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12/06/2017 18:25 CEST | Aktualisiert 13/06/2017 17:39 CEST

Berufsverband schlägt Alarm: Kinderärzte in Deutschland sind überlastet

AleksandarNakic via Getty Images
Berufsverband schlägt Alarm: Kinderärzte in Deutschland sind überlastet

  • Der Berufsverband der Kinder- und Jugendmediziner beklagt Überlastung der Praxen

  • Veraltete Statistiken spiegeln die Realität nicht mehr wieder

  • Vor allem die Auswirkungen auf Neugeborene sind fatal

Auf dem Papier stimmt alles. Auf dem Papier gibt es genug Kinderärzte.

Für Eltern, die einen Arzt suchen, klingt das wie Hohn. Denn wer nicht schon im Patientenbestand einer Kinderarztpraxis ist, kommt oft nicht mehr rein.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendmediziner (BVKJ) kritisiert eine Überlastung der Kinderärzte in Deutschland. Verbandssprecher Hermann Josef Kahl sagte der “Neuen Osnabrücker Zeitung“, einigen Medizinern bleibe nichts anderes übrig als Aufnahmestopps zu verhängen.

Laut der "Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen" (KVN) ist dieses Vorgehen trotz einiger Beschwerden rechtens, berichtet die “NOZ”. Qualität gehe vor Masse.

Wie viele Praxen im Land einen Aufnahmestopp verhängt hätten, sei aber nicht bekannt.

Sprecher des Berufsverbandes Kahl: “Die Bedarfsplanung ist völlig überholt”

Die Zahl der Kinderärzte in Niedersachsen ist in den vergangenen zehn Jahren um 31 auf 504 gestiegen. Das Ministerium spricht von einer positiven Entwicklung, man habe keine Kenntnis von Engpässen. Zumindest laut Bedarfsplanung könne von einer guten Versorgung ausgegangen werden.

Bei der Bedarfsplanung wird errechnet, wie viele Kinder- und Jugendärzte sich in einer Region niederlassen dürfen. Kahl, der Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte bezeichnete die Bedarfsplanung jedoch als vollkommen überholt.

"Die Mehrbelastung der Kinder- und Jugendärzte wird von der Politik vollkommen ignoriert. Wir schaffen es kaum noch, die an uns gestellten Aufgaben zu erfüllen“, sagte er. Vorsorgeuntersuchungen, Impfungen, eine wieder steigende Geburtenrate und Flüchtlingskinder verschärften die Situation in den Praxen.

Auf einen Kinderarzt kommen 3990 Patienten

Auf einen Mediziner sollen rechnerisch 3990 Minderjährige kommen. Liegt der Versorgungsgrad bei über 110 Prozent, gilt eine Region als gesperrt, kein neuer Kinderarzt darf sich hier niederlassen.

Das niedersächsische Gesundheitsministerium teilte auf Anfrage der “NOZ“ mit, dass eine Niederlassung in Niedersachsen überhaupt nur noch in den Landkreisen Cloppenburg und Nienburg möglich sei. Alle anderen Landkreise und kreisfreien Städte seien versorgt.

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Die Kassenärztliche Vereinigung in Hannover sagt, bereits seit einigen Jahren zeichne sich die Überlastung von Arztpraxen als Tendenz ab. 2,2 Millionen Fälle von Kinderärzten seien zuletzt abgerechnet worden und es würden immer mehr. Mediziner leisteten pro Jahr Millionen von Überstunden, berichtet die “NOZ”.

Auch in Berlin gibt es Engpässe bei Kinderärzten, wie die “Berliner Morgenpost” berichtet. Am auffälligsten sei der Mangel in den Bezirken Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte, Pankow, Neukölln und Lichtenberg.

Veraltete Statistiken

Es gebe in Berlin 307 Praxen. 243 sollen es laut Bedarfsplanung sein. "Das entspricht einem Versorgungsgrad von 126,2 Prozent", sagte Susanne Roßbach, Sprecherin der KV, der "Berliner Morgenpost".

Jakob Maske vom Vorstand des Landesverbandes der Kinder- und Jugendärzte jedoch sagt: "Der Bedarf an Kinderärzten wurde Anfang der 90er-Jahre berechnet, inzwischen leben aber deutlich mehr Kinder und Jugendliche in Berlin."

Weitere Gründe für den Mangel an Kinderärzten seien, dass viele seiner Kollegen sich spezialisiert hätten und für die normale Versorgung einschließlich der Vorsorgeuntersuchungen gar nicht mehr zur Verfügung stünden. Außerdem würden immer mehr Kinderärzte nicht mehr Vollzeit arbeiten. "Der Bedarf muss deshalb dringend neu berechnet werden", fordert Maske in der “Berliner Morgenpost”.

Fatale Auswirkungen für Neugeborene

Denn allein in den letzten fünf Jahren (2011 bis 2016) hätte es laut der “Berliner Morgenpost” eine Steigerung der Behandlungsfälle um 9,5 Prozent gegeben. Weiterhin habe sich der Umfang der Untersuchungen vergrößert. Das läge unter anderem am erweiterten Kinder-Früherkennungsprogramm und an neuen Schutzimpfungen.

Der Mangel an Kinderärzten schadet vor allem Neugeborenen. Für die ersten Regeluntersuchungen stehen nur enge Zeitfenster zur Verfügung. Wer aber stundenlang die Liste der Kinderärzte im Bezirk abtelefonieren muss, um dann vielleicht in ein, zwei Wochen einen Termin zu ergattern, der gibt vielleicht vorher auf und lässt die Vorsorge ausfallen.

Auch der gesundheitspolitische Sprecher der CDU, Gottfried Ludewig, forderte, den Versorgungsgrad neu zu berechnen. Das sei Sache der Kassenärztlichen Vereinigung und der Gesundheitssenatorin, sagte er der Berliner Morgenpost.

Um das Problem zu lösen, muss dringend der tatsächliche Bedarf an Kinderärzten geprüft und korrigiert werden. Damit die Versorgung nicht nur auf dem Papier, sondern auch in den Praxen stimmt.

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