Nachruf auf Helmut Kohl: Der Mann, den die deutsche Linke besser nicht unterschätzt hätte

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HELMUT KOHL
Nachruf auf Helmut Kohl: Der ewig Unterschätzte | Reuters
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Geschichte zu machen, das ist die eine Sache. Aber in den Gedächtnissen der Menschen zu bleiben eine andere.

Lange Zeit arbeitete Helmut Kohl hilflos und bisweilen auch wütend dagegen an, dass Nachruhm stets in den Köpfen der anderen entsteht. Als promoviertem Geschichtswissenschaftler war ihm wichtig, wie die Menschen später über ihn denken würden. Er wartete ungeduldig auf Anerkennung. Und gerade deshalb blieb sie ihm in Deutschland weithin versagt.

Doch als er vor ziemlich genau zwei Jahren in seinem Heidelberger Krankenhauszimmer lag, wo er sich von einer Hüftoperation erholen sollte, schien manchen Journalisten in Berlin zu dämmern, was sie an Kohl gehabt haben.

Es waren die Tage, als Bundeskanzlerin Angela Merkel in Brüssel mit den Ministerpräsidenten der Eurogruppe über den Verbleib Griechenlands in der europäischen Gemeinschaftswährung verhandelte.

"Europäisches Deutschland" statt "deutsches Europa"

Finanzminister Wolfgang Schäuble – lange Jahre ein Vertrauter Kohls – drohte offen mit einem „Grexit auf Zeit“. Und auch Merkel ließ keinen Zweifel daran, dass sie neuen Hilfen für Griechenland nur unter harten Auflagen zustimmen würde. Am Ende wurde ein Papier beschlossen, in dem die griechische Regierung zu einer Reihe von schmerzhaften Zwangsmaßnahmen gedrängt wurde, die Bedingung seien sollten für weitere Verhandlungen.

In der „Süddeutschen Zeitung“ kommentierte Heribert Prantl, einer der bekanntesten Journalisten Deutschlands: „Die Drohung Schäubles mit einem ‚Grexit auf Zeit‘ hat den großen Zorn befruchtet und Befürchtungen geweckt, dass das europäische Deutschland, für das einst Helmut Kohl stand, nun übergehen soll in ein deutsches Europa.“

Und der „stern“-Journalist Florian Güßgen schrieb auf Twitter: „Hätte ja nie, nie gedacht, dass ich mir mal ein bisschen mehr Helmut Kohl in der Politik wünschen würde.“ Umgekehrt hätte sich auch Helmut Kohl wohl nie gedacht, dass er mal sehnsüchtig von einem Ressortleiter des „stern“ vermisst werden würde.

"Gnade der späten Geburt"

Plötzlich stand Kohl über den Debatten. Er wurde nicht mehr an dem gemessen, was an seiner schieren politischen Präsenz zu kritisieren war, sondern an dem, was er einst hinterlassen würde. Für einige Momente wurde der Blick auf die geschichtliche Dimension seines Handelns wieder frei.

Helmut Kohl war ein Mann aus jener Zeit, in der das Wort „Europa“ noch einen idealistischen Klang hatte. Der 1930 in Ludwigshafen geborene Politiker erlebte den Zweiten Weltkrieg in seiner ganzen Grausamkeit. Er verlor seinen vier Jahre älteren Bruder Walter, der 1944 als Soldat bei einem Tieffliegerangriff ums Leben kam, und wurde selbst als Mitglied der Hitlerjugend militärisch ausgebildet.

An die Front musste er nicht mehr. Kohl bezeichnete diesen Umstand später als „Gnade der späten Geburt“: Er sei eben zu jung gewesen, um sich an den Verbrechen des Nationalsozialismus schuldig zu machen. Ein Bonmot, für das er gern belächelt wurde.

Helmut Kohl war 20, als junge Aktivisten im Dezember 1950 symbolisch die damals unter britischer Verwaltung stehende Insel Helgoland besetzten und die Europaflagge hissten.

Das Wunder der europäischen Einigung

Sieben Jahre später, als mit den Römischen Verträgen die Grundlagen für die Europäische Union gelegt wurden, arbeitete er gerade an seiner Promotion über die „Politische Entwicklung in der Pfalz und das Wiedererstehen der Parteien nach 1945“. Zu diesem Zeitpunkt war Kohl bereits Mitglied im rheinland-pfälzischen Landesvorstand der CDU.

Die europäische Integration galt damals als Friedensprojekt, dessen Notwendigkeit alle Beteiligten spürten. Heute kann man mit diesem Thema ganze Festsäle ins Koma reden. Damals jedoch war das anders: Deutschland hatte binnen 30 Jahren gleich zweimal den Kontinent verwüstet. Dass Bundeskanzler Konrad Adenauer es schaffte, Vertrauen in die guten Zukunftsabsichten dieser jungen Republik zu schaffen, war nicht weniger als ein politisches Wunder.

Kohl – und auch das macht ihn zu einem epochalen Politiker – trug diesen Gedanken bis weit ins neue Jahrtausend. Von Helmut Kohl würde kein Krieg ausgehen. Und es würde sich auch kein züchtigender Zeigefinger rühren, mit denen ärmere Nationen gemaßregelt werden. Das war allen Beteiligten immer klar.

Baufehler bei der Einigung Europas

Die einst von ihm eingeleitete und 2004 unter seinem Nachfolger Gerhard Schröder vollendete Osterweiterung der Europäischen Union wäre unter der prüfenden und abwartenden Bundeskanzlerin Angela Merkel womöglich Jahre später gekommen.

Deren jetziger Koalitionspartner Horst Seehofer (CSU) hatte sich noch bei dem Wegfall der Grenzkontrollen nach Tschechien und Polen vor sechs Jahren als Scharfmacher hervorgetan. Er werde „bis zur letzten Patrone“ gegen Zuwanderung in die Sozialsysteme kämpfen. Unter Helmut Kohl hätte sich Seehofer solch einen Blödsinn nicht zu sagen getraut.

Andere verstanden Kohls Erbe besser: Als der vor zwei Jahren verstorbene Philipp Mißfelder (CDU) auf dem Deutschlandtag der Jungen Union im Jahr 2004 Kohl für eine „friedliche Kindheit“ dankte, tobte der Saal vor Begeisterung. Und dem anwesenden Altkanzler kamen die Tränen.

Doch auch die Baufehler der europäischen Währungsunion sind ein Erbe des Europa-Idealismus von Helmut Kohl. Zwar versuchte er noch 2011 in seinem Buch „Aus Sorge um Europa“ seinen Nachfolgern die Verantwortung für den seiner Meinung nach verfrühten Euro-Beitritt Griechenlands zuzuschieben.

Versagen der deutschen Linken in den Jahren 1989/90

Dabei war es beileibe nicht nur der Zustand der griechischen Wirtschaft, der lange Zeit die Zukunft des Euros gefährdete. Auch andere Volkswirtschaften im Süden Europas, die sich bis dato durch die Abwertung ihrer Währungen wettbewerbsfähig gemacht hatten, mussten nun mit dem Nachteil der gemeinsamen Entscheidungen leben. Das wurde im Getöse um das „europäische Einigungswerk“, das die Gemeinschaftswährung darstellen sollte, schnell übersehen.

Andererseits wäre ohne die Fähigkeit Kohls zum historischen Denken die deutsche Einheit kaum möglich gewesen. Seine politischen Gegner wären allein schon aus ideologischen Gründen handlungsunfähig gewesen.

Es ist im Nachhinein schwer zu verstehen, wie vernagelt die deutsche Linke in Sachen deutscher Einheit bis in die späten 80er-Jahre war. Der spätere Literaturnobelpreisträger Günter Grass zeigte sich sogar noch im Januar 1990 davon überzeugt, dass die Teilung samt Stacheldraht und Schießbefehl die gerechte Strafe für Auschwitz war.

Damit war Grass nicht allein. Und schon gar nicht in der SPD. Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine (damals SPD/ heute Linke) lehnte eine schnelle Wirtschafts- und Währungsunion mit der DDR ab. Noch im Frühjahr 1990 rechnete er damit, dass im Dezember nur in Westdeutschland gewählt würde. Diese Aneinanderkettung von Irrtümern kostete ihm den Wahlsieg.

Kohls Geschichtsfixiertheit machte ihn blind für die Gegenwart

Kohl dagegen erkannte instinktiv, welch epochale Chance sich ab Sommer 1989 in der DDR eröffnete. Er handelte schnell und schaffte es, die Euphorie im deutschen Osten zu erkennen und zu lenken. In diesen Monaten zeigte er nicht nur große staatsmännische Qualitäten, sondern auch eine gehörige Portion Menschenkenntnis. Nie wieder war der deutsche Konservatismus so nah beim Volk wie damals.

Doch genau in dieser Phase der Euphorie passierten dem so geschichtsfixierten Kohl auch jene Fehler, die sein Bild bis heute belasten.

Er versprach den Menschen in Ostdeutschland „blühende Landschaften“. Stattdessen schnellten die Arbeitslosenzahlen in die Höhe. Drei Millionen Menschen wanderten in den Westen ab, und Armut wurde zu einer weitverbreiteten Erfahrung.

Wahrscheinlich war Kohl einheitsblind. So wie ein Skifahrer von Schnee geblendet wird, so war der Pfälzer viel zu sehr in lichtgewaltigen Höhen der Geschichte unterwegs, als dass er die Alltagsrealität des wiedervereinigten Deutschlands noch hätte erkennen können.

Kohls größter Fehler: die Migrationspolitik

Er blieb es, zu seinem eigenen Schaden. Bis zu seiner Abwahl im Jahr 1998. Die Agenda-Reformen zur Umgestaltung des Arbeitsmarktes musste sein Nachfolger auf den Weg bringen. Gerhard Schröder, ausgerechnet ein Sozialdemokrat.

Völlig beratungsresistent war er beim Thema Migrationspolitik. Im schwarz-gelben Koalitionsvertrag von 1982 stand schon, dass Deutschland „kein Einwanderungsland“ sei. Eine Lüge, schon damals, die nur deshalb aufrecht erhalten wurde, um den Konservativen in der CDU das Fell zu kraulen.

Auf das Konto von Kohl gehen daher auch 16 Jahre verfehlte Integrationspolitik und die bis heute bestehende Orientierungslosigkeit, was die Steuerung der aus demografischen Gründen dringend benötigten Zuwanderung betrifft. Auch die Schärfe der Debatte in der Flüchtlingskrise geht mittelbar auf Kohls Realitätsverweigerung zurück – konnten sich doch viele Altkonservative und so genannte Asylkritiker darauf berufen, dass ihre Welt noch bis 1998 weitestgehend in Ordnung war.

Die Spendenaffäre: Mehr Wurstigkeit geht kaum

Es waren solche Anzeichen des politischen Stillstands, die ihm eine sich gleichzeitig immer stärker verändernde Gesellschaft übel nahm. Seine Abwahl 1998 war auch deshalb möglich geworden, weil viele Deutsche die Ära Kohl zuletzt als bleiern empfunden haben.

Wahrscheinlich konnte die Parteispendenaffäre in der CDU später auch deshalb so viel Wirkung entfalten, weil sie sämtliche Kritik an Kohl bündelte. Da war ein langjähriger Vorsitzender, der längst in seinem eigenen Wertesystem gefangen war und sich deshalb über das Gesetz stellte. Er wollte die Namen von sechs Großspendern nicht verraten obwohl deren Spenden mit einiger Sicherheit auf illegalem Wege erfolgt waren. Warum? Weil er es ihnen versprochen hatte. Basta. Mehr Wurstigkeit geht kaum.

Was bis heute relativ unbekannt ist: Innerhalb der CDU erntete Kohl für diese Haltung viel Zuspruch. Nicht, weil Christdemokraten von Hause aus den Gesetzesbruch mögen. Sondern weil so manches Parteimitglied den Sinn für Loyalität geschätzt hat, den man mit gutem Willen dahinter auch erkennen kann.

Kohl und die CDU – er war 27 Jahre lang Chef der Partei. Über mehr als ein Drittel ihres Bestehens. Er kannte sämtliche Kreisvorsitzenden der CDU mit Namen. Natürlich sicherte ihm dieses Wissen um die christdemokratischen Wurzelkanäle seinen innerparteilichen Machtanspruch. Aber er schaffte es auf diese Weise auch, Vertrauen zu schaffen.

Kohl kannte seine Partei wie sonst keiner

Aus Hessen ist eine Anekdote aus den frühen Nullerjahren überliefert: In einer Kleinstadt war Kohl – eher aus Jux - auf eine reichlich unbedeutende Parteifeier eingeladen worden. Federführend für die Organisation war damals ein 18-jähriger Nachwuchspolitiker.

Eines Mittags klingelte bei dessen Eltern das Telefon. „Für dich, eine Frau Weber“, sagte die ahnungslose Mutter des jungen Mannes, der gerade an seinen Schulaufgaben saß. Am anderen Ende der Leitung war Juliane Weber, die langjährige Sekretärin des Altkanzlers.

Einige Sekunden später plauderte ein gut aufgelegter Helmut Kohl mit dem aufgekratzten Nachwuchspolitiker über die Lage im Kreisverband, wusste Anekdoten über den Ort ins Gespräch mit einfließen zu lassen und äußerte sein Bedauern darüber, an diesem Tag leider schon anderweitig verplant zu sein.

Helmut Kohl hatte eine besondere Gabe: Er wusste um die Komplexe der Provinz, er wurde sie ja selbst nie vollständig los – deshalb war er auch so dünnhäutig im Umgang mit Journalisten, besonders mit denen aus Hamburg und Berlin.

Kohl gab den Menschen vom Land Selbstvertrauen

Gleichzeitig schaffte er es aber aus diesem Wissen heraus, den Bewohnern des ländlichen Deutschlands das Gefühl zu vermitteln, Teil von etwas Bedeutendem zu sein. Wenn er das wollte, konnte er die Menschen aus den ländlichen Teilen der Bundesrepublik auf seine breiten Schultern heben, um ihnen für einige Sekunden den Blick auf das Weltgeschehen zu ermöglichen.

Und bei aller zum Teil vollkommen begründeter Abneigung, die ihm im Laufe seiner Politkarriere entgegenschlug: Sein größtes Verdienst in Sachen Innenpolitik war es, mit einer Mischung aus paternalistischem Wohlwollen und provinzieller Werteverhaftung vielen Menschen begreiflich zu machen, dass die „große Politik“ nicht so weit von Tauberbischofsheim, Aurich und Groß-Gerau entfernt war, wie sie es vielleicht hätte sein können. Dafür mochten ihn viele Menschen aufrichtig.

Auf diese Weise schuf er eine Klammer zwischen den sozialen Schichten. In den Städten wurde er vom wohlhabenden Bürgertum gewählt, auf dem Land dagegen oft von jenen, die keinen akademischen Abschluss hatten und sozial schlechter gestellt waren als die lokalen, bisweilen linksliberalen Beamteneliten. Helmut Kohl war auch deswegen der letzte große Politiker der alten Bundesrepublik. In seiner Amtszeit gab es nur wenige Menschen, die sich wirklich „abgehängt“ fühlten.

Kohls Wahlsiege waren die letzten Triumphe des ländlichen Deutschlands

Das alles muss man wissen, denn anders sind seine Serienwahlsiege von 1983 bis 1994 nicht zu verstehen. Es war der letzte große politische Triumph der Provinz über die Metropolen. Stets schickten die Sozialdemokraten Politiker ins Rennen, die auch im akademisch-großstädtischen Milieu konsensfähig waren. Und stets scheiterten sie.

Der aus München stammende Ex-Innenminister Hans-Jochen Vogel im Jahr 1983. Der im Wuppertal geborene nordrhein-westfälische Ministerpräsident Johannes Rau, vier Jahre später. Im Jahr 1990 der saarländische Ministerpräsident Oskar Lafontaine, der aus dem Stolz auf seine Bildungskarriere nie einen Hehl machte. Und 1994 schließlich Rudolf Scharping, der tatsächlich einmal als jung-dynamischer Hoffnungsträger galt.

Immer wieder kam Kohl dabei zugute, dass ihn seine Gegner mit Geringschätzung behandelten. Wann immer im Zusammenhang mit seiner Person von „Birne“ die Rede war, konnten seine Anhänger nachfühlen, was Kohl meinte, wenn er vor der „Arroganz“ der Eliten gegenüber dem ländlichen Deutschland warnte.

Die SPD schadete sich mit ihrem Kohl-Spott selbst

Es ist gut möglich, dass die SPD in jenen Jahren den Grundstein für ihren späteren Niedergang legte. Und das, obwohl sie damals bisweilen noch „klassisch linke“ Positionen vertrat. Doch spöttische Art, mit der die SPD dem „Saumagenfreund“ aus „Oggersheim“ begegnete, sprach Bände über den Wandel von der alten Arbeiterpartei hin zu einer Interessenvertretung der gesellschaftsliberalen Besserverdiener.

Helmut Kohl war 41 Jahre lang mit Hannelore (geborene Renner) verheiratet, die sich im Jahr 2001 wegen ihrer schlimmer werdenden Lichtallergie das Leben nahm. Das Paar hatte zwei Kinder.

Weihnachten 2004 überlebte er während eines Kuraufenthaltes in Sri Lanka die Tsunami-Katastrophe in Südostasien. Von seinem Hotelbalkon aus sah er, wie die Wassermassen Hütten und Gebäude verschlangen. „Diese Welle entwickelte eine ungeheure Kraft. Die Menschen liefen schreiend durcheinander“, sagte Kohl später. „Erst als wir sahen, dass die ganze untere und zweite Etage unseres Hotels unter Wasser standen, wurde uns das ganze Ausmaß der Katastrophe bewusst.“ In diesem Moment habe er sich an seine Jugendjahre in Ludwigshafen erinnert gefühlt. An die Bombenangriffe und an die Zerstörungen.

Im Februar 2008 erlitt er bei einem Sturz ein Schädel-Hirn-Traum. Seitdem konnte er nur noch eingeschränkt sprechen und laufen. Drei Monate später heiratete er seine 34 Jahre jüngere Lebensgefährtin Maike Richter.

Am Freitag, den 16. Juni 2017 starb Kohl im Alter von 87 Jahren in seinem Haus in Oggersheim.

Er hat nicht nur Geschichte gemacht. Wir werden uns auch noch lange an an diesen oft unterschätzten Mann erinnern.

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(jg)