Deutschland steht vor dem radikalsten Wandel seit der Wiedervereinigung - und diese Großstädte könnten profitieren

Veröffentlicht: Aktualisiert:
STAEDTE
Deutschland steht vor dem radikalsten Wandel seit der Wiedervereinigung - und diese Großstädte könnten profitieren | Getty
Drucken

Kürzlich sorgte der Fall eines jungen Mannes für Schlagzeilen. Er erzählt fast alles über den Wahnsinn, der zur Zeit in Deutschlands Millionenstädten passiert.

Der 25-Jährige Eric Hoffmann ergatterte seinen persönlichen Traumjob in München, als Videospielredakteur. Sein Nettogehalt ist nicht unbedingt üppig: Mit 1.200 Euro könnte er sich auch in Magdeburg, Essen oder Erfurt kein Luxusleben leisten.

In München jedoch läuft man mit solchen Einkünften Gefahr, in die Obdachlosigkeit abzurutschen. Auf Hunderte Inserate hatte er bei seiner Wohnungssuche geantwortet. Doch noch nicht einmal ein WG-Zimmer wollte man ihm vermieten. Und das, obwohl er bereit war, 600 Euro monatlich zu bezahlen.

Hoffmann hat aus einem früheren, besser bezahlten Job noch eine Bahncard 100 für die erste Klasse. Und so lebt er seit Monaten als Zug-Nomade. Abends steigt er in München ein, sucht sich eine möglichst günstige Verbindung, die ihn quer durch Deutschland führt und ihm genug Zeit zum Schlafen lässt. Am nächsten Tag erscheint er dann wieder zur Arbeit.

"Weltstadt mit Herz" war gestern

Eigentlich müssten sich die Verantwortlichen in der Münchner Verwaltung in Grund und Boden schämen, dass in ihrer einstmals als "Weltstadt mit Herz“ betitelten Metropole auf diese Art und Weise mit jungen Menschen umgesprungen wird.

Aber in der bayerischen Landeshauptstadt hat seit fast 20 Jahren ohnehin das Nichtstun Hochkonjunktur, wenn es um den Wohnungsmarkt geht. Man prahlt lieber mit den steigenden Einwohnerzahlen, den vielen Dax-Unternehmen und den angemeldeten Patenten. Auch deshalb ist München für die meisten Berufsanfänger zu einem Ort geworden, um den man besser einen großen Bogen macht – wenn man nicht gerade Unternehmensberater, IT-Spezialist oder Fußballprofi beim FC Bayern München ist.

So wie Hoyerswerda und Eisenhüttenstadt in den Nullerjahren zum Modell für den Rückbau von schrumpfenden Kommunen geworden sind, könnte München in diesem Jahrzehnt zum Vorbild für alles werden, was in den so genannten "Schwarmstädten“ schief läuft.

Steigende Mieten

Schwarmstädte, das sind jene Metropolen, in die es vor allem junge Menschen wie Zugvögel zieht. In Deutschland gehören die vier Millionenstädte Berlin, Hamburg, Köln und München dazu, aber auch Frankfurt, Stuttgart oder Leipzig. Entgegen der demografischen Entwicklung in diesem Land weisen die Schwarmstädte steigende Einwohnerzahlen auf.

Mit dem Zuzug werden aber auch die Wohnungen knapp, Mieten und Lebenshaltungskosten steigen. Mittelfristig hat das auch Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt: Denn natürlich können sich Angestellte in gut bezahlten Dienstleistungsjobs sowohl Mieten von sechs Euro als auch von zwölf Euro pro Quadratmeter leisten. Weniger wohlhabende Menschen werden aber an den Stadtrand gedrängt oder ziehen ganz weg.

Im Falle Münchens gehören dazu nicht nur Journalisten wie Eric Hoffmann, sondern auch Staatsbedienstete. Beispielsweise bei der Polizei, wo der Sold zu einem Problem für die Versetzung von Personal geworden ist. Was in Hof und Bayreuth für ein ordentliches Leben reicht, nötigt Münchner Vermietern nur ein gelangweiltes Stirnrunzeln ab.

Anzugträger und Rollkofferschubser

Und noch eine Folge hat der Verdrängungskampf in den Schwarmstädten: Unter den Neubürgern sind Anzugträger und Rollkofferschubser überrepräsentiert. Die Städte versnobben. Einstmals war München für seine Kreativszene in ganz Europa berühmt. Heute wird hier nur noch Kunst ausgestellt, weil sich die Künstler das Leben an der Isar nicht mehr leisten können.

Was man in München unter extremen Laborbedingungen beobachten kann, vollzieht sich in abgeschwächter Form auch in Berlin und Hamburg. In der Hansestadt ist der Mietmarkt in den Nullerjahren gekippt. Dort herrschen mittlerweile ähnlich katastrophale Zustände wie in München. In der Hauptstadt boomt seit fast einem Jahrzehnt die Wirtschaft. Konzerne verlegen ihre Zentralen nach Berlin, Think Tanks ebenso. Und nicht zuletzt floriert auch die Startup-Szene.

In den Straßen von Berlin-Moabit konnte man vor fünf Jahren noch die klassische Hauptstadt-Mischung beobachten: Unternehmer und Ministerialbeamte, die Tür an Tür mit Hartz-IV-Empfängern und Studenten wohnten.

Auch Berlin verliert seinen Charakter

Unweit des Hauptbahnhofs entsteht hier nun ein neuer Appartementturm: Dort kann man sich für 800 Euro pro Monat in ein 24-Quadratmeter-Zimmer einmieten. Fitnessstudio, Putzdienst und Concierge-Service inklusive. Leisten können sich das wohl nur Firmen, die ihre Mitarbeiter auf Zeit nach Berlin schicken.

Berlin ist gerade dabei, seinen Charakter zu verlieren.

Und es scheint so, als ob der Vogelflug der deutschen Landbevölkerung nach Berlin langsam schwächer wird. Im Jahr 2015 zogen erstmals mehr Deutsche aus Berlin weg als zu. Die Bevölkerung der Hauptstadt wächst vor allem deswegen, weil Menschen aus dem Ausland hier leben wollen.

Profitieren könnten von dieser Entwicklung vor allem die historischen Siedlungszentren in der deutschen Provinz. Vor allem in der Mitte des Landes, wo die Verkehrsanbindung gut und die Mieten weiterhin moderat sind.

Kassel ist im Kommen

Ein Beispiel dafür ist Kassel: Die Stadt – von so manchem vermeintlichen Durchblicker verlacht – hat in den vergangenen Jahren eine erstaunliche Entwicklung genommen.

Nicht nur, dass die Einwohnerzahl entgegen aller Prognosen wieder über die Marke von 200.000 gestiegen ist, dass die Region Kassel/Nordhessen mittlerweile Spitzenplätze in Innovationsrankings belegt und die Stadt in Sachen Kultur weltweit Beachtung findet.

Auch Studenten zieht es in Scharen in die frühere kurhessische Residenzstadt. Die Uni Kassel, einst als mickrige "Gesamthochschule“ gestartet, gehört heute – nach Studentenzahlen – zu den 30 größten deutschen Hochschulen.

Sie ist einer der wichtigsten Faktoren für den wundersamen Aufschwung von Kassel. Gefragt nach den Gründen für die positive Entwicklung seiner Heimatstadt sagte kürzlich auch der frühere Finanzminister Hans Eichel in der "Süddeutschen Zeitung“: "Es ist die Universität.“

Kleinere Unistädte profitieren

So wie die oft gescholtenen Uni-Neugründungen der 1960er- und 1970er-Jahre in Westdeutschland spät, aber erstaunlich oft Früchte tragen. Jetzt da die Studentenzahlen nach der Bologna-Reform steigen und der Dienstleistungssektor einen viel höheren Stellenwert hat als noch vor 50 Jahren.

In Dortmund, Bochum, Bielefeld, Wuppertal, Jena und Erfurt. Aber auch in den klassischen Unistädten wie Göttingen, Marburg, Gießen oder Darmstadt: Hier könnte eine radikale Veränderung unserer Sicht auf dieses Land beginnen.

Zwei Jahrzehnte lang schien es klar, in welche Richtung die Menschen in Deutschland wandern: Vom Land in die großen Städte, vom Zentrum in die vier Millionen-Metropolen in den Randlagen des Nordens (Hamburg), des Ostens (Berlin), des Südens (München) und des Westens (Köln). Hinzu kamen noch das Rhein-Main-Gebiet und der Rhein-Neckar-Raum.

Deutschland wird wieder föderaler

Leiden werden diese Regionen auch in Zukunft nicht. Aber es könnte sein, dass Deutschland in den kommenden Jahren wieder ein bisschen föderaler wird. Dass viele Menschen sich auch in kleineren Städten eine Existenz aufbauen können, ohne dabei das Gefühl zu haben, etwas zu verpassen. Dass die Zeiten vorbei sind, in der dieser Bundesrepublik die Zentralisierung drohte.

Deutschland ist schon immer ein Land gewesen, dass von seiner gut erschlossenen Provinz profitiert hat. Das Auto wurde nicht in Berlin erfunden. Und das Telefon nicht in München. Dieses Kapital wurde viel zu lange übersehen.

Womöglich wäre das Ende des Hypes um die Schwarmstädte also eine ziemlich gute Nachricht für Deutschland.

Mehr zum Thema: Die Entdeckung der Langsamkeit: Wie Tempo-30-Zonen unsere Städte lebenswerter machen

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

(jg)