Premierministerin May hat sich verzockt - 5 Fehler haben für ihr Wahl-Debakel gesorgt

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THERESA MAY
Premierministerin May hat sich verzockt - 5 Fehler haben für ihre Niederlage gesorgt | Hannah Mckay / Reuters
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  • Laut den ersten Prognosen hat Premierministerin May ihre Mehrheit bei der Unterhauswahl verspielt
  • Fünf Fehler im Wahlkampf dürften dafür gesorgt haben

"Don’t cross your bridges until you come to them", sagt man in Großbritannien. Also: Überquere deine Brücken nicht, bevor du bei ihnen ankommst.

Die britische Premierministerin Theresa May hätte sich das Sprichwort wohl besser zu Herzen genommen. Ihre Brücke – die Parlamentswahl – wäre erst 2020 zu überqueren gewesen.

Doch May wollte zu viel. Umfragen im April sagten ihr eine deutliche Mehrheit voraus. Also setzte sie Neuwahlen an - und verzockte sich.

► Laut Prognosen bleiben die britischen Konservativen zwar die stärkste Kraft im Unterhaus.

► Vieles deutete jedoch darauf hin, dass Mays Tories keine Mehrheit haben werden.

► Mit Sicherheit bedeutet dieses Wahlergebnis schon jetzt einen Rückschlag für die Brexit-Verhandlungen.

Die Brücke zu einem politisch stabilen Königreich? May hat sie gesprengt.

"Riesen-Desaster für May" kommentierten britische Journalisten schnell. "Ein Sensationsergebnis für Mays Herausforderer Corbyn", befanden andere.

Parteikollegen von May brachten nur wenige Minuten nach der ersten Prognose den Rücktritt der Parteichefin ins Spiel.

Wie konnte der Plan der Premierministerin so schief gehen? Fünf Fehler dürften für die Wahl-Enttäuschung der Konservativen gesorgt haben:

1. Die Brexit-Strategie

Theresa May hatte sich von der Neuwahl eine deutlich stärkere Mehrheit erwartet - und damit ein starkes Mandat für die anstehenden Brexit-Verhandlungen.

Für ihren harten Brexit-Kurs wollte sich May ein offizielles Mandat der Briten verschaffen - und setzte im Wahlkampf vor allem auf den EU-Austritt.

May betonte mehrfach, dass kein Deal mit der EU besser sei als ein schlechter. Doch viele Briten verbinden den EU-Austritt schon jetzt vor allem mit Frust. Mit einem Ausblick auf schwierige, sich verschleppende Verhandlungen konnten die Konservativen wohl nur wenige Wähler mobilisieren.

Den Wahlkampf dominierten daher am Ende auch andere Themen - und bei diesen hatte May schlicht die falschen Ideen.

2. Das falsche Sozialprogramm

Das zeigte sich beim Sozialprogramm. May vergraulte Wähler, weil sie harte Einschnitte in der Sozialpolitik vorschlug.

Besonders umstritten war ein Punkt ihres Wahlprogramms für Rentner: Wer über ein Vermögen von mehr als 100.000 Pfund verfügt, sollte bis zu diesem Freibetrag selbst für Pflegekosten aufkommen, falls er im Alter darauf angewiesen sein sollte.

Problematisch daran war vor allem, dass der Wert von Immobilien in die Richtung miteinbezogen war. Zahlreiche Rentner wären damit über dem Grenzwert von 100.000 Pfund gelangt.

Viele Briten waren erzürnt. May ruderte zwar noch zurück - doch der Schaden war bereits angerichtet.

Die Umfragewerte gingen in der Folge nach unten - und ihr Konkurrent Jeremy Corbyn mit seinen großzügigen Vorschläge für das Sozialsystem konnte aufholen.

3. Das “Strong and Stable”-Mantra

“Stark und stabil” wollte May Großbritannien regieren. Immer wieder wiederholte sie ihr Mantra bei öffentlichen Auftritten. Der Labour-Partei hingegen warfen die Konservativen vor, eine “Koalition des Chaos” anzustreben.

Wirklich konkret wurde May dabei jedoch selten. Sie vertraute darauf, dass die Horror-Szenarien, die sie für den Fall entwarf, dass Labour die Wahl gewinnen würde, auch die Wähler aufschrecken würden.

Horror-Szenarien erlebte Großbritannien dann tatsächlich zum Ende des Wahlkampfes. Ein Selbstmordattenäter tötete 22 Menschen bei einem Popkonzert in Manchester, bei einem weiteren Anschlag in London starben knapp zwei Wochen später acht Menschen.

Für wie viel Sicherheit und Stabilität wird eine Premierministerin May also Sorgen, fragten sich die Wähler da wohl?

Hinzukommt, dass die Chefin der Konservativen für die Terrorwelle in Großbritannien mitverantwortlich gemacht wird.

4. Die Terror-Verfehlungen

Denn: Zwischen 2006 und 2010 war May als Innenministerin für die Sicherheit der Briten zuständig. In dieser Rolle brachte sie massive Stellenkürzungen bei der Polizei auf den Weg.

Großbritannien dürfe nicht “über seinen Verhältnissen leben”, erklärte die Tory-Politikerin damals. Die Einsicht, das könnte ein Fehler gewesen sein, ließ sie auch nach den Anschlägen von Manchester und London vermissen.

Die Sicherheitsbehörden hätten “sehr starke Fähigkeiten im Kampf gegen den Terrorismus“, glaubt May. Wie die massiven Einsparungen mit ihrer taffen “Law and Order”-Rhetorik zusammenpassen sollen, bleibt mitunter ein Rätsel.

Offenbar sieht die Konservative das Problem nicht bei den Ressourcen, sondern bei den Regeln. Notfalls wolle sie in Zukunft auch Menschenrechte einschränken, um Terrorverdächtige länger festzuhalten oder schneller abzuschieben, kündigte die Premierministerin an. Ihr Vorstoß sorgte für einen Aufschrei bei den liberalen Briten.

May verstärkte damit den Eindruck: Unter ihrer Führung könnte sich Großbritannien gehörig verändern - und ein strengeres, unfreundliches Gesicht bekommen.

5. Die Alte-Leute-Politik

Die Premierministerin scheint mit ihrem harten Kurs gegen Einwanderer und für mehr Sicherheit vor allem die jungen Wähler verschreckt zu haben. Traditionell tendieren die ohnehin dazu, ihre Stimme der Labour-Partei zu geben.

Unter May hat sich daran nichts geändert. Wähler unter 34 Jahren würden laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov mehrheitlich Labour wählen.

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Eine erhöhte Wahlbeteiligung dieser Gruppe erhöht immer auch die Chancen für Labour. Die ersten Auszählungen in den einzelnen Wahlkreisen zeigen: Womöglich haben die Jungen May einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Viele junge Briten wünschen sich auch in Zukunft eine weltoffene, multikulturelle und liberale Heimat. Mit der sich verschärfenden Rhetorik gegen Europa, den Islam und offene Grenzen haben die Konservativen sie in die Hände von Corbyn getrieben.

Der hat mit seiner positiven, optimistischen Kampagne offenbar den richtigen Ton getroffen. May dagegen bekam für ihren Kurs der Abschottung die Quittung.

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