Die Gotteskrieger aus der Fußgängerzone: Die Salafisten von "We love Muhammad"

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WE LOVE
Aktivisten von "We love Muhammad" werben mit Fotos wie diesem auf Facebook für sich | facebook
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  • In Deutschland missioniert eine neue Salafistengruppe für den Islam
  • Die Hauptakteure sind dem Verfassungsschutz bestens bekannt
  • Die Behörden verfolgen das Treiben mit Argwohn

"Bruder Bilal" betreibt so etwas wie Teleshopping im Namen des Herrn. Auch wenn er das natürlich nie so nennen würde. Er preist in einem Facebook-Video eine Biographie des "edlen Propheten Mohammed, Frieden und Segen sei auf ihm", samt Hörbuch für Kinder. Ein "Hammer-Buch" und "Genuss für die Seele".

Kostenpunkt: "Was euer Herz geben kann und eure Tasche geben möchte."

bilal gümüs

"Bruder Bilal" ist Bilal Gümüs, einer der führenden Köpfe hinter einer bundesweiten Aktion, die Verfassungsschützer argwöhnisch macht. "We love Muhammad" heißt sie. Ihre Organisatoren missionieren im Internet – und in den Fußgängerzonen.

Parallelen zum verbotenen "Lies!"

Das Konzept von "We love Muhammad" weckt Erinnerungen.

Bis zum November vergangenen Jahres warben Aktivisten von "Lies!" und der damit verbundenen Organisation "Die Wahre Religion" (DWR) von Ibrahim Abou-Nagie im Netz und in den Fußgängerzonen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz für den Islam. Nur eben nicht mit Mohammed-Biografien, sondern mit Koranexemplaren.

Einige Aktivisten von früher aktiv

Layout und Schrift der "Lies!"-Plakate ähnelten denen von "We love Muhammad".

Und auch einige Aktivisten sind die gleichen, wie der Verfassungsschutz in Bayern und Hamburg sowie der Schweizer Bundesnachrichtendienst der HuffPost bestätigte. Nur müssen die Verteiler laut Verfassungsschutz Hessen inzwischen einen kurzen Missionierungskurs absolvieren. "Dadurch soll sichergestellt werden, dass die Verteiler im Sinne der Initiatoren handeln."

Bundesinnenminister Thomas de Maizière hatte "Lies!" und DWR dann am 15. November verboten. Die Begründung: Die Akteure hätten Kontakte zu Jugendlichen geknüpft und sie radikalisiert. Mehr als 140 junge Leute, die an den "Lies!"-Aktionen teilgenommen hatten, seien nach Syrien und in den Irak gereist, um sich Terrorgruppen anzuschließen.

Konkurrenzveranstaltung zu "Lies!"

Ist "We love Muhammad" also Nachfolger oder Ersatz der verbotenen Propaganda?

Eher nicht – sondern eine Konkurrenzveranstaltung dazu, teilt der Bundesverfassungsschutz auf HuffPost-Anfrage mit.

Gümüs etwa gehört zwar zum früheren Personal von "Lies!", er war der führende Kopf im Raum Frankfurt. Er hatte sich allerdings nach Geheimdienstinformationen schon lange vor dem Verbot mit Abou-Nagie zerstritten. Wohl weil Gümüs sich ohne dessen Erlaubnis politisch geäußert hatte.

Und "We Love Muhammad" startete fünf Tage, bevor "Lies!" verboten wurde. Und bisher hat sich Abou-Nagie noch nicht zum Konkurrenzprojekt geäußert.

So sicher wie der Bundesverfassungsschutz sind sich allerdings nicht alle Sicherheitsbehörden in Deutschland. Aus Sicherheitskreisen ist zu hören, es werde geprüft, ob nicht doch ein Zusammenhang bestehe. Das könnte insofern relevant sein, als Nachfolgeorganisationen von "Lies!" automatisch auch verboten sind.

Anklage gegen Gümüs

Aber auch abgesehen davon beobachten die Verfassungsschützer in Bund und Ländern die neuen Missionare kritisch.

Gümüs selbst soll im Jahr 2013 einem 16-Jährigen geholfen haben, nach Syrien zu reisen, indem er ihm ein Ticket in die Türkei besorgte. Der Teenager starb kurz darauf in Syrien.

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt hat gegen Gümüs Anklage erhoben wegen des Verdachts der Beihilfe zur Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat. Den Ermittlern gegenüber hat Gümüs zu dem Vorwurf nichts gesagt, ein Verhandlungstermin ist noch nicht festgelegt.

Der "Spiegel" berichtet außerdem, in einem vertraulichen Papier werfe das Bundesinnenministerium Gümüs vor, er sei maßgeblich an der Ausreise von mindestens fünf Personen beteiligt gewesen.

Pierre Vogel als Ideengeber

Der andere führende Kopf hinter "We love Muhammad": Pierre Vogel, einer der bekanntesten Salafisten Deutschlands. Dem "Bayerischen Rundfunk" sagte Vogel über die Mohammed-Werbung: "Ich bin derjenige, der die Aktion unterstützt und die Ideen mit reinbringt."

Außerdem gibt es noch weniger bekanntes Fußvolk, auf etwa 50 Unterstützer schätzt der Bundesverfassungsschutz die Gruppe.

"We love Muhammad" von Salafisten organisiert

Eine "Aktionsform und Werbemaßnahme des politischen Salafismus" sieht man in Hessen denn auch in "We love Muhammad". Der Verfassungsschutz NRW schreibt sogar, "We Love Muhammed" werde von "extremistisch-salafistischen Kreisen" organisiert.

Salafisten verfolgen einen konservativen Islam, die Ideologie kollidiert in wesentlichen Punkten mit dem Grundgesetz. In Deutschland gehören fast 10.000 Personen zu der stark zersplitterten und lose organisierten, aber höchst aktiven Szene, die vor allem junge Menschen anspricht. Sogar Kinder.

Geschichten für Kinder

Elma, die Lieblingskuh von Bauer Murat, ist gestorben. Morgen, sagt Murat, wird er auf dem Markt eine neue Kuh kaufen.

"Sag wenigstens Inscha Allah", sagt Murats Frau, also "so Gott will". Murat hält das für überflüssig, was soll schon schiefgehen.

Und natürlich geht alles schief. Er verliert seine Geldbörse, dann klaut eine schwarze Gestalt auch noch das Geld, das ihm ein Freund spontan leiht. Keine Kuh also.

Der zerknirschte Murat gibt seiner Frau Recht. Er wird künftig immer "Inschallah" sagen, wenn er sich etwas vornimmt.

Es ist eine der Kinder-Geschichten der professionell produzierten "We love Muhammad"-App für iPhone und Android. Laut Bundesverfassungsschutz hat Gümüs mit einem Freund schon Anfang 2016 an der App mit Hörbüchern salafistischer Prägung gebastelt. In Googles Play-Store wurde sie inzwischen 10.000 Mal heruntergeladen, bekommt Top-Bewertungen.

app
So sieht die Startseite der App aus

Nachdenkliches und Empörung für Erwachsene

Für Erwachsene bietet die App nachdenkliche Geschichten über das Gute und Böse im Menschen. Aber auch Empörung, dass heute Menschen so unmoralisch leben wie einst das Volk von Sodom.

"Wir sehen Männer und Frauen, wie sie laut schreien und lachen, sie haben keine Beherrschung (...)." Das System "beschützt Freizügigkeit, Tanz, gemischte Gesellschaften von Männern und Frauen, Glücksspiel. Was ist los mit unserer Gesellschaft?"

Auf der Facebook-Seite der Gruppe referiert ein junger Mann, der sich "Ibn Hajjar" nennt, über diverse Süchte.

ibn hajjar
Screenshot: Facebook

"Pornografie ist eine Sünde, liebe Geschwister. Nicht das Kucken an sich, ist eine Sünde. Sondern, oh Allah, wenn du davon abhängig wirst. Dann ist es vorbei." Im Lauf seiner achtminütigen Erläuterungen zu schlimmen Süchten – Porno, Spielsucht – und der einzig guten Sucht – nach Allah und seiner Lehre - wird "Ibn Hajjars" Stimme immer noch ein wenig höher.

"Entscheidend ist, was damit bezweckt wird"

Das klingt nicht gerade nach deutschem Mainstream. Ist aber genauso von der Religionsfreiheit gedeckt wie das Mitleid der katholischen Kirche gegenüber Homosexuellen.

"Entscheidend ist, was letzten Endes damit bezweckt wird. Und da gilt unser besonderes Augenmerk der Frage, ob für die salafistische Szene angeworben wird", teilt der Verfassungsschutz Bayern mit.

Oppositionspolitiker in Hamburg fordern, "We love Muhammad" zu verbieten, um die Ausbreitung des Salafismus zu bremsen.

Es ist ein schwieriges Unterfangen. Denn der Fall zeigt, dass sich Islamisten in dieser lose organisierten Szene einfach anderen Vereinigungen und Führungsfiguren anschließen. Und so den Staat letztlich zum Narren halten können.

Tausende Bücher gedruckt

Solange es für ein Verbot keine Handhabe gibt, wird man sich also wieder an den Anblick der "fliegenden Händler der extremistischen Ideologie" gewöhnen müssen, wie Hessens Verfassungsschützer die Missionare in den Fußgängerzonen nennen. Sie haben einiges zu verteilen, angeblich sind 10.000 Bücher gedruckt.

Und "Bruder Bilal" wird sich weiter über Spenden für die CDs und Bücher freuen - "möge Allah den Spendern die höchste Stufe des Paradieses geben".

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(lp)