POLITIK
19/06/2017 11:05 CEST | Aktualisiert 19/06/2017 18:43 CEST

Szenen wie im Krieg: In London zeigt sich die Spaltung der britischen Gesellschaft

Neil Hall / Reuters
"London ist zu einer Kriegszone geworden": Der Besorgnis erregende Absturz der britischen Hauptstadt ins Chaos

Bewaffnete Spezialeinheiten patrouillieren in Londons Straßen. Schon wieder.

In der Nacht auf Montag ist ein Mann mit einem Fahrzeug in eine Menschengruppe vor einer Moschee gefahren. Alles deutet auf einen islamfeindlichen Hintergrund der Tat hin, bei der mindestens ein Mensch ums Leben kam.

Nach dem islamistischen Terroranschlag auf der London Bridge und dem Selbstmordattentat in Manchester ist es wohl bereits die dritte tödliche Terrorattacke in Großbritannien innerhalb eines Monats.

Hass zwischen Muslimen und Islamfeinden eskaliert

Das Land führt nicht mehr einfach einen Kampf gegen den radikalen Islam, das hat spätestens die vergangene Woche gezeigt. Großbritannien kämpft verzweifelt dagegen, im Chaos der gesellschaftlichen Spaltung und der politischen Führungsschwäche zu versinken.

Besonders deutlich wird das in London. "Ich will alle Muslime töten“, soll der mutmaßliche Attentäter vor der Finsbury-Park-Moschee laut Augenzeugenberichten gerufen haben.

Die Terroristen haben damit wohl ihr Ziel erreicht. Sie haben die britische Gesellschaft gespalten – das einfache Dogma "Hass provoziert mehr Hass“ hat sich in der Metropole auf dramatische Weise bewahrheitet.

Harun Khan, Generalsekretär des britischen Muslimenrats klagt, bereits in den vergangenen Wochen habe es viele "islamfeindliche Vorfälle“ gegeben. Die Attacke vor der Finsbury-Park-Moschee sei nur er gewaltsamste Auswuchs eines besorgniserregenden Trends.

Nach dem islamistischen Anschlag auf der London Bridge kam es in Großbritannien zu einem drastischen Anstieg der Hasskriminalität. Zahlen, die der Londoner Bürgermeister Khan veröffentlichte, zeigen: Allein in der Hauptstadt kam es seither täglich zu durchschnittlich 54 Übergriffen – das ist ein Anstieg um 40 Prozent.

Die Briten sind wütend – auch wegen der Grenfell-Tragödie

Doch nicht nur die Angst vor dem Terror liegt wie eine düstere Wolke über London.

Die gesellschaftliche Spaltung Großbritanniens zeigte sich auch vergangene Woche beim Brand eines Hochhauses.

Etwa 12 Kilometer weiter westlich des Finsbury Parks steht die Ruine des ausgebrannten Grenfell Towers. Der nun vollkommen schwarze Wohnklotz wirkt wie ein düsteres Mahnmal für eine verfehlte Sozialpolitik unter der besonders viele muslimische Briten leiden.

Rund 58 Menschen starben bei dem Feuer, weil der Sozialbau trotz massiven Drängens der Bewohner nicht den Brandschutzauflagen entsprach.

Tausende Londoner gingen nach dem Feuer auf die Straße. Der bekannte Londoner Musiker und Poet Akala brachte ihre Wut auf den Punkt: "Die Leute mussten sterben, weil sie arm waren.“ In reichen Gegenden wäre es nie zu einer solch Tragödie gekommen.

Der Fall wirft ein Schlaglicht auf die Situation von Minderheiten in der britischen Hauptstadt. Zahlen zeigen, dass ethnische Minderheiten in London zu einer doppelt so hohen Wahrscheinlichkeit Geringverdiener sind als Weiße. In Zeiten drastisch steigender Mietpreise bleibt ihnen oft keine andere Wahl, als in baufälligen Sozialwohnungen unterzukommen.

Die Ersten sprechen von einem "Failed State"

Im Zentrum der Kritik steht die konservative Tory-Regierung. Eben jene Politiker, die heute die Brexit-Verhandlungen aufnehmen sollen.

Der Beginn der schicksalhaften Gespräche mit der EU fällt in eine Phase, in der erste Kommentatoren, wie der britische Journalist Richard Butt, bereits die Phrase "Failed State“ in den Mund nehmen.

Denn auch auf die Gefahr des Extremismus finden die Tories keine Antwort. Das zeigte sich in London nun mehrfach, ebenso wie zuvor in Manchester.

Die britische Premierministerin hatte bereits in ihrer Zeit als Innenministerin Polizei, Feuerwehr und National Health Service ausgedünnt – um Geld zu sparen.

Zuletzt haben die Tories ihre Rhetorik gegen den Islam verschärft, für eine Schließung der Grenzen geworben, eine Begrenzung der Zuwanderung und Einschränkungen der persönlichen Freiheit gefordert.

Doch all das scheint nur eines zu erreichen: dass die gesellschaftliche Spaltung in Großbritannien weiter wächst.

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(ben)

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