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18/06/2017 12:05 CEST | Aktualisiert 18/06/2017 12:27 CEST

Betreuungs-Skandal: Kitas beschäftigen weniger Erzieher als vorgeschrieben – und machen so teilweise Gewinne

Sean Gallup via Getty Images
LETSCHIN, GERMANY - OCTOBER 09: Chechen siblings Amnat Musayeva (L), Ayshat Musayeva (C) and Ayna Musayeva play at the local kindergarten they attend on October 9, 2015 in Letschin, Germany. The children live with their family at an asylum-seekers' shelter in nearby Vossberg village and are waiting for local authorities to process their asylum applications. Approximately 60 asylum-seekers, mostly from Syria, Chechnya and Somalia, live at the Vossberg shelter, which is run by the Arbeiter-Samariter Bund (ASB) charity. Vossberg village is located in rural eastern Germany close to the border to Poland, and unlike shelters in southeastern Germany, it has experienced no incidents of right-wing animosity from locals, something an ASB spokesman attributes to strong cooperation between the municipality, schools and citizens' groups and an effective information campaign to educate locals about the newcomers. Germany has been inundated with hundreds of thousands of asylum applicants this year and is struggling to accommodate them. (Photo by Sean Gallup/Getty Images)

  • Kitas beschäftigen deutlich weniger Betreuer als von den Ländern vorgeschrieben

  • Sonderprüfungen deckten Missstände in NRW, Berlin und Hamburg auf

  • Private Einrichtungen in NRW und Berlin könnten dadurch sogar Gewinne machen

Dass in deutschen Kitas zu wenige Erzieher arbeiten, ist ein altbekannter Misstand.

Wie tief das Problem geht, ist dagegen überraschend. Einer Recherche der "Welt am Sonntag" zufolge werden gerade in Nordrhein-Westfalen, Berlin und Hamburg weit weniger Erzieher beschäftigt, als vom Land vorgegeben.

Dahinter könnte in einigen Fällen gar Profitstreben privater Kita-Bretreiber stecken.

Besonders groß ist die Schieflage in den Ländern Nordrhein-Westfalen und Berlin. Denn in diesen Bundesländern orientieren sich die gezahlten Subventionen an der Anzahl der Kinder in der jeweiligen Kita. Die in Berlin untersuchte Stichprobe ergab, dass 111 Kitas gemeinsam rund 163 Erzieher zu wenig beschäftigen.

Die Recherchen in NRW zeigten, dass sogar in fast jeder zweiten Einrichtung die Mindestpersonalverordnung unterschritten wird.

Die Länder bezahlten so möglicherweise für Erzieher, die es gar nicht gab. Den Hochrechnungen der "Welt am Sonntag" zufolge sind in NRW 61,6 Millionen Euro Zuschüsse zu viel an die Einrichtungen gezahlt worden. In Berlin sollen es circa sechs Millionen Euro sein.

Kitas sind haltlos unterbesetzt

Die Zahlen sind dramatisch.

Besonders brisant sind sie aber im Falle privater Institutionen. Denn für private Einrichtungen könnte eine Unterschreitung der Mindestpersonalverordnung sogar einen finanziellen Gewinn bedeuten.

Auch in Hamburg arbeiten derzeit offenbar gerade einmal 77 bis 83 Prozent der vorgegebenen Erzieher in Betreuungsgruppen von unter 3-Jährigen.

Gerade diese U3-Gruppen brauchen eine höhere Dichte an Erziehern, erklärte die ehemalige Erzieherin Ilona Böhnke zuletzt in der HuffPost.

Die Gründe für die gravierenden Missstände bleiben zunächst unklar. Branchenexperten zufolge könnte unter anderem der Fachkräftemangel eine Rolle spielen, berichtete die "Welt am Sonntag".

Ein weiterer Grund könnte aber auch die Bestrebung der Kitas sein, ihre Betriebskosten niedrig zu halten.

Das System muss besser überprüft werden

Unabhängigen Experten zufolge fehlt es dem Betreuungssystem an Kontrollinstanzen.

"Wegen der fehlenden Kontrollen ist es generell durchaus möglich, als Betreiber beim Personalbestand unter gesetzlichen Vorgaben zu bleiben, wenn man es darauf anlegt“, zitiert die "Welt am Sonntag" die Kita-Expertin der Bertelsmann-Stiftung, Anette Stein.

Hilfreich wären beispielsweise unangemeldete Kontrollbesuche in Kitas, um zu überprüfen, ob die vorgeschrieben Anzahl an Erziehern anwesend ist.

Die Missstände sind den Rechnungshöfen der "Welt am Sonntag" zufolge bereits seit bis zu fünf Jahren bekannt. Die betroffenen Bundesländer haben jedoch bis jetzt nur unzureichend auf die Problematik reagiert.

Die Berliner Senatsverwaltung kündigte nun an, bis Ende des Jahres ein Prüf-System ein digitales Prüfsystem einrichten zu wollen.

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