedenen Rollen wichtig für die Familie sein”, sagte Reich dem Portal. “Sie begegnen Problemen mit mehr Lebenserfahrung. Und sie bieten Kindern einen stabilen Halt, wenn es zwischen den Eltern kriselt."

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Psychologen empfehlen aber: Bevor mehrere Generationen zusammenziehen, sollten sich alle über ihre Erwartungen aneinander im Klaren sein.

Dazu gehöre auch, dass sich die Älteren in bestimmten Fragen zurückhielten, rät Martina Flath, Psychologin und Seniorenexpertin aus dem sächsischen Annaberg.

"Ungefragte Ratschläge nerven junge Leute", sagte sie der Zeitung “Der Westen”. Außerdem sollten sich alle darüber im Klaren sein, dass die mangelnde Privatsphäre zum Problem werden könnte.

Auch sie sieht aber klare Vorteile bei diesem Lebensmodell: "Großeltern haben in der Regel mehr Zeit zum Spielen und können den Kleinen Dinge weitergeben, die ihre Eltern nicht mehr können oder für die sie keine Zeit haben”, sagte sie der Zeitung.

"Es gibt fast nur noch Kleinfamilien mit einem oder zwei Kindern"

Mit seinem Rat zu Lebensgemeinschaften steht Largo also nicht alleine da. Anders als andere Experten sieht er hinter dem, was er anspricht, jedoch ein größeres gesellschaftliches Dilemma.

"Das Hauptproblem ist, dass uns die Umwelt, die wir uns selbst geschaffen haben, immer weniger entspricht”, sagt er.

“Während der vergangenen 200.000 Jahre haben die Menschen in Lebensgemeinschaften gelebt. Mit der industriellen Revolution vor 200 Jahren sind aus den Gemeinschaften vertrauter Menschen anonyme Massengesellschaften geworden und es ist eine Arbeitswelt entstanden, mit der wir Menschen uns immer weniger identifizieren konnten.”

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Dieser Wandel habe auch ein verändertes Konzept von Familie zur Folge, erklärt Largo. “In unserer heutigen Gesellschaft gibt es fast nur noch Kleinfamilien mit einem oder zwei Kindern.”

Und dieser Wandel, so glaubt der Kinderarzt, sei schuld daran, dass immer mehr Menschen unglücklich seien - auch Kinder.

Eine Rückkehr zu Lebensgemeinschaften als Lösung?

Die Forderung, die Largo deshalb in “Das passende Leben” ausspricht, ist in diesem Kontext so simpel wie provokativ: Die Menschheit müsse lernen, wieder nach ihren Grundbedürfnissen zu leben.

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Denn: Wir seien nicht für eine anonyme Massengesellschaft gemacht, sondern würden uns in einer Gemeinschaft von vertrauen Menschen deutlich wohler fühlen. Unsere jetzige soziale Umwelt, so erklärt der Kinderarzt, mache es sehr schwer, dieses Grundbedürfnis nach Vertrautheit zu befriedigen.

Neben der Rückkehr zu Lebensgemeinschaften gibt es nach Ansicht des Kinderarztes einen weiteren wichtigen Punkt, der eine glückliche Kindheit begünstigen kann.

Kinder brauchen Erfahrungen mit Gleichaltrigen

Nicht nur der Einfluss anderer Erwachsener - beispielsweise von Tanten, Onkeln, Großeltern oder Freunden der Eltern - sei wichtig, erklärt er. Viele Eltern unterschätzen auch, wie entscheidend der Umgang mit Gleichaltrigen sei.

“Kinder brauchen für eine gute Entwicklung andere Kinder”, sagt Largo, selbst Vater von drei Töchtern und inzwischen auch schon Großvater. “Deshalb sind Kitas so wichtig geworden.”

Wie entscheidend der Kita-Besuch für die Entwicklung von Kindern ist, betonen auch viele seiner Kollegen seit Jahren.

Experten sind sich inzwischen auch einig, dass Kinder keinen Schaden nehmen, wenn sie früh, also schon mit einem Jahr, in die Kita kommen.

Kinder profitieren von einem frühen Kita-Besuch

So konnte etwa Veit Roessner, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Dresden, 2016 in einer Untersuchung von 4000 Kindern im Einschulungsalter nachweisen, dass Kinder, die schon in den ersten zwei Lebensjahren fremdbetreut werden, später seltener an psychischen Störungen leiden.

"Bei Jungen und Mädchen hingegen, die erst mit drei oder vier Jahren in eine Kindertagesstätte kamen, war die Wahrscheinlichkeit für psychische Auffälligkeiten wie Hyperaktivität doppelt so hoch”, sagte er dem Magazin “Stern”.

Die Eltern seien selbstverständlich wichtig für die frühe Entwicklung des Kindes, doch es sei nicht förderlich, wenn sie 24 Stunden pro Tag mit ihm zusammen seien.

Was den gesellschaftlichen Aspekt angeht, hat er also eine sehr ähnliche Ansicht wie Largo. "Die heutigen Kitas sind der moderne Ersatz für Großfamilien und ein intaktes Dorfleben”, sagte er dem Magazin.

In diesem Sinne: mehr Mut zur Gemeinschaft.

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(lm)

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