Merkel will vor dem G20-Gipfel die Führung übernehmen – doch mehrere Staatschefs lassen sie im Stich

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Merkel will vor dem G20-Gipfel die Führung übernehmen – doch mehrere Staatschefs lassen sie im Stich | Dan Kitwood via Getty Images
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Kurz schien es so, als würde für Angela Merkel alles nach Plan laufen. Innenpolitisch ohnehin. Aber auch auf der Weltbühne war Merkel "endlich da, wo sie stets sein wollte“, wie "Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt nicht ganz unbegründet spekulierte.

Das war im Mai. Kommentatoren in aller Welt waren sich einig: Merkel hatte sich in Position gebracht, die freie Welt in Zukunft anzuführen. Die Nationen also, die sich für den freien Warenverkehr einsetzen, eine gemeinsame Verteidigungspolitik und den Klimaschutz. Die Nationen, aus deren Reihen sich US-Präsident Donald Trump verabschiedet hatte.

Nun ist es Juni: Und Merkels Plan könnte bereits gescheitert sein. Wie der "Spiegel“ berichtet, verweigern der Kanzlerin mehrere eigentlich enge Partnerstaaten die Gefolgschaft. Sie wollen Merkels Strategie beim G20-Gipfel im Juli nicht mittragen.

Die kämpferischen Töne, auch ohne Trump am Pariser Klimaabkommen festhalten zu wollen, die aus vielen Hauptstädten der Welt zu vernehmen waren, sind leiser geworden. Als Merkel den kanadischen Premierminister Justin Trudeau am Dienstagabend anrief, schlug der plötzlich vor, die Passagen über den Klimaschutz aus der G-20-Abschlusserklärung zu streichen.

Trudeau lässt Merkel für Trump im Stich

Trudeaus Vorschlag, von dem der "Spiegel“ erfahren hat: Die Staaten sollten sich doch eher auf das Thema Energie konzentrieren. Dabei könne wohl auch Trump mitgehen, so die Überlegung. Trudeau, der Deutschland noch im Februar einen "echten Freund“ genannt hatte, entschied sich gewissermaßen gegen die Kanzlerin – und für den US-Präsidenten.

Trumps Isolierung, die Verbrüderung der 19 verbliebenen Staaten – so das denn Merkels Plan war, ist gescheitert. Auch weil Japan und Großbritannien ebenfalls unwillig sind, den Bruch mit den USA zu riskieren.

Schon beim G7-Treffen im Mai sollen beide Staaten eine gemeinsame Reaktion auf Trumps Klima-Alleingang verweigert haben. So standen Deutschland, Frankreich und Italien auf der einen Seite, die USA auf der anderen. Kanada, Japan und Großbritannien enthielten sich vornehm ihrer Stimmen.

Nun kann man sagen: All das ist ohnehin eher in der Kategorie Symbolpolitik zu verbuchen. Denn: die klimapolitischen Ziele, die das Pariser Abkommen regelt, bestehen für die Einzelstaaten weiter. Leugnen tun weder Trudeau noch die britische Premierministerin Theresa May ihre Verantwortung in der Klimapolitik.

Merkels neue Weltordnung droht zu scheitern

Aber: Das Bild der gegen Trump zusammenrückenden Weltgemeinschaft bekommt Risse. Und damit auch Merkels Vision, diese anzuführen.

Der Politologe Werner Weidenfeld erklärte kürzlich in der HuffPost: "Die EU und insbesondere Deutschland müssen nun die Frage klären, wie sie ihre weltpolitische Mitverantwortung wahrnehmen werden und welche Vorstellungen sie von einer neuen Weltordnung haben.“

Merkels Vorstellung lässt sich am "Aktionsplan zu Klima, Energie und Wachstum“ erkennen, der im Kanzleramt für das G20-Treffen ausgearbeitet wird. Es ist eine Vorstellung des Fortschritts.

Ein "Ende der Subventionen für fossile Energien“ wird darin angekündigt. Neue Hilfsgelder und eine erneute Bekenntnis zu weniger Emissionen, wie die "Taz“ kürzlich zitierte.

Merkels Unterstützung bröckelt

Das Problem: Dass das Papier tatsächlich beschlossen wird, ist derzeit äußerst fraglich. Wie der "Spiegel“ berichtet, kursieren neben dem deutschen Papier mehrere Entwürfe, die auf das Thema Klima gänzlich verzichten. Die "eklatsichere" Variante gewissermaßen.

Doch selbst wenn Merkels Papier auf den Tisch kommt: Ob die Kanzlerin Staaten wie Saudi-Arabien und die Türkei hinter sich vereinen kann, darf – Stand jetzt – zumindest bezweifelt werden.

Je mehr der 18 potenziellen Partner wegbröckeln, umso schwieriger wird es für Merkel, standhaft zu bleiben. Im Zentrum der Weltgemeinschaft. Dort, wo sie stets sein wollte.

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