Diese Krankheit haben 10 Millionen Menschen - sie bemerken sie erst, wenn ihnen ein Wurm durchs Auge kriecht

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Bevor die Würmer angefangen haben, durch Jean-Marie Pongomokes Auge zu kriechen, führte er ein normales Leben. Er stand um 5 Uhr morgens auf, jagte Antilopen im Busch und nahm sie abends aus. Er reparierte Affenfallen und polierte seine Waffe.

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Doch vor zehn Jahren bekam Pongomoke plötzlich Sehprobleme. In abgedunkeltem Licht konnte er kaum mehr etwas erkennen, in der Sonne bekam er Schmerzen. Er hatte Juckreiz am ganzen Körper und spürte ein Zappeln um seine Augen. Er fing an zu weinen, wenn er mehr als ein paar Seiten am Stück las. Erst Jahre später, die er voller Schmerzen durchlebte, fand er er heraus, was ihm fehlte.

"Ich fragte die Leute, was in meinem Auge ist. Sie antworteten, dass ein Wurm durch mein Auge kriecht", sagte Pongomoke, der im Kongo wohnt.

10 Millionen Menschen leiden an Loiasis

Hinter dem Horror, den sie sahen, steckt eine durch Parasiten übertragbare Krankheit. Sie heißt Loiasis oder schlicht afrikanischer Augenwurm. Sie wird durch den Loa Loa Wurm übertragen, der in bestimmten Regenwaldgebieten und in über zehn Ländern in Zentral- und Westafrika vorkommt.

10 Millionen Menschen leiden an der Krankheit, rund 29 Millionen könnten sich anstecken. Das Krankheitsbild ist immer noch nicht vollends erklärbar, obwohl Loiasis schon im Jahr 1770 entdeckt wurde. Von französische Chirurgen, die in der Karibik und auf Schiffen arbeiteten, die Sklaven von Westafrika nach Amerika brachten.

Obwohl der Wurm schrecklich anzusehen ist, wird derzeit nicht davon ausgegangen, dass er zu Sehverlust oder anderen bleibenden Schäden führen kann. Dennoch gibt es so viele Fehlinformationen und Verwirrung um die Krankheit, dass infizierte Menschen oftmals nicht mehr wissen, was sie tun sollen.

Nachdem Pongomoke erfahren hat, woran er litt, wollte er den Wurm sofort aus deinem Auge bekommen - ihm waren alle Mittel recht. "Ich habe jemanden gesucht, der mir den Wurm mit einer Nadel aus meinem Auge entfernt", sagte er.

Fliegen übertragen die Wurm-Larven in den menschlichen Körper

Verbreitet wird die Krankheit von Hirsch- oder Mangofliegen. Sie beißen die infizierten Menschen, und übergeben ihnen so die Larven der Würmer. Die nudelartigen Würmer können innerhalb von drei Jahren bis zu sieben Zentimeter groß werden und bis zu 17 Jahre im menschlichen Körper bleiben.

Die Würmer wachsen so schnell, dass Patienten Schwellungen oder Ausschläge von den Baby-Würmern, die Mikrofiliarae genannt werden, bekommen können. In Extremfällen kamen 200.000 bis 300.000 solcher Mikrofiliare auf einen Milliliter Blut. In manchen Fällen spüren die Patienten aber auch gar nichts, bis der ausgewachsene Wurm anfängt, durch das Auge zu kriechen - dieser Prozess kann sich von einigen Minuten bis hin zu mehreren Tagen erstrecken.

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Der Wurm könnte behandelt werden

In den USA können die Würmer bei den Menschen, die sich im Ausland mit der Krankheit angesteckt haben, in einer Operation oder durch eine Blutwäsche entfernt werden. Außerdem gibt es mittlerweile auch Medikamente, die sowohl ausgewachsene als auch Baby-Würmer töten können. Für viele Infizierte in Afrika gibt es aber keine Tabletten oder Behandlungen, um den Parasit loszuwerden.

Manchmal verschwindet die Infektion nach einigen Jahren von alleine - aber es dauert Jahre, bis die Würmer auf natürliche Weise sterben. Und das Opfer könnte zwischenzeitlich auch neu infiziert werden.

Das alles bedeutet, dass Pongomoke, der tief im Busch in Kongo wohnt, keine Möglichkeit hatte, die Kreaturen in seinem Körper loszuwerden.

Nach einigen missglückten und amateurhaften Chirurgie-Versuchen wandte sich Pongomoke an das einzige, das er als Hilfe kannte: den Busch. "Ich habe traditionelle Medizin aus dem Wald verwendet", sagt er.

Und damit ist er nicht alleine.

Nicht einmal die WHO widmet sich der Krankheit

Diese Krankheit ist so weit weg vom Radar der globalen medizinischen Gemeinschaft, dass sie es nicht einmal auf die WHO-Liste von vernachlässigten tropischen Krankheiten geschafft hat. Dort werden verschiedene Gruppe von Infektionen aufgeführt, die einige der ärmsten Gemeinschaften in den Entwicklungsländern beeinflussen könnte.

Vergangenes Jahr sorgten französische Wissenschaftler dafür, dass der Krankheit mehr Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Sie errichteten sogar einen Spendenfond, nachdem sie in einer Studie Erschreckendes herausgefunden haben: Als sie 3000 Patienten in Kamerun über 15 Jahre hinweg untersucht haben, entdeckten sie eine weit höhere Sterberate als angenommen.

Die Forscher kamen außerdem zu dem Resultat, dass die Krankheit über einen langen Zeitraum hinweg viel schädlicher sein kann, als ursprünglich gedacht. Allerdings muss das noch genauer untersucht werden.

Es muss viel mehr geforscht werden

"Es gibt wirklich auf allen Ebenen einen klaren Mangel an Forschung", sagte der Studienleiter Cédric Chesnais. "Während die örtlichen Populationen von Zentralafrika mit dieser parasitären Infektion sehr vertraut sind, herrscht bei vielen Ärzten, Forschern und dem öffentlichem Gesundheitspersonal immer noch eine große Unwissenheit."

Für den Augenblick gibt es jedoch wenigstens ein bisschen Hilfe für Pongomoke und andere aus der Region, die sich infiziert haben. Dennoch: Alles was sie tun können, ist zu warten, bis die Würmer in ihrem Körper abgestorben sind - und darauf zu hoffen, dass sie nicht von einem neuen Fliegenbiss angesteckt werden.

Dieser Artikel erschien zuerst bei der HuffPost US und wurde von Bettina Pohl ins Deutsche übersetzt. Er wird von der Bill & Melinda Gates Stiftung unterstützt. Jeglicher Inhalt ist redaktionell unabhängig und ohne Einfluss oder Beitrag der Stiftung entstanden.

(jg)