Der Anschlag vor einer Londoner Moschee hat offenbart, wie perfide die britische Presse Hass schürt

Veröffentlicht: Aktualisiert:
BRITISH MEDIA
Der Anschlag vor einer Londoner Moschee hat gezeigt, wie perfide die britische Presse Hass schürt | Twitter
Drucken
  • Viele Briten werfen den Boulevardzeitungen Doppelmoral im Umgang mit Terroranschlägen vor
  • Den Angriff auf Muslime vor der Moschee in Finsbury Park deklarierten die Medien lange nicht als Terrorismus
  • Bei islamistischen Anschlägen war das stets anders – dahinter steckt wohl Strategie

"Glattrasierter weißer Mann von Polizisten festgenommen“, schrieb die britische "Daily Mail“. "Weißer Transporter-Fahrer verletzt zehn Menschen“, hieß es auf der Webseite der Zeitung an anderer Stelle.

In der Nacht von Sonntag auf Montag hielt sich die britische Boulevardpresse ungewohnt bedeckt. Ein Mann hatte vor der Moschee im Londoner Viertel Finsbury Park sein Fahrzeug in eine Gruppe Gläubige gesteuert.

Die Leser britischer Medien sind anderes gewohnt: Mit martialischen Schlagzeilen haben die Boulevardzeitungen dort zuletzt auf Terroranschläge reagiert, noch bevor die Polizei die Hintergründe der Taten überhaupt bekannt gegeben hatte.

Sogar als "Attacke gegen das Christentum“ hatte eine Zeitung einen Anschlag in der Vergangenheit betitelt.

Nun, da Muslime Opfer eines offenbar islamfeindlichen Angriffs wurden, halten sich die Journalisten und Reporter der Boulevardpresse zurück. Und in Großbritannien sind viele Menschen wütend über die Doppelmoral ihrer Medien.

"Ich habe die Überschrift der 'Daily Mail' zum Terrorangriff heute verbessert", schrieb ein Nutzer auf Twitter. Er hatte unter anderem die Wörter "Terrorist" und "für den Mord von Menschen" hinzugefügt.

Auch die berühmte Autorin J.K. Rowling schrieb bei Twitter: "Die 'Mail’ ("Daily Mail“, Anm. d. Red.) hat Terrorist als Van-Fahrer falsch geschrieben. Jetzt lasst uns darüber reden, wie er radikalisiert wurde.“

"Dschihadistische Mörder auf unseren Straßen"

Eigentlich sollte es völlig klar sein, dass nicht nur islamistischer Terrorismus Terror ist. Doch hinter den inkonsequenten Reaktionen der Boulevardmedien steckt offenbar eine Strategie.

Gerade die auflagenstarken Zeitungen "Daily Mail“, "Sun“ und "Daily Express“ sind bei rechten und einwanderungskritischen Lesern beliebt. Der ehemalige "Daily Mail“-Reporter Brendan Montague klagte sogar einmal über den "institutionellen Rassismus“ in der Redaktion der Tageszeitung.

Ein Blick auf einige Schlagzeilen der britischen Presse zeigt, wie die Zeitungen offensiv versuchen, Stimmung zu schüren – und rechte Lesergruppen zu erreichen.

"Muslimischer Konvertit köpft Frau in ihrem Garten“, "Dschihadistische Mörder auf unseren Straßen“, "Muslime sagen den Briten: Fahrt zur Hölle!“ All das sind Schlagzeilen, wie sie in den vergangenen Jahren auf den Titelblättern millionenfach verkaufter Tageszeitungen landeten.

Die "Sun“ wurde im vergangenen Jahr gerügt, da die Schlagzeile "Einer von fünf britischen Muslimen sympathisiert mit Dschihadisten“ faktisch nicht gedeckt war.

"BBC sind Muslime wichtiger als ihr“, provozierte die Zeitung "Daily Star“, als der britische Staatssender beschlossen hatte, sich in Satiresendungen nicht über Muslime lustig zu machen.

"Ramadan a Ding-Dong“ spottete die "Sun“ einmal, als ein britischer Sender beschloss, den muslimischen Gebetsruf während des Fastenmonats Ramadan im Live-Fernsehen zu übertragen.

Im Zuge des Brexit wurde es schlimmer

Die Schlagzeilen haben einen massiven Einfluss auf die Meinungsbildung vieler Briten. Das zeigen auch Untersuchungen der Universität von Cambridge und der Universität von Leicester.

Muslime hätten bei einer Befragung im vergangenen Jahr berichtet, dass sie sich verurteilt fühlten und es eine "krasse Atmosphäre der Feindseligkeit" gäbe, erklärte die Politologin Roxane Farmanfarmaian von der Universität Cambridge.

Besonders im Zuge der Brexit-Verhandlungen habe sich die Rhetorik noch einmal verschärft. "Das toxische Klima, das das Referendum umgibt, hat dazu geführt, dass Feindseligkeit wieder an die Oberfläche kommt. In politischen Reden, auf Titelseiten und (...) in den sozialen Medien“, erklärte der Kriminologe Neil Chakraborti von der Universität Leicester.

In der Brexit-Debatte sei es bald nur noch um eines gegangen: "die anderen“. Was Chakraborti wohl meint: Zuwanderer hätten, so glauben viele Ultrakonservative, den Wohlstand und die Sicherheit der Briten gefährdet, wären die in der liberalen EU verblieben.

Es ist so kaum verwunderlich, das besonders die mitunter islamophoben Zeitungen "Sun“ und "Daily Mail“ offensiv für den Brexit warben – während das linke Boulevardblatt "Mirror“ sich etwa auf die Seite des Remain-Lagers schlug.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

(ll)