POLITIK
20/06/2017 17:01 CEST | Aktualisiert 21/06/2017 13:11 CEST

Wie der Babyboom Städte wie München, Hamburg und Berlin an ihre Grenzen bringt

dpa
Wie der Babyboom Städte wie München, Hamburg und Berlin an ihre Grenzen bringt

Jahrelang waren die Deutschen wie Pandas: International gefeiert und beliebt - nur vermehren wollten sie sich nicht.

Schon zeichneten die Experten die düstere Vision eines vergreisenden Landes, in dem die Jüngeren die Renten der Alten nicht mehr bezahlen können.

Doch sie hatten nicht mit dem aktuellen Geburten-Boom gerechnet.

Das neue Motto lautet: Apokalypse no. Denn Deutschland erlebt einen fast historischen Babyboom. Seit den 80er Jahren war die Geburtenrate in Deutschland nicht mehr so hoch.

Vor allem in den Metropolen zeigt sich das überdeutlich:

  • In Berlin kamen 2016 rund 25 Prozent mehr Babys zur Welt als 2006

  • In München stieg die Geburtenrate in diesem Zeitraum um sagenhafte 40 Prozent

  • In Hamburg kamen 2016 25.000 Kinder zur Welt, im Jahr 2000 waren es noch rund 18.000

Doch auf die Freude vieler Eltern nach der Geburt folgt Frust und Verzweiflung. Denn Städte und Kommunen sind von dem Boom völlig überfordert.

Wer sich damit beschäftigt, was schief läuft im Kinderüberraschungs-Land, erhält eine Liste des Schreckens für alle Eltern:

1. Die Kita-Katastrophe

Zwar investiert die Bundesregierung jährlich mehr als zwei Milliarden Euro in den Ausbau der Betreuungsplätze. Aber die Regierung in Berlin ist damit in gewisser Weise Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden.

Denn Forscher sehen vor allem den Ausbau der Betreuungsplätze als Grund, warum Frauen inzwischen mehr Kinder bekommen.

Martin Bujard, Forschungsdirektor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden, sagt im Gespräch mit der HuffPost: "Die aktuelle Familienpolitik verbessert die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, insbesondere der Ausbau von Kindertagesstätten sorgt für einen langfristigen Effekt beim Anstieg der Geburtenrate."

Laut Bujard profitieren insbesondere Akademikerinnen von dieser Maßnahme. Auch das 2007 eingeführte Elterngeld, so zeigen aktuelle Studien, motiviert Paare, Kinder zu bekommen.

Aber trotz der Investitionen fehlen in Deutschland aktuell rund 300.000 Kitaplätze für Kleinkinder unter drei Jahren, wie eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) im Mai zeigte.

“Deutschland braucht mehr als eine Millionen Plätze – im letzten Jahr lagen wir gerade mal bei 720.000 Plätzen”, klagt der IW-Ökonom Wido Geis.

Was abstrakt klingt, hat gravierende Folgen für Eltern. Erst kürzlich schilderte die Leipziger Architektin Claudia Menschel in der HuffPost, wie sie mit der Suche nach einem Kitaplatz scheiterte - mit anschließendem Verdienstausfall und einem kostspieligen Klageverfahren gegen die Stadt.

Die Gründe für die Kita-Katastrophe sind vielfältig.

Auf dem Land lässt sich mit einem Erziehergehalt meist gut leben - in Hamburg, München und im zunehmend teuren Berlin nicht. Die Städte finden also kaum Erzieher.

Verschärft wird die Situation dadurch, dass viele Kita-Angestellte nur Teilzeit arbeiten, was automatisch zu einer noch geringen Bezahlung führt.

In München, so heißt es im Sozialreferat, müssen Erzieher teilweise Zweitjobs annehmen, um sich die Stadt leisten zu können.

Auf eine Handvoll freie Kitaplätze kommen in manchen Münchner Betreuungseinrichtungen deshalb mehr als 1000 Kleinkinder auf der Warteliste.

Ein weiterer Grund, warum Erzieher fehlen: Die Politik hat falsch geplant.

Die Bundesregierung garantierte ab 2012 per Gesetz, dass jedes Kind unter drei Jahren einen Kitaplatz bekommt. Nicht bedacht hatte man aber anscheinend, dass der Betreuungsschlüssel für Kleinkinder viel höher ist als der für ältere Kinder.

Sprich: Für kleine Kinder sind mehr Betreuer nötig. Der Bedarf an Erziehern ist damit sprunghaft gestiegen.

Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung aus dem Herbst 2016 fehlen bundesweit mehr als 100.000 Erzieherinnen und Erzieher. Die zusätzlichen Stellen würden 4,8 Milliarden Euro kosten. Das Geld müssen die Kommunen aufbringen - von denen viele tief verschuldet sind.

Und so angespannt die Situation ist, sie könnte noch schlimmer werden:

Denn derzeit gehen gerade einmal die Hälfte der Kinder in Ostdeutschland und knapp ein Viertel der Kinder in Westdeutschland überhaupt in die Kita. Wollen mehr Eltern ihre Kinder in Kitas schicken, würde das die Situation noch verschärfen. In den Großstädten, so zeigen Studien, wollen jetzt schon fast alle Eltern ihre Kleinkinder in die Kita schicken.

Und es gibt noch mehr Gründe für den Erziehermangel.

Der Beruf ist für viele junge Menschen unattraktiv. Es gibt kaum Aufstiegsmöglichkeiten, abgesehen davon, später einmal eine Kita zu leiten. Auch in anderen Branchen sind Erzieher nicht sonderlich begehrt.

Die fehlenden Aufstiegschancen führen dazu, dass es kaum zu Gehaltserhöhungen kommt. So verdienen Erzieher zwar beim Berufseinstieg im Schnitt genauso viel wie Facharbeiter - allerdings bleiben sie ihr Berufsleben lang meist bei einem Durchschnittsgehalt von rund 2400 Euro brutto.

Viele Großstädte stehen außerdem vor dem Problem, dass Kitas oder Kinderläden in Konkurrenz zu Geschäften, Büros und Wohnungen stehen.

Angesichts der hohen Mieten in den Metropolen sind Kitas kaum wirtschaftlich zu betreiben. Auch strenge Gewerbeauflagen verhindern häufig, dass zum Beispiel Kinderläden eröffnen.

2. Die Behörden sind überfordert

Mit den vielen Leistungen, die der Staat in den vergangenen Jahren für Familien eingeführt hat, steigt auch der Verwaltungsaufwand. Viele Städte sind überfordert.

In Berlin zum Beispiel müssen Eltern teils monatelang auf Elterngeld warten, weil die Behörden überlastet sind.

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Erste Worte, erstes Durchschlafen - und der erste Kita-Platz: All das ist Thema in unserer Eltern-Gruppe bei Facebook. Meldet euch hier an.

“Besonders für viele Alleinerziehende ist das existenziell bedrohlich“, warnt Alexandra Szwaczka vom Verband alleinerziehender Mütter und Väter Berlin.

3. Betreuungskrise im Kreißsaal

In Deutschland fehlen Hebammen. Zwar stieg deren Zahl in den vergangenen Jahren leicht an - doch nicht genug, um die hohe Geburtenrate abzufangen. Hinzu kommt: Fast drei von vier Hebammen arbeiten inzwischen Teilzeit, 2002 war es nur die Hälfte.

Für Schwangere kann das gravierende Auswirkungen haben. Frauen berichten von Panik, weil sie keine Begleitung für die Zeit vor und nach der Geburt finden.

Die Hamburgerin Christina Osterholt zum Beispiel ist gerade schwanger und schilderte ihre Situation in der HuffPost kürzlich so: “Es zeigte sich, dass meine Ängste berechtigt waren, dass ich keine Hebamme finde. Schon nach zwei bis drei Tagen hatte ich zehn bis fünfzehn Absagen. Mit jeder Absage habe ich die Hoffnung mehr verloren.”

Ihrem Ärger machte sie in einem wütenden Brief an den Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz und den Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe Luft.

Der Grund für den aktuellen Hebammenmangel scheint auf den ersten Blick absurd: Viele von ihnen können sich die steigende Haftpflichtversicherung nicht mehr leisten. Für freie Hebammen ist die Summe in den vergangenen Jahren von 404 Euro im Jahr 2000 auf aktuell 6247 Euro gestiegen, wie die "Berliner Zeitung" berichtet.

Für viele ist das zu viel Geld - sie geben ihren Job auf oder müssen sich einen zweiten Arbeitgeber suchen.

4. Aufnahmestopp bei Kinderärzten

Angst haben viele Schwangere nicht nur, weil Hebammen fehlen, sondern auch, weil sie keinen Kinderarzt finden.

Im vergangenen Jahr klagte eine Münchner Mutter in einem Beitrag der HuffPost: “Ich habe Angst um mein Baby”.

Zunächst habe sie in ihrem Viertel nach Kinderärzten gesucht, erzählt sie. Doch alle Mediziner sagten, sie würden nur Privatpatienten nehmen. Der einzige, der auch Kassenpatienten akzeptierte, hatte jedoch einen Aufnahmestopp verhängt.

Mittlerweile hat sie zwei Dutzend Ärzte auch in den Nachbarvierteln abgeklappert. "Mich würde es ja nicht stören, ein paar Kilometer zum Arzt zu fahren, aber alle sagen, sie sind voll oder nehmen eben nur Privatpatienten."

Bis zu 30 Kilometer müssten Eltern mit ihrem Nachwuchs im Einzelfall bis zur nächsten Praxis inzwischen fahren, warnte Brigitte Dietz, Pressesprecherin des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Bayern, schon im vergangenen Jahr.

Und erst Anfang Juni schlug der Berufsverband der Kinder- und Jugendmediziner Alarm: Viele Kinderärzte verhängten in den vergangenen Monaten Aufnahmestopps, weil sie überlastet sind.

Rechnerisch gelten die allermeisten Regionen in Deutschland als ausreichend mit Kinderärzten versorgt.

Das Problem, wie Jakob Maske vom Vorstand des Landesverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Berlin erklärt, ist aber:

"Der Bedarf an Kinderärzten wurde Anfang der 90er-Jahre berechnet." Mit dem aktuellen Babyboom rechnete damals noch niemand.

Weitere Gründe für den Mangel an Kinderärzten seien, dass viele seiner Kollegen sich spezialisiert hätten und für die normale Versorgung einschließlich der Vorsorgeuntersuchungen gar nicht mehr zur Verfügung stünden.

Außerdem würden immer mehr Kinderärzte nicht mehr Vollzeit arbeiten.

"Der Bedarf muss deshalb dringend neu berechnet werden", fordert Maske in der “Berliner Morgenpost”.

Vom Baby-Boom zur Baby-Krise?

All diese Beispiel zeigen: Die Situation ist ernst. Zwar helfen sich noch viele Eltern selbst - gründen zum Beispiel Krabbelgruppen oder finden nach langer Suche doch eine Hebamme oder einen Kinderarzt.

Doch klar ist auch: Geht es so weiter, steigt der Frust - und viele Eltern werden es sich zwei Mal überlegen, ob sie Kinder bekommen oder nicht.

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(ll)

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