Das Irrenhaus Berlin: Warum die Hauptstadt ihre Probleme nicht länger verdrängen darf

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Endlich greift die Berliner Stadtverwaltung durch!

In fünf Jahren in der Hauptstadt habe ich mich als Bürger oft vernachlässig gefühlt – und war fast schon einverstanden mit Kritikern, die klagen, die Metropole an der Spree sei ein "failed state", also ein gescheiterter (Stadt-)Staat.

Und so ein Urteil will etwas heißen, wenn man zuvor 16 Jahre im chaotischen Moskau gelebt hat und nicht verwöhnt ist, was das Funktionieren eines Gemeinwesens angeht.

Doch was ich jetzt in meiner Sauna im bürgerlichen Berlin-Charlottenburg (im Volksmund aufgrund des hohen Anteils an Russischsprachigen auch Charlottengrad genannt) erlebt habe, ändert mein Bild von Berlin völlig.

Eine Zusammenfassung des Textes seht ihr oben im Video.

Das gefährliche Spiel mit dem Obst

Der Club "Aspria" hier an der Spree toppt zwar in Sachen Kunden-Unfreundlichkeit und Muffigkeit konsequent vieles, was ich in Moskau erlebt habe. Als kleines Trostpflaster für den "Service DDR-Style" gab es dafür bisher nach den Aufgüssen immer Obst – ein paar Scheiben Äpfel oder Orangenstücke wurden ausgelegt, auf einem Teller, schön gekühlt.

Mit diesem gefährlichen Treiben ist jetzt endlich Schluss. Und zu verdanken ist das der Stadtverwaltung in Person des Gesundheitsamtes. Das hat nämlich, wie jetzt einem Aushang zu entnehmen war, das Darreichen des Obstes amtlich untersagt.

"Hintergrund sind die in Deutschland geltenden Bestimmungen und Gesetze über den Umgang und das Angebot von Lebensmitteln", heißt es da.

Und weiter: "Es ist sicherzustellen, das Lebensmittel nicht durch andere Gäste verunreinigt werden können, d.h. einen Griff- und Spuckschutz einzurichten oder das Obst einzeln portioniert und verpackt zu reichen."

Weiter steht geschrieben: "Diese Vorgaben sind im Umfeld der Sauna nicht einzuhalten. Wir sind deshalb gezwungen, den Anweisungen des Gesundheitsamtes Folge zu leisten.“

Was für ein Segen!

Mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich das las. Hatte ich doch nicht einmal geahnt, welch ungeheuren Gefahren ich offenbar all die Zeit ausgesetzt war, wenn ich mir ein Stück Obst vom Teller nahm: Wer weiß, wer alles von den anderen Gästen schon drauf gespuckt hat.

Gut, die machen auf den ersten Blick einen soliden und anständigen Eindruck. Aber man kann nie sicher sein! Ohne Spuckschutz werde ich nie wieder irgendwo zugreifen!

Gar nicht zur reden von der Gefahr, die durch den fehlenden Griffschutz ausgeht! Vielleicht bin ich dem Tod gerade noch mal von der Schippe gesprungen. Was für ein Segen, dass die Stadtverwaltung sich doch kümmert und man sich bestens aufgehoben weiß in Berlin.

Ohne Ironie bleibt nur Wut

Und jetzt schalte ich den Ironiemodus aus. Den habe ich mir in Moskau angewöhnt – in Systemen, die nicht funktionieren, ist die Ironie eine Art Notwehr des Individuums. Um nicht zu heulen, lacht man: Deswegen sind Ironie, schwarzer Humor und Politikwitz immer da besonders stark verbreitet, wo vieles im Argen liegt.

In Berlin lache ich viel.

Das Werbelied der Berliner Verkehrsbetriebe "Is' mir egal" scheint zwar die Hymne Berlins zu sein. Aber offenbar nur bei schwerwiegenden Problemen – und nicht bei Bagatellen.

Bei ausgeschaltetem Ironie-Modus macht mich das Vorgehen der Hauptstadt-Behörden wütend: Man hat den Eindruck, sie beißen sich an Kleinigkeiten fest und schikanieren die Menschen dort, wo es leicht fällt – während sie bei den wirklichen Problemen untätig sind oder einknicken.

So wie man es selbst kennt, wenn man etwa einen Artikel schreiben muss - und dann doch lieber erst den Müll rausträgt.

Die Stadt voller Widersprüche

Mein Lieblingsbäcker in Berlin-Mitte bekam großen Ärger mit der Polizei, weil er einen Tisch zur Bewirtung auf die Straße stellte und die Genehmigung nicht sofort zur Hand hatte.

Dass ein paar Schritte weiter regelmäßig mit Drogen gehandelt wird, scheint der Staatsgewalt nicht so wichtig zu sein – dagegen vorzugehen wäre ja auch schwieriger, als das Gesetz bei einem braven Bäcker durchzusetzen.

Man kann in Berlin schon mal in ein und derselben Ausgabe einer Zeitung lesen, dass die Polizei vehement dagegen kämpft, dass kleine Läden sonntags aufmachen – und (ein paar Seiten weiter), dass es der gleichen Polizei an Kapazitäten fehlt, um die überbordenden Fahrraddiebstähle zu bekämpfen.

Im Bürgeramt, wo man wochenlang auf Termine warten musste, bekam ich Probleme, weil meine Unterschrift nicht hundertprozentig mit der auf dem Ausweis übereinstimmte. Man forderte von mir Papiere, die man gar nicht fordern durfte.

Auch wenn man als Journalist regelmäßig Drohungen erhält, interessiert das die zuständigen Behörden hier in Berlin offenbar nicht die Bohne.

Über den BER lacht die ganze Welt

Dass ständig auf dem Gehweg geparkt und dieser dabei wie eine Rennbahn benutzt wird, scheint in der Hauptstadt Gewohnheitsrecht – ebenso wie Radler in der Fußgängerzone und auf Gehwegen.

Dass in den zahlreichen Selbstbedienungs-Backwaren-Verkaufsstellen in Supermärkten sich – im Gegensatz zur Sauna – niemand darum kümmert, dass der "Griffschutz" eine Farce ist und viele Kunden mit der Hand reinlangen – geschenkt.

Dass man es in Kitas in Berlin mit den Vorschriften für die Betreuerzahl nicht so genau nimmt und statt Aufsicht in manchen Fällen eher Wegsicht das Motto zu sein scheint, ist schon weniger lustig.

Dass der Attentäter vom Breitscheidplatz unter den Augen der Polizei im großen Stil mit Drogen dealen konnte und später versucht wurde, die entsprechenden Unterlagen zu verschleiern, ist eher zum Heulen.

Über den Flughafen BER, ein Milliardengrab, dessen Eröffnungstermin immer noch in den Sternen steht, lacht die ganze Welt. Statt die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, bekommt ein unfähiger BER-Manager nach dem anderen riesige Abfindungen.

Der Flughafen Tegel glänzt durch Chaos – Personalmangel sorgt regelmäßig für Verspätungen, insbesondere beim Gepäckverladen.

Trotzdem will der Senat ein Angebot von Ryanair, über eine Milliarde zu investieren, nicht annehmen – und die Schließung Tegels durchsetzen.

Der Verschmutzungsrad vieler Straßen in Berlin übersteigt den in Moskau bei weitem.

Unterrichtsausfall an den Schulen ist eher die Regel als die Ausnahme.

Einerseits mussten Flüchtlinge in Berlin wochenlang im Freien campieren, andererseits finanzierte Berlin so gut wie leerstehende Flüchtlingsheime mit Millionen; clevere Immobilienbesitzer verdienten ein Heidengeld.

Statt desolate Schultoiletten zu sanieren, fokussiert man sich lieber auf genderneutrale Unisex-Toiletten.

Die Liste ließe sich sehr lange fortsetzen.

Zu lange.

Die Behörden täuschen über die Probleme hinweg

Damit das hier keine Doktorarbeit wird, daher nur noch zwei Punkte:

DHL hat in drei Problemkiezen die Expresszustellung eingestellt – aus Sicherheitsgründen.

Vor dem massiven Drogenhandel am Görlitzer Park hat die Stadtregierung offenbar kapituliert, so die Presse.

Da für Ordnung zu sorgen, wäre ja auch schwieriger, als das Verteilen von Obst in einer Sauna zu unterbinden.

Erfolgreich scheint die Verwaltung der Hauptstadt vor allem darin, Potemkin'sche Fassaden zu errichten. Und selbst das meist nur verbal.

"Das Himmelreich des Wahren, Schönen, Guten, der Traum von Fortschritt und Gleichberechtigung im unermüdlichen Kampf für Minderheitenrechte und gegen Diskriminierung" – so beschreibt die "Welt" die Traumtänzerei in der Hauptstadt: "Utopia Berlin, ein Ort zum ewigen Träumen."

Und wehe, jemand weist auf die Missstände hin. Dann zieht man sich zuweilen mehr Wut zu, als die Verantwortlichen für die Missstände. Wer rosarote Brillen trägt, lässt sie sich nicht widerstandslos abnehmen.

Verdrängen wäre verheerend

Sicher wird es auch auf diesen Artikel hin böse Kommentare geben mit Hinweis auf Dinge, die in Berlin funktionieren.

Doch wer so argumentiert, ist schon in die Falle getappt: Der Normalzustand eines Gemeinwesens ist, dass man über Missstände spricht und auf diese hinweist. Wenn man darauf hinweisen muss, dass es auch Dinge gibt, die funktionieren, ist etwas faul im Staate.

Verdrängen, Wegsehen und Schöndenken von Problemen macht das Leben sicher einfacher – kurzfristig. Langfristig ist es verheerend.

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