LIFESTYLE
16/06/2017 15:45 CEST

Dieses Unternehmen stellt nur Mitarbeiter ein, die älter als 55 Jahre sind - das ist der Grund

Everyoung
Das Startup "Everyoung" hat ein interessantes Mitarbeiter-Konzept.

Jung, flexibel, erfahren und dynamisch - so stellen sich immer noch viele Unternehmen den idealen Mitarbeiter vor. Doch ein Unternehmen in Südkorea zeigt nun, dass es auch anders geht.

Denn das IT-Startup stellt ausschließlich Mitarbeiter ein, die das 55. Lebensjahr überschritten haben. Mit diesem innovativen Konzept möchte das koreanische Unternehmen aktiv gegen Altersdiskriminierung vorgehen. Könnte dieses Modell auch zu einer Blaupause für deutsche Unternehmen werden?

Aktiv gegen die Altersdiskriminierung

Bei "Everyoung“ ist das wichtigste Einstellungskriterium das Alter. Ein Bewerber muss mindestens 55 Jahre alt sein, um die Chancen auf eine Anstellung in dem südkoreanischen Start-Up zu haben.

Bewerbungen von jüngeren Interessenten werden gar nicht erst angenommen. Damit will das Unternehmen gegen die Altersdiskriminierung vorgehen.

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(Credit: Everyoung Seoul)

Gerade in Südkorea ist es üblich, dass Menschen schon vor dem offiziellen Rentenalter in den Ruhestand geschickt werden. Ein Problem, das auch in Deutschland um sich greift.

Über 400 Mitarbeiter

Der Firmengründer von "Everyoung“, Chung Eunsung, ist von seinem Ü-55 Konzept überzeugt. "Wir wollen einen Weg finden, diese Senioren in ökonomische Aktivitäten einzubinden“, sagt er gegenüber dem Nachrichtenportal "Channel News Asia“.

Das Unternehmen aus Seoul beschäftigt mittlerweile mehr als 400 Mitarbeiter. Die Angestellten bei "Everyoung“ prüfen die Inhalte von Blogs auf dem koreanischen Webportal Naver, einem Google-Äquivalent, auf sensible Inhalte. Sie geben aber auch Coding-Unterricht für Schüler.

Alle 50 Minuten gibt es eine Pause

Eine normale Schicht bei "Everyoung“ dauert in der Regel vier Stunden. Nach 50 Minuten müssen alle Mitarbeiter eine zehnminütige Pause einlegen.

Hierfür hat das Unternehmen extra einen Pausenraum mit Sofas und Büchern eingerichtet. Auch ein Blutdruckmessgerät steht zur Verfügung.

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Credit: Everyoung

Was auf den ersten Eindruck ein wenig schmunzeln lässt, ist ein wichtiger Schritt für den Umgang mit der demographischen Entwicklung in der Gesellschaft. Denn die Bevölkerung vergreist zunehmend - nicht nur in Südkorea.

Im deutschen Mittelstand ist mehr als ein Fünftel über 54 Jahre alt

In Deutschland steigt der Altersdurchschnitt in den Firmen dramatisch an. Im deutschen Mittelstand sind heute mehr als ein Fünftel aller Mitarbeiter über 54 Jahre alt.

Die Zahl dieser "Silver Worker“ wird angesichts der Prognosen in den nächsten Jahren weiter steigen. Das ergab eine Sonderauswertung einer Umfrage im Mittelstand, initiiert von der KfW-Bankengruppe im Jahr 2016.

Kim Seong-Kyu, ein Manager des südkoreanischen Startups berichtet, dass die Mitarbeiter voller Leidenschaft sind. Ebenso seien sie keineswegs langsamer als jüngere Kollegen.

Das Interesse an der Beschäftigung sei der Hauptgrund, warum sie zur Arbeit kämen. Außerdem haben die Mitarbeiter zwei Vorteile: Ihre Smartphones ließen sie in Schließfächern, außerdem seien sie nicht so leicht abzulenken wie die jüngere Generation.

Auch in Deutschland ist ein Wandel spürbar

Konzepte wie die von "Everyoung“ sind ein erster wichtiger Impuls. Auch für Deutschland, wo ähnliche Projekte bereits in einigen Unternehmen implementiert werden.

Während vor einigen Jahren Menschen ab 50 kaum noch Bewerbungschancen auf dem Markt hatten, hat sich auch diese Situation enorm gewandelt. Personalleiter und Headhunter suchen aktiv nach einer neuen Zielgruppe: "Very Experienced Persons (VEPs)" sind gefragter als je zuvor.

Das ist besonders mit Hinblick auf den demographischen Wandel signifikant wichtig. Die Mehrheit der von der KfW befragten mittelständischen Unternehmen können keine Defizite bei der Belastbarkeit älterer Mitarbeiter feststellen.

Nur 17 Prozent halten ältere Mitarbeiter für weniger belastbar als jüngere Kollegen. Geschätzt werden vielmehr Zuverlässigkeit und Erfahrung.

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"Was für ein Unternehmen wirklich zählt, ist das Talent des einzelnen Mitarbeiters und nicht sein Lebensalter“, schreibt Lothar Seiwert in seinem Buch "Das neue Zeitalter“.

Der Professor und Buchautor befasst sich seit über 30 Jahren mit dieser Thematik und gilt als Europas führender Experte für Zeit- und Lebensmanagement.

Gesteigerte Produktivität, Wissenstransfer und gegenseitiges Wertschätzen

So sehen das auch die Mitarbeiter von "Everyoung“. "Ich versuche, mit der Zeit zu gehen, und bin bereit, mir neue Fähigkeiten anzueignen“, lässt sich ein 83-jähriger Mitarbeiter bei Channel News Asia zitieren.

Er hätte dort so viele neue Fähigkeiten gelernt und genieße es, morgens zur Arbeit zu kommen.

"Jung und Alt bringen ihre Vorteile auf diese Weise zusammen. Die Resultate sind gesteigerte Produktivität, Wissenstransfer und gegenseitiges Wertschätzen“, so Seiwert.

Denn es gelte nach wie vor: Je offener Menschen zusammenarbeiten, desto besser sind natürlich auch die Arbeitsergebnisse.

"Manomama" - ein Erfolgskonzept aus Deutschland

Dass derartige Konzepte auch in Deutschland äußerst erfolgreich laufen können, zeigt das Unternehmen "manomama".

Die Gründerin Sina Trinkwalder hat für ihre Textilmanufaktur über 60 Frauen und Männer eingestellt, die als chancenlos abgestempelt wurden und somit auf dem Arbeitsmarkt quasi nicht mehr zu vermitteln waren.

Unter ihren Mitarbeitern sind viele ehemalige Hartz-IV-Empfänger und Migranten. 80 Beschäftigte sind älter als 55 Jahre.

Egal ob gelernt oder ungelernt, Trinkwalder zahlt ihren Mitarbeitern zehn Euro pro Stunde. Wie viel gearbeitet wird, entscheidet jeder selbst.

Trotzdem schreibt das Unternehmen schwarze Zahlen. Der Umsatz liegt bei acht bis neun Millionen Euro.

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(mf)

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