Arabischer Sommer: In Tunesien und Marokko lehnen sich wieder junge Menschen gegen die Machthaber auf

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TUNESIEN MAROKKO
Arabischer Sommer: In Tunesien und Marokko lehnen sich wieder junge Menschen gegen die Machthaber auf | Getty
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  • Der Arabische Frühling von 2011 sollte einer ganzen Region Demokratie bringen
  • Doch in Tunesien und Marokko leiden die Menschen noch immer unter Willkürherrschaft und Korruption
  • Jetzt regt sich erneut der Widerstand - ein Arabischer Sommer steht bevor

Die Schlüsselwörter des Arabischen Aufstands sind zurück in Tunesien. In einem einfachen Zelt inmitten einer steinigen Wüste sitzt bei 38 Grad Hitze ein Haufen junger Tunesier auf dem Boden und spricht über Würde. Und über Arbeit. Knapp hundert Meter entfernt patrouillieren Soldaten am Zaun eines Ölpumpwerks.

"Das Öl gehört uns", sagt Nisam Laban. Vor sechs Wochen haben die jungen Männer ihr Protestlager an den Anlagen im Süden Tunesiens errichtet, die Leitungen unterbrochen und die Straße blockiert. Sie fordern ihren Anteil an den Ressourcen der Region. "Wir bleiben hier, bis wir Arbeit haben - oder im Gefängnis landen."

Die Menschen in Tunesien fühlen sich von der Politik betrogen

Ende Mai sind die sozialen Unruhen in Südtunesien eskaliert. Die Nationalgarde rückte an, schoss mit Schrotmunition und Tränengas. Die Demonstranten bewarfen die Sicherheitskräfte mit Steinen. Mehrere Zelte des Protestlagers gingen in Flammen auf, ein Demonstrant wurde von einem Fahrzeug der Nationalgarde überrollt und starb.

Daraufhin gab es auch in weiteren Städten im Süden Proteste und Straßenschlachten. Fahrzeuge und Gebäude von Polizei und Nationalgarde wurden in Brand gesetzt, Straßensperren mit brennenden Autoreifen errichtet.

"Die Menschen hier wollen ein besseres Leben", sagt der 27-jährige Ingenieur Nisam. Nach der Revolution von 2011 hätten die Leute zunächst Hoffnung gehabt, aber neue Jobs habe es letztlich kaum gegeben. Immer wieder habe die Regierung in der rund 600 Kilometer entfernten Hauptstadt Tunis Versprechen gemacht.

"Aber wer streicht die Gewinne ein?", fragt Nisam. "Es sind internationale Firmen und Geschäftsleute aus den Küstenstädten, die ihren eigenen Leuten die Arbeit hier geben." In den marginalisierten Regionen im Süden und Westen Tunesiens fühlen sich die jungen Menschen von der Politik betrogen.

Es geht auch in Tunesien um das Öl

Je weiter sich die Straße von der Küste entfernt und in Richtung des Protestlagers verläuft, desto mehr verblasst das Grün der Bäume und Sträucher am Straßenrand, bis es nur noch Sand und Steine gibt. Die Gegend ist so trostlos, dass Star Wars-Regisseur George Lucas dem wüsten Heimatplaneten von Luke Skywalker den Namen der tunesischen Region gab: Tataouine.

Die Arbeitslosigkeit ist hier nach offiziellen Angaben mit rund 32 Prozent eine der höchsten in Tunesien. Fast 60 Prozent der Akademiker finden keine Arbeit. Jetzt treffen die Demonstranten das Land an einer empfindlichen Stelle: Fast die Hälfte der nationalen Ölproduktion findet im Süden statt. Das österreichische Energieunternehmen OMV zog vor kurzem mehr als 700 Mitarbeiter aus der Region ab.

Dabei hatte die Regierung schon 2011 - direkt nach den Aufständen gegen Langzeitmachthaber Zine el Abidine Ben Ali - ein Weißbuch zur regionalen Ungleichheit erstellt und einen Maßnahmenkatalog angekündigt, um die Situation der Menschen zu verbessern.

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Doch in den Folgejahren kämpfte Tunesien mit wirtschaftlichen Problemen. Die angestrebte Entwicklung blieb größtenteils aus.

Tunesien hat Probleme mit Korruption, Schmugglerei und Schwarzarbeit

Die internationale Denkfabrik International Crisis Group (ICG) kam vor kurzem zu einer negativen Analyse der aktuellen Lage in Tunesien. "Trotz der Bildung einer Regierung der nationalen Einheit leidet das Land immer mehr an einer sozial-regionalen Ausgrenzung, die durch Korruption vorangetrieben wird."

Dies führe zu regionaler Ungleichheit und Diskriminierung von Menschen in marginalisierten Regionen. In Tataouine, das in einem Dreieck zwischen der libyschen und algerischen Grenze liegt, leben viele Menschen auch von geschmuggelten Waren und Schwarzarbeit.

Mit der Entwicklung steht Tunesien nicht alleine da.

Seit Monaten Unruhen in Marokko

Auch in Marokko gibt es seit Monaten Unruhen, bei denen zuletzt in der nördlichen Hafenstadt Al-Hoceima wieder tausende junger Menschen auf die Straße gegangen waren. Zwar gab es auch in Marokko demokratische Reformen nach den Aufständen 2011, aber der Großteil der Macht ist weiter auf das Königshaus konzentriert, die wirtschaftliche Entwicklung auf die großen Städte wie Casablanca, Rabat und Tanger.

In der überwiegend von Berbern bewohnten Rif-Region um Al-Hoceima fühlen sich die Menschen ohnehin im Stich gelassen. Seit im Oktober vergangenen Jahres ein junger Fischhändler in einer Müllpresse getötet wurde, in der die Behörden den illegal gefangenen Schwertfisch des Mannes vernichten wollten, haben sich die Proteste noch einmal intensiviert.

Regierungschef El Othmani versprach zwar in der vergangenen Woche, "mit Augenmaß" auf die Forderungen der Demonstranten einzugehen und die Entwicklungen im Bereich Gesundheit, Bildung und Arbeit genau zu beobachten, gleichzeitig kündigte er aber auch an, die Sicherheit im Land zu gewährleisten. Kurz vorher hatte die Polizei unter anderem die Führungsfigur der Protestbewegung verhaftet.

"Vielleicht ist das der Beginn einer neuen Revolution"

In der tunesischen Wüste hat sich das Protestlager vor dem Ölpumpwerk langfristig eingerichtet. In den Ecken der Zelte stapeln sich Wasserflaschen, Milch und Gemüse. Darauf liegen Spielkarten und eine Playstation. An den Zeltschnüren trocknet Fleisch in der prallen Sonne. Mit drei Stöcken im Sand haben die Demonstranten eine "Moschee" zum Gebet abgesteckt.

Bis zu 1000 Männer hielten sich hier zu Hochzeiten auf - aus allen Teilen der Provinz Tataouine und selbst von der Ferieninsel Djerba. Jetzt, am Anfang des Fastenmonats Ramadan, der die Familien mit erheblichen Mehrausgaben und steigenden Lebensmittelpreisen belastet, sind viele kurzzeitig zu ihren Familien gefahren.

"Aber wir bleiben hier, bis wir endlich Arbeit bekommen", sagt Ingenieur Nisam. "Vielleicht ist das der Beginn einer neuen Revolution." Und dann ruft er den Wahlspruch aus, den sich die jungen Männer in dem Protestlager auch auf T-Shirts haben drucken lassen: "Nicht aufgeben!"

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