"Tatort: Level X" zeigt Suizid-Versuch: War das zu explizit?

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Emilia (Caroline Hartig, r.) ist am Rande der Verzweiflung

"Wenn sich das Video verbreitet, dann bringe ich mich um!" Diese Drohung will die junge Emilia (Caroline Hartig) am Ende von "Tatort: Level X" wahrmachen: Nachdem das Video ihrer Vergewaltigung ins Netz gestellt wird, verschanzt sie sich in einer leerstehenden Fabrik und schneidet sich die Pulsadern auf - ein Akt, der bis auf wenige Zwischenschnitte in voller Länge gezeigt wird. Kommissarin Sieland (Alwara Höfels) erreicht sie noch rechtzeitig, die Teenagerin überlebt den Versuch - doch der Schock über die explizite Darstellung sitzt trotzdem.

Geht diese Form der Inszenierung zu weit? Die Nachrichtenagentur spot on news hat beim MDR nachgefragt.

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Warum den Suizidversuch zeigen?

Wie die MDR-Pressestelle erklärt, hat die Redaktion während der Produktion intensiv über diese Szene diskutiert. Jedoch befasse "Level X" sich mit einem aktuell gesellschaftlich relevanten Thema: Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene seien auf der Suche nach "vermeintlichen Propheten" und fänden diese an Orten, an denen man ihre Sprache spreche.

"Viele dieser Orte finden sie im Internet. Das Internet hat 24 Stunden am Tag geöffnet, wirkt immer aktuell und bietet in vielen Fällen die vermeintlich richtige Lösung. Dass es dort aber auch Raum für Verführung, Misshandlung und Fanatismus gibt, blenden viele Nutzer aus. Der MDR hat bei der Produktion großen Wert darauf gelegt, dass diese gesellschaftlich relevante Thematik glaubhaft dargestellt wird, ohne jedoch voyeuristisch zu wirken oder gar Anreize zur Nachahmung zu bieten."

Warum die explizite Darstellung, noch dazu zur Primetime?

Seit der "Tatort"-Folge "Franziska" ist es nicht mehr undenkbar, dass einer der Krimis auch einmal auf einen späteren Sendeplatz verbannt wird. Jedoch sei "Level X" durch den Jugendschutzbeauftragten des MDR geprüft worden, wie die Pressestelle versichert. Und der sei zu dem Ergebnis gekommen, dass der Film nicht jugendgefährdend sei und um 20:15 Uhr ausgestrahlt werden könne.

Der Film enthalte "nur wenige explizite Gewaltszenen". "Diese sind so inszeniert, dass sie zwar kurzfristig die Spannung steigern und im Fall der Selbstverletzungen bzw. der versuchten Selbsttötung von Emilia auch Angst und Entsetzen verbreiten können. Da diese Bilder aber nicht in Nahaufnahme zu sehen sind, sich nicht am Geschehen weiden und von positiven Szenen abgelöst werden, löst sich der Schrecken wieder auf."

Ist diese Darstellung potentiell gefährlich?

Erst vor kurzem sorgte die Netflix-Serie "Tote Mädchen lügen nicht", die vom Suizid einer High-School-Schülerin (durch die gleiche Methode wie Emilia) handelt, für Aufsehen. Die Show löste sogar bei Psychologen Kritik aus, da die Schülerin in der Serie durch ihren Suizid genau das erreicht, was sie sich zu Lebzeiten erhofft hätte - Anerkennung ihres seelischen Schmerzes und Schuldgefühle bei ihren Mobbern -, ohne dass angemessen dargestellt wird, dass sie diese Aufmerksamkeit nicht mehr erlebt.

Auch Emilia bekommt ihr Publikum: Passend zum Thema des Films streamt sie ihren Versuch live im Internet. Besteht also die Gefahr der Nachahmung?

Laut MDR habe der Jugendschutzbeauftragte ebenfalls darauf hingewiesen. "Dagegen spricht aber, dass Emilia nicht glorifiziert wird. Die begehrte Aufmerksamkeit, die sie durch das Live-Streaming bei Gleichaltrigen erfährt, wird für die Zuschauerinnen und Zuschauer dadurch relativiert, dass ihr Handeln nicht souverän und faszinierend wirkt, sondern doch eher als eine Mischung aus Trotz, Schwäche und Autoaggression erscheint. So stellt sich eine Jugendliche ihren Tod, mit dem sie immer auch die Welt bestrafen will, nicht vor. Emilia ist damit kein Vorbild, das Jugendliche zur Nachahmung veranlassen könnte."

Natürlich spricht dieser "Tatort" dennoch viele heikle Fragen an - dessen ist sich auch der MDR bewusst. Deswegen werde es nach der Selbstmord-Szene über den "Tatort"-Twitter-Account einen Hinweis auf ein Hilfsangebot der Telefonseelsorge geben.

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