Was Schulz von Corbyns Erfolg lernen muss, wenn er Merkel schlagen will

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Einige SPD-Strategen werden an diesem Freitag neidisch nach London schauen. Dort hat Labour-Chef Jeremy Corbyn geschafft, was sie von ihrem Kanzlerkandidaten Martin Schulz erwarten.

Corbyn ging als sicherer Verlierer in einen Wahlkampf, wurde zum ernsthaften Gegenkandidaten für Premierministerin Theresa May und schaffte es auf den letzten Metern, ihr die entscheidenden Stimmen für eine stabile Regierungsmehrheit abzunehmen.

Aktuelle Ereignisse spielten Corbyn in die Hände

Sicher: Die Umstände in Großbritannien waren besonders. Die beiden Terroranschläge in Manchester und London schadeten May, deren Slogan "stark und stabil“ gewesen war. Sie leistete sich verheerende Fehler im Wahlkampf. All das nützte Corbyn.

Dennoch kann Schulz von Corbyns Erfolg lernen. Es hat es dringend nötig: In Umfragen trennen ihn aktuell gewaltige 15 Prozent von Kanzlerin Angela Merkel (CDU).

Junge-Leute-Politik

Der Erfolg von Labour in Großbritannien zeigt: Will Schulz ähnlich punkten wie Corbyn, muss er noch mehr auf Themen setzen, die die jungen Menschen begeistern. Der Labour-Chef war bei Wählern unter 34 Jahren extrem beliebt, wie eine YouGov-Umfrage vor der Wahl zeigte.

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Die Mehrheit der Jungen wünscht sich eine weltoffene, multikulturelle und liberale Heimat. Diese Sehnsucht konnte Corbyn besser stillen als May, die die Jüngeren mit einer verschärften Rhetorik gegen Europa, den Islam und offene Grenzen abschreckte.

Außerdem setzte der Labour-Kandidat auf die Themen Bildung und Wohnungsbau – beides wird für junge Briten immer schwerer zu bezahlen. Alles Themen, die auch junge Deutsche ganz konkret betreffen.

Schulz solle "keine Angst haben", auf Inhalte zu setzen, rät ihm deswegen Sabrina Huck im Gespräch mit der HuffPost. Die junge Deutsche machte für Labour Wahlkampf. Schulz habe sich damit nach der ersten Euphorie zu viel Zeit gelassen. "Er sollte klar zu seinen Positionen stehen und sich voll dafür einsetzen, an was er glaubt - das war auch Corbyns Erfolgsrezept", sagt sie.

Der Bernie-Sanders-Effekt

Corbyn wirkt unangepasst und bodenständig und diente als Projektionsfläche für alle jene, die mit aalglatten Politikern nichts anfangen konnten.

Corbyn erinnerte stark an Bernie Sanders, der in den USA die demokratischen Vorwahlen gegen die spätere Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton knapp verlor. Sanders startete als Außenseiter und wurde, ähnlich wie Corbyn, zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten. Beide schafften es, mit einem klaren Programm und einer klaren Ansprache an die Wähler zu punkten.

Diesen Sanders-Effekt machten Beobachter auch am Anfang des Wahlkampfs bei Schulz aus. Mittlerweile ist er ihm aber abhanden gekommen. Wirkte er zu Beginn in Reden frisch und unangepasst, klammert er sich mittlerweile viel stärker an Manuskripte voller Plastiksprache und hölzerner Politphrasen.

Schulz nimmt sich spürbar zurück – und erinnert so immer mehr an Merkels einschläfernde Rhetorik.

Wahlkampf in sozialen Medien

Die Wahl in Großbritannien entschied sich zu einem großen Teil in den sozialen Medien. Auch hier konnte Corbyn klar punkten.

Zwischen April und Mai postete sein Wahlkampfteam auf Facebook 259 Beiträge, die im Schnitt mehr als 10.400 Nutzern gefielen und 4000 Mal geteilt wurden.

Mays Team hingegen veröffentlichte nur 62 Beiträge, die die Hälfte der Likes und nicht einmal ein Viertel der Shares von Corbyn erreichten.

Corbyn setzte vor allem auf Videos: Die Hälfte aller Beiträge waren Bewegtbild. Außerdem ist Corbyn auf Twitter deutlich aktiver als May.

In Deutschland hingegen ist das Bild umgekehrt. Schulz ist in den sozialen Medien noch ein Flop. Der erfolgreichste Social-Media-Politiker war im Mai FDP-Chef Christian Lindner gefolgt von Kanzlerin Merkel. Schulz landete nur auf einem kläglichen sechsten Platz.

Corbyns erfolgreicher Wahlkampf zeigt also, wo für Schulz noch Luft nach oben ist. Ob das am Ende reicht, Regierungschef zu werden, ist allerdings nicht sicher. Weder bei Corbyn noch bei Schulz.

Mehr zum Thema: Die SPD "strickt" an ihrem Wahlsieg: Mit solcher PR wird das nichts, Herr Schulz!

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(sk)