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08/06/2017 16:41 CEST | Aktualisiert 10/06/2017 14:40 CEST

Professorin warnt: Die Regierung will Armut bekämpfen - und ignoriert dabei eine wichtige Bevölkerungsgruppe

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Die Regierung will Armut bekämpfen - und ignoriert dabei eine wichtige Bevölkerungsgruppe.

Wie gerecht ist Deutschland?

Diese Frage bewegte über Wochen die Republik als SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz noch auf einer Welle der Begeisterung und Wählerzustimmung surfte. Nun ist die Euphorie um den Kanzlerkandidaten abgeklungen - und das Thema weitgehend aus der Öffentlichkeit verschwunden.

Dabei wäre es dringend nötig, dass Deutschland darüber diskutiert, wie gerecht das Land ist, sagt Ute Thyen, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin.

Vor allem eine Gruppe droht in diesem Land abgehängt zu werden: junge Mütter. Mit deren sozialer Situation beschäftigt sich Thyen seit Jahren.

Thyen, die auch Professorin für Kinder- und Jugendmedizin an der Universität Lübeck ist, sagt: "Schwangere Frauen und Kinder gehören derzeit zu den strukturell am meisten benachteiligten Gruppen in der Gesellschaft."

Konkrete Hilfsangebote gebe es aber nicht.

Laut Statistischem Bundesamt sind 28,4 Prozent der jungen Frauen zwischen 18 und 24 Jahren armutsgefährdet - zum Vergleich: Das Risiko liegt in der Gesamtbevölkerung nur bei 20,6 Prozent. Das Armutsrisiko ergibt sich nach Schätzung vor allem durch den Anteil an alleinerziehenden Müttern.

Zahlreiche Untersuchungen belegen, dass Alleinerziehende und ihre Kinder oft mit finanziellen Problemen und Arbeitslosigkeit kämpfen.

Mehr zum Thema: Eine Zahl zeigt, wie schlecht es vielen Alleinerziehenden in Deutschland geht

"Mit unverbindlichen Ratschlägen ist den Müttern nicht geholfen"

Das hat schwerwiegende Folgen - auch für die Kinder.

"Den betroffenen Müttern fällt es schwer, ihre Kinder bestmöglich zu fördern- nicht etwa deshalb, weil sie es nicht wollen oder wissen, sondern weil sie es nicht können und ihre Möglichkeiten nicht ausreichen“, sagt Thyen. Die Frauen würden zum Beispiel häufig mit psychischen Problemen kämpfen.

Laut Thyen errreiche man die Betroffenen am besten über die Institutionen, die sie im Laufe ihres Lebens aufsuchen: Dazu gehört zum Beispiel die Schule oder eben das Jobcenter. Dort will sie Strukturen schaffen, die es jungen, sozial benachteiligten Frauen ermöglicht, Zukunftsperspektiven zu entwickeln und ihre Gesundheit zu erhalten.

Doch diese Angebote gibt es bisher kaum. "Die Regierung macht es sich da zu einfach, so können wir die Schere zwischen Arm und Reich nicht schließen“, sagt Thyen.

Mehr zum Thema: Lieber Martin Schulz: Wenn Sie Gerechtigkeit wollen, müssen Sie diesen Millionen Menschen in Deutschland helfen

Es müssen Strukturen geschaffen werden, die die Mütter dort abholen, wo sie sind

Wie genau diese Initiativen aussehen müssten, weiß Thyen auch schon.

In Krippen und Kitas:

Thyen fordert, dass Müttern ein kostenfreies und qualitativ hochwertiges Betreuungsangebot zugänglich gemacht wird. Denn Kinder in sozial benachteiligten Familien erfahren oft Zuhause nicht die angemessene Förderung – und das führt zu einer lebenslangen Benachteiligung.

"Es kann sein, dass schon im Alter von drei Jahren ein an sich möglicher Bildungsabschluss nicht mehr erreicht werden kann“, meint Thyen. "Zwar geben sich die Mütter oft sehr viel Mühe, aber manchmal schaffen sie es einfach nicht. Elternschelte ist hier nicht angebracht.“

In Schulen:

Schulen spielen für die Prävention von Kinderarmut eine große Rolle. Deshalb sollte dort darüber aufgeklärt werden, was es bedeutet, Eltern zu werden, sagt Thyen. Schwangeren Schülerinnen soll ein Mentorenprogramm helfen, trotz Kind einen Schulabschluss zu machen. „Da es sich dabei nur um eine kleine Gruppe handelt, sind die Kosten eines solchen Programms überschaubar, wären aber dafür sehr effektiv“, meint Thyen.

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Bei Ärzten:

Thyen fordert eine kostenfreie Beratung zur Verhütung und kostenfreie Abgabe von Verhütungsmitteln für den Fall, dass die Frau sich diese nicht leisten kann. So sollen ungeplante Schwangerschaften und das damit verbundene Armutsrisiko vermieden werden.

In Jobcentern:

Alleinerziehende brauchen eine passende Arbeitsmarktberatung, denn für sie ist es besonders schwer, Beruf und Familie zu vereinbaren. Doch nur mit einem Job können Mutter und Kind der Armut entfliehen.

Deshalb sollten die Jobcenter dazu verpflichtet werden, Programme für junge Mütter anzubieten, die ihnen helfen, sich wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Außerdem sollte das Jobcenter sich mit der Jugendhilfe vernetzen.

"Mir ist klar, dass die Umsetzung dieses Vorschlags sehr aufwändig wird, doch ein solches Programm wäre für die betroffenen Frauen eine große Hilfe, eine Zukunftsperspektive zu entwickeln und der Armut zu entfliehen", sagt Thyen.

Denn zufriedene Mütter mit Zukunftsperspektiven haben meist auch zufriedene Kinder, die ihren Müttern selbstbewusst nacheifern.

Mehr zum Thema: Alleinerziehende Mütter nehmen ihre Kinder in die Armut mit

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(mm)