In Berlin gibt es eine liberale Moschee - warum das für Muslime wie Nicht-Muslime wichtig ist

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Seyran Ates vor der Johanniskirche in Berlin, die ihr den Raum für ihre Moschee vermietet hat | dpa
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An diesem Freitagvormittag ist in Berlin etwas passiert, wovon einige Menschen geträumt haben. Etwas, das an die großen Probleme in Deutschland rührt. Etwas, das längst überfällig war.

In Berlin gibt es seit Freitagvormittag eine liberale Moschee.

Die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee

Der Name: Ibn-Rushd-Goethe-Moschee. Benannt nach dem andalusischen Arzt und Philosophen aus dem 12. Jahrhundert Ibn Rushd alias Averroës, einem Vordenker der islamischen Aufklärung. Und dem deutschen Dichter Johann Wolfgang von Goethe, der die islamische Philosophie bewunderte.

Der Ort: Der ehemalige Theatersaal der evangelischen Johannis-Kirche in Berlin-Moabit. Er ist für ein Jahr gemietet.

Das Konzept: Männer und Frauen beten in einem Raum, Frauen dürfen ohne oder mit Kopftuch beten, nicht aber mit Vollverschleierung. Homosexuelle sind willkommen. Vorbeter, also Imame, sind sowohl Frauen als auch Männer. Die Moschee steht allen muslimischen Konfessionen offen. Der Koran wird historisch-kritisch ausgelegt. Der Prophet Muhammed darf kritisiert werden.

Revolution im Umgang von Muslimen und Nicht-Muslimen

Es ist ein revolutionärer Ansatz.

Einerseits für die Muslime selbst: In der Regel beten Frauen in Moscheen in einem separaten Raum oder zumindest räumlich abgetrennt hinter den Männern, angeleitet von einem männlichen Vorbeter.

Die Organisatoren der neuen Moschee halten viele der Regeln, die Frauen diskriminieren, nicht für religiös sondern politisch und kulturell begründet. Und damit für nicht bindend.

Andererseits ist der Ansatz eine Revolution im Umgang von Muslimen und Nicht-Muslimen. Nach traditioneller Auffassung ist der Koran das Wort Gottes. Darin festgelegte Regeln sind nach dieser Lesart wörtlich zu befolgen und nicht im gesellschaftlichen und historischen Kontext zu interpretieren - anders, als etwa die Bibel, die im Christentum als menschliche Überlieferung gilt.

Der traditionelle Umgang mit dem Koran macht eine Vereinbarkeit mit dem Grundgesetz zumindest in Teilen schwierig. Durch eine historische Interpretation lassen sich viele Probleme lösen. Es ist ein wesentlicher Beitrag zur Integration.

Mimoun Azizi, einer der Mitgründer der neuen Moschee, sagt der HuffPost dazu: "Die Suren im Koran können nicht umgeschrieben werden, denn der Koran ist ein Heiliges Buch, aber man kann bestimmte Aussagen anders interpretieren. Das ist aber im Islam nicht neu, sondern muss lediglich reaktiviert werden."

Die Menschen hinter dem Projekt

Die treibende Kraft hinter dem Moschee-Projekt ist die 54-jährige Anwältin, Autorin und Trägerin des Bundesverdienstkreuzes Seyran Ates. Sie wurde in Istanbul in der Türkei geboren und lebt seit ihrem sechsten Lebensjahr in Deutschland. Im Alter von 17 Jahren verließ sie ihre Großfamilie, um selbstbestimmt zu leben. Sie setzt sich für unterdrückte Frauen ein, kritisiert patriarchale Strukturen. Sie schrieb Bücher wie "Der Islam braucht eine sexuelle Revolution" und "Der Multikulti-Irrtum".

Das Team besteht aus vier Frauen und drei Männern. Neben Ates kennt man den Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi und den Publizisten Mimoun Azizi, der auch für die HuffPost bloggt.

Organisiert wird alles über eine gemeinnützige GmbH, die sich künftig über Spenden finanzieren soll.

Die Motivation war, den Konservativen und Extremen etwas entgegensetzen. "Meines Erachtens können wir gegen Hassprediger nur ankommen, wenn wir ausreichend Liebe predigen", sagt Ates. Sie will ihnen die Deutungshohheit über den Islam nicht überlassen. Azizi sagte der HuffPost: "Ich habe das Projekt unterstützt in der Hoffnung, dass wir aufzeigen können, dass die Mehrheit der hier lebenden Muslime friedlich und weltoffen ist." Er ist beunruhigt über die "einseitigen Debatten" über den Islam, über Vorurteile und gefährliches Halbwissen.

Drohungen für die liberale Muslimin

Es ist eine mutige Entscheidung. Ates hat dafür vulgärste Beschimpfungen und Drohungen entgegen geworfen bekommen. Wie gefährlich ihr Mut ist, hat Ates mehrmals erlebt.

1984 ging sie in einer Beratungsstelle für Frauen gerade mit einer Klientin Papiere vom Arbeitsamt durch, als ein rechtsextremer Türke die Frau erschoss und Ates lebensgefährlich verletzte. Nach einer ihrer Buchveröffentlichungen musste sie ihre Kanzlei wegen der Drohungen für zwei Jahre schließen.

Die großen Islamverbände sind Ates zu konservativ, entsprechend zurückhaltend reagieren sie auf die neue Moschee. Der ARD und der "Zeit" wollten sie lieber keine Stellungnahme geben.

Allerdings gibt es auch Kritik liberaler Muslime, denen die Forderungen der Moscheegründer zu weit gehen. Die "Zeit" zitiert die Vorsitzende des Liberal-Islamischen-Bundes (LIB), einer Vereinigung, die es schon seit 2010 gibt, die auch Imaminnen predigen lässt, aber keine eigene Moschee betreibt.

Nushin Atmaca sagte der Zeitung: "Eine progressive Auslegung des Islam darf keinen Absolutheitsanspruch formulieren." Ates und Ourghi hatten muslimischen Lehrerinnen und Richterinnen empfohlen, kein Kopftuch zu tragen. Atmaca will die Entscheidung lieber den Frauen selbst überlassen.

Moschee-Mitgründer Azizi plädiert dafür, alle Positionen, auch die eigenen sorgfältig zu reflektieren. "Liberal zu sein, dass heißt nun wahrlich nicht, die Wahrheit mit dem Löffel gegessen zu haben", sagt er.

Warum die neue Moschee so wichtig ist

Es kommt auch nicht darauf an, dass sich alle liberalen Muslime einig sind. Wichtig ist, dass ihre Position eine Rolle spielt in der Öffentlichkeit. Damit insbesondere junge Menschen und Zuwanderer sehen, dass ihre Religion und das Leben in Deutschland zusammenpassen. Damit eine Diskussion darüber in Gang kommt.

Damit Nicht-Muslime in Deutschland Islam nicht sofort mit Konservatismus oder gar Terror assoziieren. Und sich Muslime dadurch wieder diskriminiert fühlen müssen.

Kurz: Damit das Leben für viele Menschen in Deutschland besser werden kann.

Mehr zum Thema: In vielen muslimischen Familien sind die Mütter die größten Unterdrücker der Töchter

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(mf)

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