Großbritannien könnte heute das nächste Polit-Beben erleben - die 4 wichtigsten Fragen zur Parlamentswahl

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Großbritannien könnte heute das nächste Polit-Beben erleben - die 4 wichtigsten Fragen zur Parlamentswahl | Getty/HuffPost
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  • Die Briten wählen an diesem Donnerstag ein neues Parlament
  • Premierministerin May hatte die Neuwahl angesetzt - ihr Kalkül: die Regierungsmehrheit ausbauen
  • Doch ausgerechnet die Jungwähler könnten nun Herausforderer Corbyn zum Sieg verhelfen

Noch bis 22 Uhr Ortszeit können die britischen Wähler ihrer Premierministerin Theresa May einen Strich durch die Rechnung machen. Denn plötzlich ist der Ausgang der Parlamentswahl offen.

Nachdem May im April vorgezogene Neuwahlen verkündet hat, haben sich die Vorzeichen fast gedreht.

Im Rücken hatte die Premierministerin noch vor Kurzem Umfragewerte, die ihrer Partei, den konservativen Tories, einen Vorsprung von bis zu 20 Prozentpunkten vor der sozialdemokratischen Labour-Partei prophezeiten.

Damit hätte sie wohl ihre derzeitige, eher wackelige Regierungsmehrheit ausbauen können. Und: Mit einem starken Ergebnis würde sie Rückwind bei den harten Brexit-Verhandlungen erhalten.

Doch nun, nach zwei Terroranschlägen und einem aggressiven Wahlkampf von links, ist alles möglich. Sogar ein Regierungswechsel.

Das sind die wichtigsten Fragen und Antworten zur britischen Parlamentswahl:

Was zeigen die letzten Umfragen?

Bis auf eine Umfrage (deren Urheber allerdings nicht Mitglied des British Polling Council ist) sahen die Meinungsforscher zuletzt die Tories vor Labour. Ein gewichteter Durchschnittswert all dieser Umfragen in der britischen Zeitung "The Telegraph" und der der BBC zeigen das ebenso. Doch die einzelnen Erhebungen unterscheiden sich erheblich: Der Vorsprung der Konservativen liegt je nach Umfrage zwischen nur einem und 13 Prozentpunkten. Entscheidender ist jedoch die Tendenz - und die zeigt für May deutlich nach unten, für Corbyn steil nach oben:

Wie wahrscheinlich ist ein Sieg Corbyns?

Der Labour-Chef konzentriert sich auf soziale Themen wie Gesundheit, Wohnungsbau und Bildung. Nach Jahren der konservativen Austeritätspolitik kommt das bei den Wählern gut an.

Zugleich lief bei Mays Wahlkampf einiges schief: Nach den Anschlägen in Manchester und London entzündete sich Kritik an ihrer Politik. Daneben schadete ihr auch, dass sie sich weigerte, an Fernsehdebatten mit anderen Kandidaten teilzunehmen. Und nicht zuletzt verärgerte das Wahlprogramm der Tories den älteren Wählerstamm.

Doch es ist wichtig, das britische Wahlsystem zu beachten: Anders als in Deutschland werden alle Parlamentssitze in 650 Wahlkreisen nach dem Mehrheitswahlrecht besetzt. Das heißt, der Kandidat mit den meisten Stimmen bekommt den jeweiligen Wahlkreis zugesprochen. Damit lassen sich die landesweiten Stimmenanteile nicht eins zu eins in die spätere Fraktionsstärke umrechnen.

Daher wird es am Ende insbesondere auf jene Wahlkreise ankommen, in denen das Rennen zwischen den Kandidaten eng ist. "Britain Elects", das alle seriösen Umfragen auswertet, hat berechnet, dass es im Vergleich zur letzten Parlamentswahl in über 140 Wahlkreisen zu einem Wechsel kommen könnte - in der Mehrheit allerdings zu den Konservativen.


Für eine Parlamentsmehrheit werden 326 Sitze benötigt. Auf Basis der letzten Wahlergebnisse und des vermuteten Wahlverhaltens in den einzelnen Wahlkreisen gehen die Analysten von "Britain Elects" davon aus, dass die Konservativen ihre Regierungsmehrheit behalten werden.

Anders sieht es jedoch bei der Vorhersage von YouGov aus: Mit Daten vom 6. Juni errechneten die Meinungsforscher, dass die Tories mit 302 Sitzen die Mehrheit deutlich verlieren würden. Demnach käme Labour zugleich auf 269 Sitze.

Das zeigt: Wie bei der Wahl in den USA - mit einem ähnlichen Wahlsystem - ist eine Überraschung auch in Großbritannien möglich. Corbyn könnte also gewinnen, aber das ist sehr unwahrscheinlich.

Mehr zum Thema: Wie der politische Außenseiter Jeremy Corbyn zur Gefahr für die britische Premierministerin Theresa May wird

Welche Rolle spielen die Jungwähler?

Herausforderer Corbyn spricht insbesondere junge Wähler an. So will er Studiengebühren abschaffen, die Bahn verstaatlichen und das marode Gesundheitssystem auf Vordermann bringen.

Ebenso könnte der Brexit-Schock die pro-europäischen Jungen - anders als in den vergangenen Jahren - an die Wahlurne locken und damit die wahlaffineren - und zu den Tories neigenden - Alten überstimmen.

Denn die unter 34-Jährigen tendieren dazu, Labour zu wählen. Steigt also die Wahlbeteiligung in dieser Altersklasse, erhöht das auch die Chancen für Labour.


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Was passiert mit dem Brexit?

"Brexit heißt Brexit", stellte May von vornherein klar. Denn die aktuelle Regierungschefin will sich mit der Neuwahl den Rücken für die Verhandlungen zum EU-Austritt ihres Landes stärken.

Sie strebt einen harten Brexit an: also auch den Ausstieg aus dem Europäischen Binnenmarkt und der Zollunion sowie die Loslösung von der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes.

Auf der anderen Seite behandelt Labour-Chef Corbyn den EU-Austritt wie eine unabwendbare Naturkatastrophe. Mit Blick auf den Brexit "wissen viele traditionelle Labour-Wähler nicht mehr, wofür ihre Partei noch steht", sagt Simon Hix von der London School of Economics and Political Science.

Deshalb sind die Liberaldemokraten mit ihrem Chef Tim Farron die einzige landesweite Partei, die - neben den praktisch bedeutungslosen Grünen - offensiv für einen Verbleib im Europäischen Binnenmarkt wirbt. Die Liberalen wollen sogar ein zweites Brexit-Referendum.

Nur die Schotten hatten vor einem Jahr mehrheitlich gegen den Brexit gestimmt. Nun kämpfen Regierungschefin Nicola Sturgeon und ihre Schottische Nationalpartei dafür, zumindest im Europäischen Binnenmarkt zu bleiben. Im Clinch mit May hat sie bereits ein zweites schottisches Unabhängigkeitsreferendum angekündigt. Der Ausgang ist offen.

Der EU-feindlichen und zerstrittenen Ukip-Partei droht hingegen der Kollaps. Viele Ex-Wähler sehen den Brexit nun bei May besser aufgehoben.

(Mit Material der dpa)

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