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11/06/2017 21:21 CEST | Aktualisiert 12/06/2017 08:41 CEST

Am Persischen Golf droht Krieg - und es geht um weit mehr als nur Katar

dpa
Warum aus dem Kalten Krieg am Persischen Golf ein heißer werden könnte

Am Sonntag hat Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) eine dramatische Warnung ausgesprochen. Der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" sagte der SPD-Politiker: Es bestehe die Gefahr, dass die Katar-Krise zu einem Krieg führe.

Seit vergangenem Wochenende blicken Politiker und Experten besorgt auf den Persischen Golf. Mehrere Staaten, darunter Saudi-Arabien, haben ihre diplomatischen Beziehungen zum Emirat Katar abgebrochen, sie schlossen ihre Grenzen und verhängten eine Blockade für den Schiffs- und Flugverkehr.

► Vordergründig geht es um die Finanzierung von Terrorgruppierungen wie den Islamischen Staat (IS) durch das Emirat.

► Ein Grund dürfte laut einhelliger Meinung von Experten jedoch auch sein, dass Katar gegenüber dem Iran einen freundlicheren Kurs führte - der schiitische Iran gilt als Erzfeind des sunnitischen Saudi-Arabiens.

Der Konflikt gefährdet das ohnehin fragile Gleichgewicht der Region. Gabriel sagte der “FAS”, die Härte des Umgangs zwischen den beteiligten Staaten sei “dramatisch”.

Es droht, dass der übergeordnete Konflikt um die Vormachtstellung in der Region zwischen dem schiitischen Iran und dem sunnitischen Saudi-Arabien eskaliert. Die drei größten Risikofaktoren im Überblick:

1. Iran unterstützt offen Katar

Zunächst kamen aus dem Iran eher spöttische Reaktionen. Vize-Stabschef Maid Aboutalebi twitterte, er sei verwundert, wie politisch "zerbrechlich die arabischen Staaten sein müssen, wenn ein kleines Emirat wie Katar für sie zu einer strategischen Gefahr wird".

Doch der Iran stellt sich offen auf die Seite des Emirats. Angesicht der angespannten Versorgungslage Katars schickte Teheran eigenen Angaben zufolge Lebensmitteln in das Land.

Ein Schritt, der die Fronten weiter verhärten lassen wird. Nahost-Experte Bilal Y. Saab legte im renommierten US-Magazin “Foreign Affairs” bereits dar, dass Katar sich in der Krise gezwungen sehen könnte, eine engere Bindung zum Iran einzugehen.

2. Der Konflikt ist bereits "heiß"

Hinzu kommt, dass der “kalte” Konflikt im Jemen und in Syrien bereits teilweise “heiß” ist. Im Jemen kämpfen die schiitischen Huthi gegen ein von Saudi-Arabien angeführtes Bündnis - bis zu dieser Woche waren darunter auch Soldaten aus Katar. Der Iran unterstützt die Huthi-Rebellen.

In Syrien steht der Iran bekanntermaßen hinter dem syrischen Machthaber Baschar al-Assad. Die Saudis wiederum rüsten syrische Rebellengruppen aus.

Im Machtkampf um die Vorherrschaft am Golf schrecken beide Parteien also nicht vor einer militärischen Konfrontation zurück, auch wenn sie sich nicht direkt bekämpfen.

3. Zwei unberechenbare Männer mischen mit

Als dritter Risikofaktor kommen zwei unberechenbare Männer hinzu, die ebenfalls in diesem Konflikt mitmischen: der US-amerikanische Präsident Donald Trump und sein türkischer Amtskollege Recep Tayyip Erdogan.

Die US-Regierung hat in den vergangenen Tagen einen Zickzack-Kurs hingelegt. Zuerst rief US-Außenminister Rex Tillerson zur Deeskalation auf, immerhin liegt in Katar der größte Stützpunkt der USA in der Region. Wenig später fiel ihm Donald Trump offenbar in den Rücken und lobte die Blockade Katars.

Saudi-Arabien dürfte sich durch die Worte des Präsidenten weiter in seinem konfrontativen Kurs bestätigt fühlen.

Auch die Türkei unterhält einen Militärstützpunkt in Katar - und will diesen nicht aufgeben. Präsident Erdogan unterstützt daher das Emirat und seinen Scheich Tamim bin Hamad Al Thani. Er bot dem Scheich sogar ein Flugzeug zur Flucht in die Türkei an.

Zudem ließ Erdogan Soldaten in Katar stationieren - aus Solidarität, wie es hieß.

Eindeutiger Gewinner der neuen Krise ist der Iran. Je zerstrittener sich das Lager um Saudi-Arabien zeigt, desto besser für den syrischen Präsidenten und Teheran.

“Wenn jetzt auch noch Katar, neben der Türkei, in die russisch-iranische Koalition einsteigen sollte, wäre das Fest für die Iraner perfekt”, sagt ein iranischer Politologe.

Und könnte wiederum eine Reaktion aus Washington hervorrufen. Bei seinem Besuch in Saudi-Arabien schwor US-Präsident Trump die versammelten arabischen Politiker auf einen Kurs gegen den Iran ein.

Der scheinbar kleine Konflikt in Katar - er könnte große Folgen für die ganze Region und die internationale Politik haben. Bislang hielten sich die Machtblöcke offenbar die Waage, nun werden die Karten neu gemischt. Das macht die Katar-Krise so gefährlich.

Gabriel gab sich gegenüber der “FAS” dennoch optimistisch. Die Lage sei zwar ernst. Aber: "Ich glaube, dass es auch gute Chancen gibt, voranzukommen”, sagte er.

Mit Material der dpa

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(bp)

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