POLITIK
18/06/2017 10:59 CEST | Aktualisiert 18/06/2017 19:00 CEST

Eine französische Journalistin erklärt, warum der deutsche Blick auf Macron verzerrt ist

PHILIPPE HUGUEN via Getty Images
Vor der Parlamentswahl: Französische Journalistin erklärt, warum der deutsche Blick auf Macron verzerrt ist

Er ist der Popstar eines neuen Europas. Und das, noch lange bevor ein neues Europa überhaupt zur Realität geworden ist.

Besonders in Deutschland verbinden viele den französischen Präsidenten Emmanuel Macron mit einer Aufbruchstimmung, die weit über die Grenzen seines Landes hinausreicht.

Macron will die EU reformieren – und die wichtigen Vertreter der deutschen Parteien haben bereits signalisiert, sie seien dafür offen.

Heute wird sich Macron bei der Endrunde der französischen Parlamentswahl aller Voraussicht nach die Parlamentsmehrheit für seine ambitionierten Vorhaben sichern.

Und in Deutschland blickt man fast ein bisschen neidisch nach Paris, wie die französische Schriftstellerin und Journalistin Pascale Hugues beobachtet hat. Im "Tagesspiegel“ schreibt sie: "Mir kommt es so vor, als wären die Deutschen viel enthusiastischer als die Franzosen, von denen nicht viele aus echter Überzeugung für Emmanuel Macron gestimmt haben.“

In der ersten Runde der Parlamentswahl gab es mit 48,7 Prozent eine historisch schlechte Wahlbeteiligung. Auch in der finalen Runde der Präsidentschaftswahl stimmten so wenige Franzosen ab, wie seit 1969 nicht mehr.

Das Abenteuer Macron spricht eine deutsche Sehnsucht an

Die unterschiedliche Wahrnehmung in Deutschland und Frankreich erscheint zunächst paradox. Hugues glaubt: Gerade weil der politische Siegeszug eines Newcomers in Deutschland so unwahrscheinlich scheint, lassen sich die Deutschen vom Abenteuer Macron mitreißen.

Dafür überträgt die Journalistin das, was da gerade in Frankreich passiert, auf die deutsche politische Landschaft. "Stellen Sie sich vor, CDU und SPD wären von einem Tag auf den anderen verschwunden. In nur wenigen Monaten wären sie auf ein Minimum geschrumpft, die großen Parteien hätten einer zusammengewürfelten Truppe Platz gemacht, eben erst aus dem Boden geschossen“, schreibt Hugues.

Das sei undenkbar. Zum einen, da die Deutschen keine Revolutionen mögen würden. Zum anderen, da "politische Verdrossenheit und Abscheu“ noch nicht so übermächtig seien, wie in Frankreich.

Dort hatten zahlreiche Skandale der Kandidaten die Präsidentschaftswahl erschüttert. Die Abstimmung wurde so – wie französische Medien immer wieder betonten – eine Wahl zwischen verschieden großen Übeln. Und als das kleinste setzte sich Macron durch.

"Macron segelt in stürmischen Gewässern"

Vor dem stehen nun immense Aufgaben: Die Arbeitslosigkeit liegt in Frankreich noch immer bei über 9 Prozent, besonders junge Menschen bekommen meist nur Kurzzeitverträge. Die Staatsausgaben sind viel zu hoch, die Wirtschaft dagegen weiter deutlich unter ihrem Potenzial.

Genau da will der En-Marche-Politiker ansetzen. Und hat doch schon jetzt einen gewaltigen Gegenspieler. "Die Interessenverbände werden ihre Besitzstände verteidigen, die Gewerkschaften auf die Barrikaden gehen“, erklärt Hugues.

Auch deshalb gibt die Autorin sich nur vorsichtig optimistisch: "Wenn im Herbst der deutsche Tanker mit Angela Merkel am Ruder seine ruhige Fahrt fortsetzt, wird das französische Schiff durch stürmische Gewässer segeln müssen.“

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(pb)

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