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11/06/2017 15:59 CEST

Wie aus Bushido ein Vorstadtspießer wurde - und warum das eine gute Nachricht ist

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Wie aus Bushido ein Vorstadtspießer wurde - und warum das eine gute Nachricht ist

Gangsta-Rapper haben von Natur aus ein großes Problem mit dem Altern. Wer sein gesammeltes kreatives Potenzial darauf verwendet, sich selbst auf dem Höhepunkt der eigenen männlichen Ausstrahlung zu inszenieren - der muss sich eben irgendwann auch fragen lassen, was später kommt.

Nach den Zeiten, in denen man mit fremder Leute Mütter den Geschlechtsakt zu vollziehen plant oder Andersdenkenden mit Vollmantelgeschossen die Schädeldecke perforieren möchte.

Denn irgendwann bringt man nicht mehr die nötige Energie auf, um die halbe Welt zu hassen. Was ja auch eigentlich ganz in Ordnung ist.

Das merkt wohl derzeit auch Deutschlands bekanntester Rap-Künstler, der einst mit dem Integrations-Bambi ausgezeichnete Anis Ferchichi, alias Bushido.

Bushido packt die Testosteron-Lyrik wieder aus

Auf seinem neuesten Album "Black Friday" präsentiert er nochmals die alte Testosteron-Lyrik, mit der er einst zum Ruhm, Reichtum und einer Villa im Berliner Speckgürtel gekommen war.

Zitat aus dem Titelsong "Black Friday":

"Während mein Kontostand steigt wie ein Stromzähler/

Wenn du mein'n Namen in den Mund nimmst/

Fick' ich deine Mutter und sie sagt, du bist kein Wunschkind/

Ich will, dass du dich umbringst, nimm noch ein'n Schluck, du Lustknabe."

Und in dem Hook des Songs "Fallout" reimt der ehemalige Praktikant des CDU-Bundestagsabgeordneten Christian von Stetten:

"Fick das Grundgesetz, ich brauch' kein'n Grund, du Kek

Sonny Black ist back und es wird wieder ungerecht - Fallout!"

Das ist alles recht erwartbar. Homophobie, Frauenhass, Verfassungsfeindlichkeit – das gehört zu der eher biederen deutschen Spielart des Gangsta-Rap dazu.

Anders als in Amerika hat der Kult um Gewalt und Kriminalität in der weitgehend ghettofreien Bundesrepublik keinen echten künstlerischen Resonanzboden. Deswegen braucht es solche Provokationen, damit die feinen Herrschaften im linksliberalen Establishment sich ab und zu verstört umblicken. So läuft eben das Business.

Wenn man bei den Texten bleibt, ist der Künstler Bushido also ganz der Alte.

Wäre da nicht das neue Leben von Bushido

Das Problem ist nur, dass der echte Anis Ferchichi mittlerweile ein ganz anderes Leben führt. Er ist mehrfacher Vater und kümmert sich rührend um seinen Nachwuchs. Wenn man sich die Bilder in den sozialen Medien anschaut, dann kauft man Bushido sofort ab, dass er ein toller Papa ist.

Äußert er sich jenseits der Platten-PR und der Familien-Postings zu Themen des Alltags, klingt Bushido oft so, als reiche seine negative Energie allenfalls noch dazu aus, sich über die Unpässlichkeiten des Alltags zu beschweren.

Neulich pöbelte er auf Facebook über zwei Fluglinien, von denen er sich ungerecht behandelt fühlte.

Beinahe legendär ist Bushidos Tweet vom Februar, als er offenbar in einem Berliner Postamt zu lange in der Schlange warten musste und sich bei dieser Gelegenheit auch über die mangelnde zwischenmenschliche Wärme des Service-Personals ausließ.

Und wenn das Wlan zickt...

Manchmal stört Bushido sich auch an der – seiner Meinung nach – zu niedrigen Geschwindigkeit seiner Wlan-Verbindung.

In solchen Momenten klingt Bushido nicht wie ein Rapstar – sondern wie ein ganz normaler deutscher Vorstadtspießer, der ganz normale Probleme hat und darauf wie Millionen andere Deutsche reagiert.

In seinem Fall ist das zwar ungefähr so absurd, als würde Helene Fischer im Acid-Rausch nackt auf dem Tisch tanzen. Aber Menschen entwickeln sich eben weiter. Und das ist am Ende ja auch eine gute Nachricht.

Vielleicht sollte sich Bushido aber mal überlegen, ob er mit fast 40 Jahren immer noch über die gleichen Themen rappen will wie vor 15 Jahren.

Oder ob er seine künstlerische Entwicklung nicht langsam mal mit seiner persönlichen Entwicklung in Einklang bringen möchte. Das wäre in der Tat mal ein spannendes Projekt: Wie klingen Gangsta-Rapper, wenn der Blut-und-Sperma-Rausch vorbei ist?

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