"Türkische Hochzeiten sind größer als die Demo": Medien kritisieren Friedensmarsch der Muslime

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COLOGNE MUSLIM
"Türkische Hochzeiten sind größer als die Demo": Medien kritisieren Friedensmarsch der Muslime | Sascha Schuermann via Getty Images
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Es war ein ernüchterndes Bild. Statt der von den Veranstaltern erwarteten Zehntausenden waren nur rund 1000 Menschen zum muslimischen Friedensmarsch nach Köln gekommen.

Und darunter waren – wie "Spiegel Daily“-Redakteur Timo Lokoschat bei Twitter nicht ohne Polemik bemerkte – auch "viele Deutsche ohne Migrationshintergrund“. "Klaus und Ute sagen #nichtmitmir. War anders geplant“, schrieb Lokoschat am Samstag.

Die Veranstaltung, die als kollektives Aufbegehren deutscher Muslime gegen Terror und Extremismus eine starke Signalwirkung entfalten sollte, sorgte so vor allem für Spott in den sozialen Medien.

Auch die deutschen Medien zogen ein ernüchterndes Fazit – doch nicht alle wollen in die pauschale Kritik der Veranstaltung einstimmen.

"Welt": "Schmerzhaft wenige"

Die "Welt“ urteilte besonders hart. "Viele türkische Hochzeiten sind größer als diese Demo“, schrieb die Zeitung.

Die Veranstaltung sei bereits der zweite gescheiterte Versuch gewesen, "einen Aufstand der Anständigen unter den Muslimen zu organisieren“. Auch die  "Mahnwache der muslimischen Verbände" am Brandenburger Tor nach den Charlie-Hebdo-Anschlägen im Frühjahr 2015 sei von "schmerzhaft wenigen“ Muslimen besucht gewesen.

Das Engagement der Organisatorin Lamya Kaddor würdigte die "Welt“, schrieb dann aber: "Kaddor spricht so wenig für die deutschen Muslime wie Seyran Ates, die eine 'liberale Moschee’ in einer evangelischen Kirche betreibt oder Aiman Mazyek und sein sogenannter 'Zentralrat’.“

Der organisierte liberale Islam, von dem Politik und Medien träumten, sei so weiter ein "Potemkinsches Dorf“. Wer liberale Türken und Araber treffen wolle, müsse mit offenen Augen durch Berlin oder Köln gehen, erklärt die "Welt“.

Der Deutschlandfunk nennt die Veranstaltung gar einen "PR-Gau für die islamischen Verbände“. "Stellen Sie sich vor, Sie wollen ein Zeichen setzen. Und dann macht keiner mit“, heißt es in dem Kommentar.

Auch der Deutschlandfunk spricht Organisatorin Kaddor von der Schuld für das Debakel frei. Die sei vor allem beim türkischen Islamverband Ditib zu suchen.

"Ditib wolle sich nicht an der Demonstration beteiligen, eine muslimische Anti-Terror Demo würde Muslime selbst stigmatisieren. (…) Das ist natürlich vollkommener Humbug“, urteilt der Deutschlandfunk.

Nun – da Ditib mit seinem Boykott zum Scheitern der Veranstaltung beigetragen hat – bestehe dagegen die Chance, "dass islamophobe, rechtsgerichtete Kreise diese Demonstration heute in Köln nutzen werden, um gegen Muslime in unserer Gesellschaft Stimmung zu machen“.

"Zeit": "Die Botschaft zählt"

Auch der "Kölner Stadtanzeiger“ greift vor allem den türkischen Muslimen-Dachverband an. "Was es mit Stigmatisierung zu tun hat, gegen den islamistischen Terror auf die Straße zu gehen, ist vollkommen unerklärlich“, schreibt die Zeitung am Sonntag. Die Botschaft "bleibt zuhause“ sei jedoch angekommen – leider.

In einem Stimmungsbericht der "Zeit“ klingt das zumindest ein wenig positiver. Die "Zeit“ zitiert einen Teilnehmer: "Ditib-Absage hin oder her, was zählt, ist doch die Botschaft. Und die ist deutlich rübergekommen: Wir alle haben uns heute eindrucksvoll gemeinsam gegen Terroristen, die im Namen des Islam morden, gestellt."

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