Eine Pädagogin erklärt: Das ist der Schlüssel zu einer glücklichen Kindheit

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Viele Eltern setzen Glück mit Erfolg gleich - ein Fehler. | iStock
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Es gibt nichts, was sich Eltern mehr wünschen, als dass ihr Kind glücklich ist. Und glücklich, so denken viele, wird nur, wer auch erfolgreich ist - in der Krabbelgruppe, in der Schule, an der Uni und später im Beruf.

Deswegen fördern Eltern ihre Kinder so gut es nur geht, schicken sie in multilinguale Kitas, bezahlen ihnen schon in den ersten Lebensjahren Bastel-, Sprach- und Weiterbildungskurse.

Die meisten leben in der ständigen Angst, ihr Kind entwickle sich nicht schnell genug und bleibe dadurch hinter den anderen zurück.

Das Baby muss im ersten Jahr ein Urvertrauen zu seinen Eltern aufbauen

Schon im frühen Alter setzen Eltern ihre Kinder oft einem großen Druck aus - und rauben ihnen damit die Unbeschwertheit und Leichtigkeit ihrer Kindheit, warnen Forscher und Erziehungsexperten.

Die Erziehungswissenschaftlerin und Psychotherapeutin Astrid von Friesen ist der Ansicht: Es gibt eigentlich nur eine Sache, die Eltern beachten müssen, um ihre Kinder glücklich zu machen.

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"Statistisch gesehen gibt es auf die Frage, was der Schlüssel zu einer glücklichen Kindheit und einem ebensolchen Leben ist, nur eine Antwort: eine gelungene Bindung an und durch die Eltern, speziell an die Mutter", sagte sie der HuffPost.

“Wenn ein Baby im ersten Lebensjahr das Urvertrauen zu seinen Eltern aufbauen kann, stehen die Chancen sehr gut, dass es stark und glücklich über die Pubertät hinauskommt. Wenn es schon früh lernt, auch mit Widerständen umzugehen, also mit Frustrationstoleranz.”

Viele Eltern ignorieren die eigentlichen Bedürfnisse der Kinder

Klar, das ist doch selbstverständlich, werden jetzt viele sagen. Das entsteht doch automatisch. Von Friesen aber, die seit mittlerweile über 30 Jahren Familien in Erziehungsfragen berät und mehrere Bücher zu dem Thema geschrieben hat, beobachtet etwas Anderes.

Gepeinigt von den eigenen Ängsten und im Bestreben, ihrem Kind ein gutes Leben bieten zu können, falle es vielen Eltern schwer, auf die eigentlichen Bedürfnisse des Kindes einzugehen, sagt sie.

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"Ein Kleinkind hat nicht das Bedürfnis, jeden Tag ein großes Event zu erleben und jedes Wochenende im Auto zu sitzen, um zu einem Ausflugsziel gefahren zu werden."

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Oft seien es gerade die Phasen des gemeinsamen "Nichtstuns" mit den Eltern, an die sich die Kinder später positiv erinnern würden - und nicht die Fahrt zum Action-Spielplatz oder ins 3D-Kino.

"Denn seit Jahrhunderten gilt das Wort des großen Pädagogen Pestalozzi, dass Kinder 'Zeit, Zärtlichkeit und Zuwendung' bräuchten. Da ist das entspannte Buddeln im Sandkasten oftmals richtiger als aufwendige Ausflüge."

Die kindlichen Signale entschlüsseln

Diese Feinfühligkeit, zu begreifen, was das Kind gerade braucht, ist die Basis für eine gelungene Bindung. In ihrem Buch "Von Aggression bis Zärtlichkeit - Ein Erziehungs-Alphabet" spricht von Friesen davon, Eltern müssten eine “hohe Sensitivität für alle kindlichen Signale” entwickeln. Das jedoch gelinge nur durch unabgelenkte Zuwendung, nicht gestört von Smartphones und anderen Medien.

“Eltern entschlüsseln bestenfalls das kindliche Weinen, das Murren von Fünfjährigen, den Trotz des 12-Jährigen und stopfen ihnen nicht gleich den Mund oder die Ohren und Augen zu mit Süßigkeiten und Mediennutzung als Ablenkung", schreibt sie.

Außerdem sei es wichtig, dem Kind Nähe zu bieten und seine Entwicklung ermutigend zu begleiten. Das bedeute auch, dass das Kind so viel Zeit bekommt, wie es braucht und keine Versagensängste haben muss, wenn etwas nicht sofort klappt.

“Kinder suchen ihrerseits nach Bindung”, sagt von Friesen. “Das ist ein natürlicher Schutzfaktor, wie bei kleinen Äffchen. Sie lächeln, schreien, halten sich am Körper der Eltern fest, was alles das Bindungshormon Oxytocin bei den
Eltern ausschüttet und sie befähigt, feinfühlig zu werden."

Häufige Interaktion fördert die Bindung

Wenn das Bedürfnis nach Nähe gerade im ersten Lebensjahr nicht erfüllt werde, komme es zu einer Bindungsstörung, erklärt sie. Das könne bei Kindern zu Ängsten, Unruhe und einem gestörten Sozialverhalten führen - und das wirke sich nicht nur
auf ihre Kindheit aus, sondern sei auch später in der Kita, in der Schule und im Erwachsenenalter deutlich zu beobachten.

Es sei entscheidend, sehr viel mit dem Kind zu interagieren, empfiehlt sie. “Häufiges Sprechen, Lesen, Lachen, Spielen macht beide glücklich.”

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Der letzte entscheidende Faktor für eine gute Bindung und damit eine entspannte, harmonische Kindheit ist laut von Friesen Beständigkeit.

“Wir leben in einer Zeit der Reizüberflutung”, sagt sie. “Ständig vielen Einflüssen auf einmal ausgesetzt zu sein, überfordert Kinder. Auch die meisten erwachsenen Menschen reagieren auf Überforderungen mit Angst und wehren diese wiederum mit Aggressivität ab. Denn Aggressivität ist immer eine Abwehr von Angst.”

Kinder brauchen Struktur und Regelmäßigkeit

Eltern sollten daher beim Alltag ihres Kindes auf Struktur achten. Das heißt: auf die Unterschiede der Wochentage (wie früher den Sonntagsbraten nur am Sonntag oder das Eis nur am Samstag), auf regelmäßige Zubettgehzeiten und -rituale, regelmäßige Mahlzeiten mit möglichst der ganzen Familie.

“Kinder brauchen Sicherheit und regelmäßige Abläufe, auf die sie sich verlassen können. Nur wenn das sichergestellt ist, können sie mit einem oder mit 15 Jahren los in die weite, aber auch ängstigende Welt ziehen und haben die reale sowie die seit der Geburt aufgebaute innere Sicherheit, jederzeit in den 'Hafen der Familie' zurückkehren zu können. Das macht stark und autonom."

Diese Erfahrungen werden es dem Kind ermöglichen, seinen eigenen Weg zu gehen und damit erfolgreich zu sein.

So haben Eltern das, was sie sich am meisten wünschen: ein glückliches Kind, das später ganz automatisch mit dem Erfolg haben wird, was es sich aussucht - weil die Eltern die Grundlage für eine selbstbewusste, starke Persönlichkeit ermöglicht haben.

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