Wie Trump die 220-Milliarden-Dollar-Geheimwaffe der USA aufs Spiel setzt

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Wie Trump die 220-Milliarden-Dollar-Geheimwaffe der USA aufs Spiel setzt | Getty
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  • Die Statistikbehörde der USA, das Census Bureau, steckt in einer schweren Krise
  • Die aktuelle Regierung ist nicht bereit, ausreichend Geld in den Zensus zu stecken
  • Was wie ein kleineres Problem klingt, könnte schwerwiegende Folgen für Politik und Wirtschaft haben

Die USA sind dabei, ihre 220 Milliarden Dollar schwere wirtschaftliche Geheimwaffe zu ruinieren: das Census Bureau. Die Statistikbehörde, die zum Handelsministerium gehört.

Vielen Amerikanern ist nicht bewusst, dass die vom Census Bureau gesammelten Daten wesentlich sind für Profitabilität und Effizienz der amerikanischen Firmen. Dass auch die Regierung auf diese größte und wichtigste Datenquelle des Landes angewiesen ist.

Diese Geheimwaffe der Wirtschaft befindet sich gerade jetzt in ihrer größten Krise seit ihrer Gründung 1790. Dabei wäre ihre Arbeit im Zeitalter der "alternativen Fakten" so wichtig.

Große Firmen und die Regierung brauchen die Daten dringend

Die Daten des Census Bureaus fließen zum Beispiel in die Software der Firma Environmental Systems Research Institute (Esri) ein. Die meisten der 1000 größten US-Firmen nutzen diese Software, ebenso Behörden auf der Ebene der Kommunen, der Ländern und des Bundes.

Sie nutzen das Programm, um herauszufinden, wo ihre Kunden sind und was diese wollen. Wenn der Kaffeeriese Starbucks oder der Handelskonzern Walmart eine neue Filiale eröffnet, dann haben sie vorher Statistiken und Kartenmaterial zurate gezogen, ob sich das auch rentiert.

Die Behörden nutzen die Karten für Kontrollen, für den Katastrophenschutz, für die Planung neuer Schulen, Straßen und tausend anderer Dinge.

Laut einer Studie des Handelsministeriums setzen die Firmen, die auf die vom Staat erhobenen Daten zurückgreifen, bis zu 220 Milliarden Dollar pro Jahr um.

Census Bureau bekam immer Geld für die Vorbereitungen - jetzt nicht

Die US-Handelskammer verwendet viel Zeit darauf, den Kongress und das Weiße Haus zu überreden, dem Census Bureau genug Geld für diese Arbeit zur Verfügung zu stellen. Aber Kongress und Weißes Haus scheinen die Bedeutung des Census Bureaus anders einzuschätzen - wenn man sich ansieht, wie viel Geld sie dafür investieren wollen.

In einer Zeit, in der die Behörde zwei der schwierigsten statistischen Zählungen der Welt vorbereiten muss: die von der Verfassung vorgeschriebene Volkszählung 2020, bei der jede Person in den USA erfasst werden muss. Und den Economic Census 2017, eine fünfjährliche Analyse der Firmen, auf dem wichtige Regierungsberichte etwa über Arbeitslosigkeit und Bruttoinlandsprodukt fußen.

In der Vergangenheit erhielt die Behörde zur Vorbereitung der großen Erhebungen massive Finanzspritzen. Von 2007 auf 2008 hat der Kongress das Budget des Census Bureaus um fast 500 Millionen Dollar aufgestockt, nur um die Vorbereitungen zu finanzieren. Dieses Jahr allerdings ist nichts dergleichen geplant. Und die Behörde hat schon jetzt weniger Geld, als sie Schätzungen nach braucht.

Die scheidende Regierung unter Barack Obama hat für 2017 eine Zuteilung von 1,63 Milliarden US-Dollar empfohlen. Aber der Kongress hat für dieses Jahr kein reguläres Budget verabschiedet, sondern nur ein paar Notzahlungen durchgeboxt, in Höhe von 1,47 Milliarden Dollar. 160 Millionen Dollar weniger als von Obama angeraten. Die Regierung Trump plant für 2018 wieder nur 1,5 Milliarden ein.

Kosten für den Zensus rapide gestiegen

Die Kosten für den Zensus sind in der Vergangenheit massiv gestiegen. 2010 waren es schon 30 Prozent mehr als noch im Jahr 2000.

Das liegt einerseits an der wachsenden Bevölkerung, andererseits daran, dass heute viele Amerikaner auf postalische Befragungen nicht antworten.

Die Behörde muss so Zehntausende Mitarbeiter bezahlen, um die Leute persönlich abzuklappern. 2010 wurde mit teuren elektronischen Geräten experimentiert, doch es gab Probleme. Jetzt arbeitet die Behörde an Befragungen via Smartphone, doch da ist noch viel Forschungsarbeit nötig, um zu belastbaren Ergebnissen zu kommen.

Chef und Stellvertreter haben hingeworfen

Dazu kommt, dass Census-Bureau-Direktor John Thompson hingeschmissen hat und es derzeit weder einen Nachfolger noch einen Stellvertreter für ihn gibt – der hatte im Januar das Handtuch geworfen.

Nur fünf Tage vor seinem Rücktritt hatte Thompson noch jubiliert: "Wir sind sehr froh, dass wir in der Budgetplanung des Präsidenten Priorität haben." So zufrieden war er dann wohl doch nicht gewesen.

Welche dramatischen Folgen eine mangelnde Datengrundlage haben kann, zeigen mehrere historische Beispiele. So hatten die Regierungen unter George W. Bush und unter Barack Obama massive Probleme, die Dimension der großen Rezession von 2008 einzuschätzen und entsprechend auf die Krise zu reagieren.

In Zeiten alternativer Fakten wären echte Fakten umso wichtiger

Aber Daten sind in diesem Jahr zu einer politischen Frage geworden. Trump bezeichnet regelmäßig grundlegende, verifizierbare Fakten, darunter Arbeitslosenstatistiken als Schwindelei – außer, sie passen ihm gerade in den Kram. Und wenn es sein muss, verteidigen seine Berater die von Trump erfundenen Zahlen dann als "alternative Fakten".

Darin liegt eine weitere Gefahr einer schlampig durchgeführten Volkszählung. Wenn die Menschen nicht einmal den Daten trauen können, weil sie nicht akkurat sind.

"Eine unpräzise Volkszählung ist ein guter Freund alternativer Fakten", sagte der Ökonom Jared Bernstein der HuffPost.

Der Zensus-Experte Arloc Sherman wird noch deutlicher: "Ohne eine solide Volkszählung werden alle Fakten alternative Fakten."

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Der Text erschien zunächst in der HuffPost USA und wurde von Susanne Klaiber übersetzt und bearbeitet.

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