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08/06/2017 18:04 CEST | Aktualisiert 08/06/2017 18:28 CEST

Wieso die Katar-Krise eine Farce ist – und was hinter den Terror-Vorwürfen gegen Saudi-Arabien steckt

MANDEL NGAN via Getty Images
Wieso die Katar-Krise eine Farce ist – und was hinter den Terror-Vorwürfen gegen Saudi-Arabien steckt

  • Saudi-Arabien hat seine diplomatischen Beziehungen zum Emirat Katar abgebrochen - weil der Staat Terrorgruppen unterstützen soll

  • Doch auch das saudische Königreich steht in der Kritik, Terroristen finanziell zu unterstützen

Die Vorwürfe wiegen schwer. Das Emirat Katar soll Terrorgruppen unterstützt haben. Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Bahrain, Jemen und Ägypten brachen am Wochenende die Beziehungen zu der Monarchie ab – und lösten so die größte diplomatische Krise im Nahen Osten seit Jahren aus.

Zunächst mögen die Sanktionen gegen Katar wie ein gelungener Schlag gegen den radikalen Islam und seine Unterstützer wirken. Auch der US-Präsident Donald Trump, der den Golfstaaten bei seinem Besuch in Saudi-Arabien seine Unterstützung zugesichert hatte, stellte den Eklat als Erfolg dar.

Doch viele Beobachter zweifeln, ob das Zerwürfnis auf der arabischen Halbinsel wirklich etwas mit der Terrorfinanzierung zu tun hat. Denn Saudi-Arabien sieht sich selbst schweren Vorwürfen ausgesetzt, radikale Gruppen in der ganzen Region zu unterstützen.

Was steckt hinter dieser viel geteilten Auffassung?

Die historischen Verstrickungen Saudi-Arabiens

Seit den späten 1980er-Jahren finanzierte Saudi-Arabien wie auch die USA den Kampf der afghanischen Widerstandsbewegung gegen die Sowjetunion. Rund 4 Milliarden Dollar sollen aus Riad zwischen 1980 und 1990 an die Mudschaheddin geflossen sein.

Seit Mitte der 90er-Jahre unterstützte Saudi-Arabien auch die Taliban. Das Kalkül dahinter: Saudi-Arabien wollte einen Puffer gegen die Sowjetunion errichten und die eigene Ideologie des Wahhabismus exportieren.

Das Taliban-Regime entwickelte sich bald zum sicheren Hafen für international agierenden Terroristen. Auch für die Al-Kaida-Terroristen, die am 11. September 2001 die USA angegriffen haben.

Ein 28-seitiger FBI-Geheimbericht, der seit 2002 teilweise unter Verschluss gehalten wird, soll zudem belegen, Saudi-Arabien habe die Terroristen gezielt finanziell unterstützt.

Experten wie Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik betonen jedoch, Saudi-Arabien habe im Kampf gegen die Terrorismus-Finanzierung seither große Fortschritte gemacht.

Hillary Clinton denunzierte Saudi-Arabien in einer geheimen Rede

Ähnlich brisant sind Aussagen der ehemaligen US-Außenministerin Hillary Clinton, die sie bei einer geheimen Rede vor Vertretern des Finanzdienstleisters Goldman Sachs 2013 geäußert haben soll.

Clinton sprach darin über die Verstrickungen Saudi-Arabiens im Syrienkrieg.

Die Enthüllungsplattform Wikileaks zitiert aus ihrem Vortrag: "Die Saudis und andere liefern große Mengen Waffen - und zwar ganz und gar nicht an die, die wir als moderat bezeichnen würden.“

Auch Barack Obamas Vizepräsident Joe Biden machte Saudi-Arabien in Hintergrundgesprächen schwere Vorwürfe.

Laut der "Washington Post“ sagte Biden 2014 über Saudi-Arabien und andere Golfstaaten: "Sie geben hunderte Millionen Dollar in Waffen für alle aus, die gegen Assad kämpfen“, ganz gleich ob es Kämpfer der dschihadistischen Gruppen "al Nusra oder Al-Kaida“ seien.

Wahhabismus gilt als "größte Quelle des Terrorismus“

Die EU betrachtet die islamistische Staatsideologie Saudi-Arabiens seit Jahren als mitverantwortlich für den globalen Terrorismus.

Dabei ist jedoch zu differenzieren. Die Terrororganisation Al-Kaida zum Beispiel, aus der später auch der IS hervorging, beruft sich nicht auf wahhabistisches Gedankengut.

Stattdessen ist die Haupt-Inspiration vieler sunnitischer Dschihadistengruppe die Ideologie der frühen Muslimbrüder um ihre Vordenker Hassan al-Banna und Sayyid Qutb.

Dennoch: Der Einfluss der ultrakonservativen saudischen Ideologie ist in den letzten Jahren erneut massiv gewachsen.

Eigentlich geht es in der Katar-Krise wohl – wieder Mal – um den Iran

Doch die USA und auch viele europäische Staaten vertrauen weiter auf Saudi-Arabien als Partner in der Nahost-Region. Kein anderes Land ist dort stabil und einflussreich genug, ein Gleichgewicht gegen das noch als bedrohlicher geltende iranische Regime sicherzustellen.

Zudem profitieren viele westliche Staaten wirtschaftlich massiv von einer Partnerschaft mit Saudi-Arabien.

So soll auch die britische Regierung in diesem Jahr einen Bericht über die globale Terrorfinanzierung zurückgehalten haben – offenbar aus Angst, einen gerade abgeschlossenen 3,5-Milliarden-Pfund-Waffendeal zu gefährden.

Dass die Rolle Saudi-Arabiens zumindest zweifelhaft ist, wissen wohl auch die Staaten, die nun die Beziehungen zum Katar abgebrochen haben.

Sie wollen das Emirat wohl vor allem für die sich verbessernden Beziehungen zum Iran bestrafen.

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