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19/06/2017 16:33 CEST | Aktualisiert 28/09/2017 12:01 CEST

Kinderarzt Remo Largo erklärt: Mit diesem Fehler schaden Eltern ihren Kindern

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Viele Eltern denken, sie könnten ihr Kind über sein Potenzial hinaus fördern - ein Irrglaube.

Sie wollen nicht mehr in die Schule gehen, können nachts nicht schlafen, fühlen sich traurig und bedrückt: Schon die Kleinsten in unserer Gesellschaft leiden unter psychischem Stress und hohem Erwartungsdruck, warnen Psychologen.

Erziehungsexperten versuchen Antworten darauf zu finden, warum inzwischen schon bei Grundschülern Burnout-Syndrome diagnostiziert werden und was eigentlich aus der Idee einer unbeschwerten Kindheit geworden ist.

Kaum jemand im deutschsprachigen Raum hat sich mit dem Thema Kindererziehung wohl so lange und lebensnah beschäftigt wie der Schweizer Kinderarzt Remo Largo.

Auch wenn sein erstes Buch “Babyjahre” schon fast zwei Jahrzehnte alt ist, gehört es noch immer zur Grundausstattung junger Eltern.

Viele Eltern wollen ihr Kind maximal fördern - auch über sein Potenzial hinaus

Seit mehr als 30 Jahren befasst sich der “bekannteste Kinderarzt der Schweiz” mit der kindlichen Entwicklung und dem Einfluss, den unsere Gesellschaft darauf hat.

Largo, der selbst Vater von drei Töchtern und auch lange schon Großvater ist, beobachtet ein entscheidendes Problem in der modernen Erziehung: Er ist der Ansicht, dass viele Eltern eine falsche Vorstellung davon haben, wie ihr Kind zu einem glücklichen, erfolgreichen Menschen heranwächst.

“Ein Kind ist darauf ausgelegt, sein Begabungspotenzial auszuschöpfen”, sagte er der HuffPost. “Doch in unserer Gesellschaft ist das für viele unglaublich schwer geworden.”

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Schuld sei ein Irrglaube, dem viele Eltern unterliegen. “Viele Eltern versuchen, ihr Kind über sein Begabungspotenzial hinaus zu fördern”, erklärt er. “Das ist aber nicht möglich.”

Die Folge: “Sie überfordern das Kind und verunsichern es.”

Eltern müssen die Grenzen ihrer Kinder akzeptieren

Largo zieht einen simplen Vergleich: “Jedes Kind ist verschieden groß. Wenn ein Kind zu wenig Nahrung bekommt, wird es kleiner. Wird es überfüttert, wird es nicht größer, sondern nur dick. So ist es auch mit den geistigen Fähigkeiten.”

So wie das körperliche Wachstum eines Kindes also limitiert ist, stößt es auch bei seinen Begabungen und Stärken an klare Grenzen.

(Das hat Largo übrigens zu Kindern zu sagen, die nicht gehorchen; der Text geht nach dem Video weiter:)

Ein Kinderarzt erklärt: Das ist der oft übersehene Grund, warum Kinder ihren Eltern nicht gehorchen

Eltern müssten erkennen und akzeptieren, dass ihr Kind in manchen Feldern besser sei als in anderen und dass es nichts bringe, die nicht so stark ausgeprägten Fähigkeiten ohne Rücksicht auf seine eigentlichen Bedürfnisse verbessern zu wollen, erklärt Largo.

Dass Eltern ihre Kinder über ihr Potenzial hinaus versuchen zu fördern, lässt sich laut Largo durch den gesellschaftlichen Druck erklären.

Zu viel Förderung führt nicht zu mehr Erfolg

Andere Eltern und Erzieher in der Kita setzten Maßstäbe, wie weit ein Kind in einem bestimmten Alter in seiner Entwicklung sein müsse. Und in der Schule gehe es weiter - mit starren Lehrplänen und oft unflexiblen Lehrern.

“Wenn das eigene Kind dann beispielsweise weniger gut lesen und rechnen kann, als es nach dieser Vorstellung sollte, löst das bei den meisten Eltern Ängste aus.”

Die Reaktion vieler Eltern: stärkere Förderung - auch dort, wo das Potenzial des Kindes bereits voll ausgeschöpft ist. Damit entstehe die Gefahr der Überlastung, warnt Largo.

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“Eltern dürfen ihre Kinder nicht überfordern”, sagt er. “Die zunehmende Zahl der Burnout-Fälle selbst bei Kindern zeigt aber, dass viele Eltern genau das tun. Die Kinder wollen dann nicht mehr lernen, können nicht mehr schlafen, fühlen sich niedergeschlagen.”

Largos Rat: “Bemerken Eltern, dass sie ihr Kind überfordern, sollten sie sich selbst hinterfragen und sich ehrlich überlegen, weshalb sie solchen Druck machen.”

Viele Eltern machen sich selbst großen Druck

Die Ursache für ein solches Verhalten der Eltern, so Largos Erfahrung, sei nämlich in vielen Fällen gleich.

“Der Grund ist häufig die eigene existenzielle Verunsicherung der Eltern”, sagt er.

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“Sie haben Angst, dass sie ihren Lebensstandard nicht halten können und fürchten, dass die Lebensqualität für ihre Kinder nicht mehr so hoch sein könnte wie bei ihnen. Sie versuchen deshalb, die Kinder extrem zu fördern - in dem Glauben, das mache die Kinder klüger und damit auch erfolgreicher. Doch das ist ein Irrglaube.”

Was sollten Eltern also anders machen? Largos Antwort darauf ist einfach.

Kinder müssten nicht die ganze Zeit beschäftigt und gefördert werden.

Eltern sollten ihre Kinder sinnvolle Erfahrungen machen lassen

“Eltern sollten Vertrauen haben in die Kinder”, sagt er. “Ihre Aufgabe ist nicht, die Kinder mit allen möglichen Dingen zu fördern, sondern ihnen sinnvolle Erfahrungen zu ermöglichen, zum Beispiel mit anderen Kindern.”

Dann, so erklärt er, werde das Kind auch Erfolg haben. “Denn es wählt das aus, was es für seine Entwicklung braucht und was es kann.”

Ohne diese Erfahrungen werde ein Kind verunsichert - und das habe laut Largo wiederum negative Auswirkungen auf sein Lernverhalten. Bei einer übermäßigen Förderung kann sich außerdem der gewünschte Effekt umkehren und das Kind stattdessen Lernschwierigkeiten entwickeln.

“Ein Neunjähriger ist dann beispielsweise beim Lesen auf dem Entwicklungsstand eines Siebenjährigen - obwohl seine Eltern genau das Gegenteil erreichen wollten - nämlich, dass er besser ist als die Anderen.”

Falsche Förderung führt zu einer Überforderung

Diese falsche Förderung führe zwangsläufig zu einer Überforderung in der Schule und diese wiederum zu Misserfolgen, warnt der Mediziner.

Die Folgen seien dramatisch: “Das Gefühl des Versagens zerstört das Selbstwertgefühl immer mehr, bis wir es mit einem zutiefst verunsicherten Erwachsenen zu tun haben, der sich nichts zutraut und Probleme hat, sich in der Berufswelt zurechtzufinden.”

Und damit ist Largo bei einer Botschaft angelangt, die er seit Jahrzehnten predigt - Kinder so nehmen, wie sie sind.

“Es ist deshalb wichtig zu akzeptieren, dass sich jedes Kind auf seine Weise und in seinem Tempo entwickeln will. Dazu gehört also anzuerkennen, dass jedes Kind anders ist.”

Eine Botschaft, die sich alle Eltern noch mehr zu Herzen nehmen sollten - auch wenn sie völlig selbstverständlich klingt.

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(lm)

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