Abschied vom Auto: Berlin plant die Fahrradrevolution

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  • Berlin hat das erste Fahrradgesetz der Republik auf den Weg gebracht
  • Es dient jetzt schon vielen Städten als Vorbild
  • Ändert sich jetzt die Auto- zu einer Fahrradrepublik?

Nein, es ist nicht alles schlecht in Berlin.

Klar, die ewig langen Schlangen in den Ämtern nerven. Die Polizei ist erschreckend schlecht ausgerüstet. Und über den Flughafen lacht die ganze Welt.

Aber eines macht diese Stadt gerade besser als jede andere in Deutschland: Sie hat das erste Fahrradgesetz der Republik auf den Weg gebracht. Das dient schon wenige Monate nach seiner Einführung anderen Städten als Vorbild.

Von Bamberg über Hamburg bis München initiieren Parteien und Bürgerbewegungen derzeit auch sogenannte Radentscheide, die nach Berliner Vorbild ein Gesetz anstreben.

Am Ende dieser Entwicklung könnten sich die deutschen Städte radikal verändert haben: Das Rad könnte das Auto als Verkehrsmittel Nr. 1 abgelöst haben. Die Folge: bessere Luft und weniger Lärm. Also eine lebenswertere Stadt.

„Wir haben den Kampf um die Vorherrschaft auf den Straßen aufgenommen”

Für die Entwicklung in Berlin steht besonders ein Mann, Fahrrad-Aktivist Heinrich Strößenreuther. „Wir haben den Kampf um die Vorherrschaft auf den Straßen aufgenommen”, sagt er im Gespräch mit der HuffPost. Er kämpft seit Jahren für fahrradfreundliche Städte, jetzt sieht er die Zeit für die Fahrrad-Wende gekommen.

„Der Radverkehr soll den angemessenen Platz bekommen, den er benötigt“, sagt er. Dabei gehe es nicht darum, Autos komplett aus der Stadt zu verbannen. „Es wäre ein Anfang, wenn wir in den Kiezen autofreie Zonen bekämen und wieder mehr Leben auf den Straßen sehen.“

Berlin hat die besten Voraussetzungen, Fahrradhauptstadt Europas zu werden, sagt er.

Die Stadt ist mit ihren breiten Straßen sehr luftig gebaut. Die Zahl der Autos pro Haushalt ist im Vergleich zu anderen Städten extrem niedrig. Außerdem gibt es einen guten öffentlichen Nahverkehr.

Fahrradstadt Berlin: Unrühmlicher 36. Platz

Diese Vorteile will nun auch der Senat in Berlin nutzen. Die ersten Projekte laufen schon. Der Radentscheid, der als Vorlage für das Gesetz dienen soll, beinhaltet folgende Forderungen:

► Der größte Bruch mit der Autostadt ist eine grüne Welle für Radfahrer. Im US-Bundesstaat Idaho sind Ampeln für Radler schon seit den 80er-Jahren nur so etwas wie Stoppschilder. Sie müssen kurz halten. Wenn dann aber frei ist, dürfen sie weiterfahren. Studien haben gezeigt, dass die Zahl der Unfälle seither nicht gestiegen, sondern sogar gesunken ist.

Verbände beklagen schon seit langem die hohe Zahl der verkehrstoten Fahrradfahrer in Berlin.

► Beeindruckend sind auch die geplanten Fahrradschnellwege, die vier Meter breit sind. Sie sind als eine Art Autobahn für Radpendler gedacht.

► Gebaut werden sollen sie etwa unter der U-Bahn-Linie 1, wo derzeit nur Unkraut wächst. 100 Kilometer dieser Fahrradhighways sind geplant.

Schnellstraßen und grüne Wellen

► Alle Hauptstraßen sollen außerdem einen zwei Meter breiten Radweg bekommen. Insgesamt geht es um 350 Kilometer Straße, die für die Radfahrer umgebaut werden sollen.

Für die Fahrradrevolution will die Stadt Geld in die Hand nehmen. 20 Millionen Euro sollen es im ersten Schritt sein. Zwar ist das Gesetz noch in Verzug, kritisieren Fahrrad-Aktivist Strößenreuther. Deswegen will er am Wochenende die größte Fahrraddemo der WElt abhalten - 100.000 Radfahrer rollen dann durch Berlins Straßen.

Doch auf ein paar Monate wird es nicht ankommen. Insgesamt will sich die Stadt acht bis zehn Jahre Zeit lassen, ihren Plan umzusetzen.

Ziel ist es, dass niemand mehr in der Stadt mit dem Auto fahren muss. Mit seinem Rad-Plan reiht sich Berlin in einen internationalen Trend ein. Das Fahrrad wird weltweit als Verkehrsmittel immer beliebter - in London, Paris und Amsterdam.

Berlin dient gerade aber auch als Beispiel in der ganzen Republik, etwa für den Grünen-Bundestagsabgeordneten Dieter Janecek. Er gehört zu einem der wichtigsten Impulsgeber grüner Verkehrsideen in Deutschland und erinnert einen von Zeit zu Zeit daran, warum es diese Partei eigentlich noch gibt.

„Ärger gibt es dann, wenn die Gesetze umgesetzt werden"

"Der Berliner Vorstoß hat mich sofort überzeugt“, sagt er im Gespräch mit der HuffPost. "Ich werbe dafür, dass wir spätestens Anfang 2018 für München einen Bürgerentscheid für eine fahrradfreundlichere Stadt auf den Weg bringen können."

Aber der Umbau zur Fahrradstadt passiert nicht ohne Widerstände.

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Auch in Berlin. Das ist kaum verwunderlich. Denn breitere Radwege bedeuten schmälere Straßen und weniger Parkplätze für das Auto. Als die Pläne der Stadt bekannt wurden, kommentierten Zeitungen deswegen: “Vergesst die Autofahrer nicht!”

„Vergesst die Autofahrer nicht"

Für Bluthochdruck sorgt auch, wenn einige Kieze schon fleißig Fahrradstraßen einzeichnen. Zum Beispiel beim "Welt"-Chefredakteur Ulf Poschardt, der heute Morgen aus einem Auto twitterte: "Verachtung der Berliner Bezirke und Senatsbehörden für Autofahrer kennt wenig Grenzen. Hashtag Kreuzberg, Einstau und Horror."

Solcher Ärger lässt sich sicher ein Stück nachvollziehen. Dennoch ist die Radwende richtig, weil auch wissenschaftliche Fakten dafür sprechen, die auch Kritiker nicht von der Hand weisen können:

Radfahren ist gesund. Dänische Mediziner haben herausgefunden: Menschen, die drei Stunden pro Woche mit dem Fahrrad fahren, haben eine um 40 Prozent niedrigere Sterberate als diejenigen, die sich nicht oder nur in ihrer Freizeit aktiv bewegen. Außerdem reduziert es die Luftverschmutzung.

Und was haben die Deutschen nicht auch über Busspuren und Tempo-30-Zonen geschimpft. Heute allerdings will sie keiner einer mehr missen. So wird es auch mit dem Fahrradgesetz sein.

Wenn alle Schlachten geschlagen sind, haben Berlin und andere Städte ein Stück Lebensqualität dazugewonnen, das niemand mehr missen wollen wird.

Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!


Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Wie ihr selbst aktiv werden könnt, erfahrt ihr bei unserem Kooperationspartner Betterplace..

(ben)