NACHRICHTEN
10/06/2017 15:54 CEST | Aktualisiert 10/06/2017 22:49 CEST

Die Presse zerreißt May: Die "eiernde Lady" werde es nun beim Brexit schwer haben

Toby Melville / Reuters
Die Presse zerreißt May: Die "eiernde Lady" mit dem Autoritätsverlust

  • Die internationale Presse sieht bei Großbritanniens Regierungschefin May mit einem massiven Autoritätsverlust

  • Sie werde beim Brexit bestenfalls noch einen Kompromiss herausschlagen können

  • Doch die Kommentatoren warnen auch vor Schadenfreude

In nüchternen Zahlen liest sich das Scheitern von Großbritanniens Premierministerin und Parteichefin Theresa May so:

Vor der vorgezogenen Neuwahl hatten die Tories in Großbritannien 331 Sitze, danach 318. Vorher hatten sie zwar knapp, aber immerhin, die absolute Mehrheit der 650 Sitze im Unterhaus. Nachher nicht mehr.

Das ist eindeutig. Noch fassbarer wird die Dimension dessen, was da passiert ist, allerdings in den Kommentaren europäischer Zeitungen.

"Eiernde Lady ohne Haltung"

"Sie ist keine eiserne, sondern eine eiernde Lady, ohne Prinzipien, ohne Haltung", schimpft der Kommentator der "Süddeutschen Zeitung".

May hatte sich einst für einen Verbleib in der EU ausgesprochen, hatte gesagt, sie wolle keine Regierung führen, die das Land aus der EU führt. Dann trat Parteikollege David Cameron nach dem Brexit-Referendum zurück, May wurde Premierministerin - und fährt einen kompromisslosen Kurs im Brexit.

Erst begründete May die Neuwahl damit, dass sie für die Brexit-Verhandlungen eine stabile Mehrheit brauche, nun muss sie mit noch weniger Rückhalt weitermachen.

Die britische "Times" konstatiert: "Die Logik, die dazu führt, dass Theresa May die Downing Street verlassen muss, ist erbarmungslos. Sie hatte im Wahlkampf erklärt, dass die Wahl verloren wäre, wenn sie sechs Mandaten weniger bekäme. Doch sie hat nun zwölf Mandate verloren."

"Gestolpert wie der betrunkene Butler"

"Gleich zwei britische Regierungschefs sind nun über die Weltbühne gestolpert wie der betrunkene Butler beim 'Dinner for One'", schreibt der Kommentator der "Hannoverschen Allgemeinen" in Anspielung auf Mays Vorgänger Cameron, der das Brexit-Referendum möglich gemacht hatte.

"In einer Mischung aus Arroganz, Unfähigkeit und Opportunismus haben die beiden Tories ein Land, das so charakterstarke Premiers wie Winston Churchill und Margaret Thatcher hervorgebracht hat, ohne Not in die Krise geführt und nebenbei ganz Europa geschwächt.

"So viel Versagen verdient das Adjektiv historisch", heißt es in der "SZ".

"May muss um Gnade bitten"

Was heißt das nun für Europa? Der Analyst der österreichischen "Presse" hält ein Scheitern der Brexit-Verhandlungen für möglich. Denn er ist nicht sicher, ob May es schaffen wird, ihren Koalitionspartner von ihrer Politik zu überzeugen. "Großbritannien würde dann ohne jegliche Zugeständnisse und weitere Kooperation aus der EU ausscheiden."

Das würde auch der Experte der britischen "Times" gern vermeiden. Er argumentiert, auf lange Sicht sei May wegen ihres Autoritätsverlusts nicht haltbar. Da aber die Verhandlungen über den Brexit bald beginnen müssten, um innerhalb der vorgeschriebenen Frist wenigstens noch einen Kompromiss zu erzielen, sei es gut, dass May nicht hingeworfen habe.

Die niederländische Zeitung "De Volkskrant" mutmaßt: "Das Wahlergebnis verurteilt Theresa May dazu, um Gnade zu bitten. Das sollte sie am besten noch tun, bevor sie mit ihrem Verhandlungsteam über den Kanal kommt."

"Wie Geier kreisen sie über Großbritannien"

Trotzdem warnen die meisten Kommentatoren, die Briten jetzt auflaufen zu lassen. Die französische Zeitung "Le Monde" schreibt: "In den kommenden Verhandlungen über den Brexit, die man eines Tags nun wirklich beginnen muss, ist es in niemandes Interesse zu versuchen, von diesem politischen Durchhänger der Briten zu profitieren. Unter Demokratien respektiert man die freie Äußerung des Volkswillens."

Die EU, ist in der "SZ" zu lesen, solle "dabei jene coole Fairness zeigen, die gern den Briten nachgesagt wird. Es wäre kindisch, London bestrafen zu wollen."

Der Kommentator der "Neuen Zürcher Zeitung" schreibt: "Auch wenn manche Europäer die Demontage der oft hochnäsig und konfrontativ auftretenden Tory-Regierung mit Genugtuung registrieren, Schadenfreude ist fehl am Platz. Das Wahldebakel der britischen Regierungspartei hilft Europa nicht."

Denn schon bisher sei kaum erkennbar gewesen, was die Mehrheit der Briten wirklich wolle. Das jüngste Wahlergebnis habe das noch schlimmer gemacht.

Die Budapester "Magyar Idök" vertritt dagegen die Ansicht, May habe in Europa jetzt auch keinen schlechteren Stand als bisher. Viele EU-Politiker hätten sie ohnehin nicht geschätzt. "Wie Geier kreisen sie über Großbritannien. Sie können es kaum erwarten, es zu zerfleddern. Doch in Wirklichkeit sind diese von Schadenfreude erfüllten Geier die wahren Verlierer der Krisen."

Mit Material von dpa

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

(ll)

Sponsored by Trentino