Ein Dieselverbot reicht nicht - warum die deutschen Städte eine Verkehrsrevolution brauchen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
BIKING CITY
Ein Dieselverbot reicht nicht - warum die deutschen Städte eine Verkehrsrevolution brauchen | Mikolette via Getty Images
Drucken

Die deutschen Städte sagen Dieselautos den Kampf an.

Nach Stuttgart und Hamburg will jetzt auch Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter die Stinker aus der Innenstadt verbannen. Der Grund: Die gesundheitsgefährdende Luftverschmutzung in der Stadt.

In der bayerischen Metropole sind mehrere Hunderttausend Dieselautos unterwegs. Wie viele Fahrzeuge genau betroffen sein werden, ist bisher unklar - denn verboten werden nur ältere Diesel mit besonders schmutzigem Antrieb.

Sicher: Es ist ein radikaler Schritt, der viele Autofahrer und die Automobilhersteller auf die Barrikaden treiben wird.

Aber sicher ist auch: Die Entscheidung des Oberbürgermeisters greift noch zu kurz.

Denn die deutschen Städte stehen vor dem Verkehrskollaps. Dem Dieselverbot muss eine Verkehrsrevolution folgen.

Straßen in München sind völlig überlastet

Vor allem in München ist der Verkehrsinfarkt zu besichtigen. Die Luftverschmutzung an mancher großen Straße gleicht der von Peking. Ebenso ist Lärmbelastung immens. In keiner deutschen Großstadt stehen die Menschen so lange im Stau. Radwege und öffentlicher Nahverkehr sind völlig überlastet.

Zahlreiche deutsche Städte teilen diese Probleme mit der Metropole an der Isar.

Die Folgen, besonders der Luftverschmutzung, sind dramatisch: Allein die Feinstaub-Belastung - zu der auch der Verkehr beiträgt - führt jährlich zu mehr als 30.000 vorzeitigen Todesfällen in Deutschland, warnt das Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz.

Hinzu kommen mehrere tausend Todesfälle durch die Stickoxidbelastung durch Dieselautos. Die vielen Lungen- und Kreislauferkrankungen sind dabei noch nicht mitgezählt.

Der Verkehr in den Städten ist seit Jahrzehnten ein Gesundheitsrisiko und Ärgernis. Die Politik nimmt das weitgehend hin.

Hier sind drei Maßnahmen, die den Verkehrswahnsinn in den deutschen Großstädten beenden können:

1. Fördert das Radfahren!

Im November 2016 war es soweit: In Kopenhagen waren erstmals mehr Radfahrer in der Innenstadt unterwegs als Autofahrer. Von den großen europäischen Metropolen hat das bisher nur Amsterdam geschafft.

1970 gab es noch 350.000 Autos in der Stadt und 100.000 Fahrräder. Heute sind es 265.000 Zweiräder und 250.000 Autos.

Mehr zum Thema: Abschied vom Auto: Berlin plant die Fahrradrevolution

Wie die Stadt das geschafft hat?

“Wenn man Radwege baut, nutzen die Menschen sie auch”, sagt Morten Kabell, Verkehrschef von Kopenhagen.

In den vergangenen zehn Jahren hat die Stadt rund 120 Millionen Euro in neue Radwege und eine fahrradfreundliche Infrastruktur investiert. Das Fahrrad ist jetzt das schnellste Fortbewegungsmittel in Kopenhagen.

Die Investitionen haben sich gelohnt: Kopenhagen hat nach Zürich die sauberste Luft von Europas Großstädten.

2. Baut den öffentlichen Nahverkehr aus!

Zürich hat nicht ganz so radikal auf das Fahrrad gesetzt wie Kopenhagen - aber seinen Verkehr dennoch revolutioniert. Geschafft hat die Stadt das, in dem die Verantwortlichen bedingungslos auf den öffentlichen Nahverkehr gesetzt haben, anstatt das Auto zu fördern.

So haben sich die Zürcher schon in den 1970er-Jahren gegen eine U-Bahn und für die Straßenbahn ausgesprochen. Die Folge: Trams sind günstig und schnell gebaut - entsprechend gut hat auch der Ausbau der Infrastruktur geklappt.

Hinzu kam später der Ausbau des S-Bahnnetzes. Heute kommen zwei von drei Pendlern mit der Bahn in die Stadt. Vergleichszahlen für die deutschen Städte fehlen. Fakt ist aber: In Deutschland sind rund 70 Prozent der Pendler mit dem Auto unterwegs.

Neben dem Ausbau des Nahverkehrsnetzes hat Zürich auch die Zahl der Parkplätze für Autos in der Innenstadt stark reduziert.

Die Folge: Nur einer von zehn Zürchern nutzt ausschließlich das Auto, um sich in der Stadt fortzubewegen.

Auf die Einwohnerzahl berechnet hat Zürich heute die höchste Nutzungsrate für den öffentlichen Nahverkehr in Europa. In der Schweizer Metropole nutzen pro Kopf weniger Menschen als in Freiburg das Auto. Und mehr Menschen den öffentlichen Nahverkehr als im als besonders grün geltenden Amsterdam.

Kein Wunder, dass Zürich - trotz der hohen Lebenshaltungskosten - in zahlreichen Rankings regelmäßig als Europas lebenswerteste Stadt abschneidet.

3. Verlangsamt den Verkehr!

Deutsche Städte werden mehr und mehr zu einer riesigen Tempo-30-Zone - und das ist eine gute Nachricht. Denn die Städte werden dadurch sicherer, ruhiger und sauberer.

Tatsächlich reduziert ein verringertes Tempo den Bremsweg eines Autos gewaltig. Kommt man mit 30 Stundenkilometern nach 13,3 Metern zum Stehen, sind es bei 50 Stundenkilometern 27,7 Meter Bremsweg.

Wie die “Rheinische Post” schreibt, liegt die Gefahr für Fußgänger, bei einer Aufprallgeschwindigkeit von 30 Stundenkilometern tödlich zu verunglücken, bei 30 Prozent - bei Tempo 50 sind es 80 Prozent.

Tempo 30 bedeutet aber auch einen Vorteil für die Gesundheit der Stadtbewohner. In Berlin sank die Luftbelastung durch Schadstoffe um bis zu 15 Prozent, wo das Tempo auf 30 gedrosselt wurde.

Und auch der Lärm nimmt ab: Wie ein Test in Darmstadt ergab, reduziert sich in einer Tempo-30-Zone der Lärm um bis zu ein Drittel.

Die gute Nachricht: In Deutschen Städten wird künftig auf noch viel mehr Straßen Tempo 30 gelten. Laut einem Beschluss des Bundesrates soll in Deutschland künftig Tempo 30 vor allen Kitas, Schulen, Krankenhäusern und Pflegeheimen die Regel werden.

Mehr Radwege, ein besserer Öffentlicher Nahverkehr und mehr Tempo-30-Zonen: All diese Maßnahmen können dazu beitragen, die Städte lebenswerter zu machen.

Nur mit einem Verbot für Dieselautos wird es nicht getan sein.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

(ll)