Ehemalige türkische Offiziere warnen: Erdogans islamistische Soldaten könnten die Nato unterwandern

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ERDOGAN
Ehemalige türkische Offiziere warnen: Erdogans islamistische Soldaten könnten die Nato unterwandern | Umit Bektas / Reuters
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Die Türkei blutet aus. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat seit dem Putschversuch im vergangenen Sommer rund 100.000 Staatsbedienstete entlassen.

Besonders stark ist die Armee von dieser Säuberungswelle betroffen. Nicht nur für die Leidtragenden in der Türkei ist das eine besorgniserregende Entwicklung.

Denn: Mehrere ehemalige türkische Offiziere warnen jetzt, Erdogan treibe gezielt eine Islamisierung des Heeres voran.

Für die Nato könnte das bedeuten, dass die Türkei langfristig als Partner wegbricht. Oder noch schlimmer: Dass salafistische Kämpfer das Verteidigungsbündnis unterwandern.

"Die Nato wird in zwei bis fünf Jahren eine Mitgliedsarmee voller Extremisten und Salafisten haben“, warnt ein Offizier im Magazin "Vocal Europe“.

Er ist – wie vier weitere von dem unabhängigen Polit-Magazin interviewte türkische Soldaten – nach dem gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli nicht in die Türkei zurückgekehrt – aus Angst als Verräter festgenommen zu werden.

Zweitstärkste Nato-Armee in der Hand von Salafisten?

Was der Insider jetzt beobachtet, ist zutiefst beunruhigend. "Islamisten mit Bezug zur AKP, die viele Jahre lang vom Militär ausgeschlossen waren, werden gerade in wichtigste Positionen der Armee gehoben“, sagt er über Erdogans Umbau der Streitkräfte.

So tauscht Erdogan nach und nach die Führungskräfte der lange kemalistisch geprägten säkularen Armee aus – gegen islamistische Verfechter seiner eigenen Politik.

Jeder, der ein Empfehlungsschreiben der Regierungspartei habe, könnte auf einem der Posten landen, die durch Erdogans massenhafte Entlassungen und Festnahmen freigeworden seien.

"Ohne, dass sie überprüft werden oder die Voraussetzungen für den Job haben“, kritisiert der erfahrene Soldat.

Noch immer gehört die Türkei zu den wichtigsten Nato-Staaten. Das Land profitiert von seiner geostrategischen Position als Brückenkopf zwischen Europa und dem Nahen Osten. Zudem stellt die Türkei mit 600.000 Mann die zweitstärkste Nato-Armee.

"Warum für die Ungläubigen kämpfen?"

Bricht sie auseinander, oder wird weiter mit islamistischem Gedankengut infiziert, könnte das verheerende Folgen haben, glauben die ehemaligen Nato-Offiziere.

Einer von ihnen zweifelt, dass sich die türkischen Soldaten im Fall, dass ein Nato-Staat angegriffen würde, an Artikel 5 des Verteidigungsbündnisses halten würde. Dieser regelt den so genannten "Bündnisfall“: Die gemeinsame Verteidigung gegen Aggressoren.

"Die Erdogan-Anhänger würden eher sagen: 'Warum sollte ein muslimisches Land die Ungläubigen gegen ein anderes Land von Ungläubigen verteidigen?'“, warnt einer der ehemaligen Offiziere.

Zudem habe die Entlassung vieler moderater und erfahrener Führungskräfte noch ein ganz anderes Problem geschaffen: Die türkische Armee sei nun zwischen Erdogan-Anhängern und pro-russischen Kämpfern gespalten.

In Syrien zeigt sich die Gefahr dieser Entwicklung

In Syrien könnte das schon unmittelbar Folgen zeigen. Dort ist die Nato im Kampf gegen den IS aktiv, die Türkei führt jedoch im Norden des Landes vor allem einen Kampf gegen die dort vorherrschende Kurdenmiliz YPG.

"Die Salafisten in der türkischen Armee können die Nato-Operation schwächen“, glaubt einer der Offiziere. Zudem gäbe es viele türkische Offiziere, die mit Russland sympathisieren – und so eine Gefahr für geheime Operationen des Militärbündnisses darstellen könnten.

Er wisse nicht, was passiere, wenn die Nato Geheimdienstinformationen mit diesen Offizieren teile, sagt der im Exil lebende Insider.

Erdogan handelt aus Angst und Verachtung

Für Erdogan hat der Umbau der Armee vor allem innenpolitische Gründe. Denn dass seine Truppe durch die vielen unerfahrenen Kämpfer in Führungspositionen geschwächt wird, liegt auf der Hand.

Rund 160 der 324 Generäle der türkischen Armee hat er gefeuert, dazu tausende Soldaten, viele von ihnen aus entscheidenden Positionen.

Seit Jahren führt Erdogan einen internen Kampf mit den Eliten im Militär. Denn diese sind seit jeher säkular geprägt – und üben in der Türkei traditionell einen großen politischen Einfluss aus.

Höhepunkt der Fehde markierte der Juli 2011, als nahezu die komplette Führungsriege der Armee unter Druck des Präsidenten zurücktrat. Doch hinter sich vereinen konnte Erdogan die Truppe bis heute nicht in dem Maße, wie es sich der autoritäre Präsident wünscht.

Noch gibt es im Kern der türkischen Armee viele, die den konservativ-islamischen Kurs des Präsidenten ablehnen. Glaubt man den düsteren Ausführungen der ehemaligen türkischen Offiziere, deutet sich jedoch an: Das könnte bald vorbei sein.

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(ll)

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