Eine steigende Zahl von Männern greift zu dieser fragwürdigen Sexpraktik - Experten warnen davor

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Beim Stealthing entfernt der Mann beim Sex heimlich das Kondom - ohne das Einvernehmen des Partners. | iStock
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Für die Täter ist es eine neuartige Sexpraktik, für die Opfer eine schwerwiegende Verletzung von Würde und Selbstbestimmung.

Eine neue Studie setzt sich nun mit dem Phänomen auseinander, dass Männer heimlich und ohne Einverständnis des Partners während dem Sex das Kondom abstreifen - auch wenn zuvor die Benutzung eines Kondoms vereinbart wurde.

Während diese Praktik von den Tätern in einigen Foren als eine Art Sextrend gehandelt wird, werden nun Expertenstimmen laut, die eben dieses Vorgehen als Vergewaltigung bezeichnen.

Viele Frauen erleben sexuellen Missbrauch abseits des gesetzlich anerkannten Repertoires

Die Juristin Alexandra Brodsky aus den USA möchte mit ihrer Studie, die kürzlich in der Fachzeitschrift “Columbia Journal of Gender and Law“ erschien, das Bewusstsein der Gesellschaft auf diese Art von sexuellem Missbrauch lenken.

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Im Interview mit der HuffPost USA sagte Alexandra Brodsky, dass viele ihrer weiblichen Freundinnen sexuelle Misshandlungen erlebt hätten. Diese Misshandlungen konnten jedoch nicht ohne weiteres in das gesetzlich anerkannte Repertoire von Missbrauch eingeordnet werden.

Als sie sich näher mit dem Thema befasste, stieß sie immer wieder auf die Sexpraktik Stealthing. Und die scheint sich gerade zu einer Art fragwürdigem Trend in den USA zu etablieren.

Die Täter geben sich gegenseitig Tipps

In diversen Foren tauchen seit einigen Monaten zunehmend Erfahrungsberichte auf - sowohl von Opfern, als auch von Tätern.

Die Täter geben sich in Internetforen gegenseitig Tipps über die beste Vorgehensweise. Unter die ausführlichen Beschreibungen eines Users namens Onesickmind kommentierte ein anderer Nutzer: "Männer haben das Recht, ihre Samen zu verbreiten.”

Die Sexualexpertin Andrea Bräu analysierte diese Aussage im Interview mit der HuffPost Deutschland folgendermaßen:

“Ein Mann, der sagt 'Ich habe das Recht, meinen Samen zu verbreiten' ist jemand, der keine Kompromissfähigkeit gelernt hat und für den Anpassung offenbar gleichbedeutend mit Unterwerfung ist. Dieser Mensch ist voll von Aggression und strebt nach Rebellion, Konfrontation und wahrscheinlich auch nach Kontrolle.”

Die Opfer fühlen sich zutiefst verletzt

Während die Täter oftmals prahlen, fühlen sich die Opfer zutiefst verletzt. In Foren berichten sie, nicht sicher zu sein, ob das ihnen Widerfahrene als Vergewaltigung zu bezeichnen sei, doch fühle es sich so an.

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Ein Opfer berichtet auf dem Diskussionsportal Reddit, wie sie einvernehmlichen Sex mit einem Mann hatte. Vorab hatten sie vereinbart, ein Kondom zu benutzen, dann jedoch musste sie feststellen, dass er es heimlich abgestreift hatte.

“Ich rastete aus und fragte ihn, was passiert sei, und er gab zu, dass er es abgestreift hatte. Ich war unglaublich wütend, aber redete mir zunächst ein, ich würde überreagieren. Aber nachdem ich gegangen war, war ich wirklich zornig und fühlte mich extrem verletzt.”

”Das ist pathologisches Verhalten”

Ein Stealthing-Täter ignoriert die sexuelle Selbstbestimmung des Sexpartners und damit auch dessen Persönlichkeitsrechte. Ertappt ihn das Opfer, bleibt es mit Gefühlen der Scham und Bestürzung zurück.

Brodsky stuft Stealthing in ihrer Studie folgendermaßen ein: “Das Entfernen von einem Kondom, allgemein als Stealthing bekannt, kann als Transformation von einvernehmlichen Sex in nicht-einvernehmlichen Sex verstanden werden.”

Bräu formuliert es noch deutlicher:

“Beim Stealthing setze ich mich darüber hinweg, was einem anderen Menschen wichtig ist. Ich würde Stealthing eindeutig als Gewaltakt bewerten und sehe keinen Unterschied zu einer Vergewaltigung. Das ist pathologisches Verhalten, das strafrechtlich gehandhabt werden sollte. Das ist krankhaft.”

”Im Stealthing liegt ein Streben nach Macht”

Doch genau dieses Machtgefühl über eine andere Person ist es, was das Stealthing erst so reizvoll für den Täter macht. Bräu erklärt:

“Im Stealthing liegt ein Streben nach Macht verborgen, denn andernfalls könnte der Mann ja mit seinem Partner besprechen, ob man ein Kondom benutzen möchte. Ich würde dieses Verhalten mit dem eines Exhibitionisten vergleichen, der davon lebt, den anderen zu überraschen.”

Sie vermutet, dass ein Mann, der Stealthing betreibt, voller Aggressionen stecken muss. Zudem strebe er wahrscheinlich nach “ Rebellion, Konfrontation und wahrscheinlich auch nach Kontrolle.”

Stealther setzen ihre Opfer wissentlich gesundheitlichen Risiken aus

Abgesehen von den psychischen Schäden, die ein Stealthing-Opfer davontragen kann, birgt es auch enorme gesundheitliche Risiken, denen die Männer ihre Sexpartner rücksichtslos und wissentlich aussetzen.

Denn sowohl Männer als auch Frauen sehen sich als Opfer mit der Gefahr konfrontiert, sich sexuell übertragbare Krankheiten zuzuziehen. Bei Frauen kommt zudem auch noch die Gefahr einer ungewollten Schwangerschaft hinzu.

Trotz der Sachlage ist es bisher schwierig, Stealthing strafrechtlich zu behandeln, da der Sex ja im Einvernehmen geschieht - wenn auch auf einer anders vereinbarten Basis. Für das Opfer ist es daher schwierig, im Nachhinein einen Missbrauch nachzuweisen.

In der Schweiz wurde ein Mann wegen Stealthing verurteilt

In der Schweiz wurde im Januar ein Mann wegen Stealthings zu 12 Monaten Gefängnisstrafe auf Bewährung verurteilt. Allerdings wurde als Tatbestand nicht Vergewaltigung, sondern der etwas schwächere Terminus “Schändung” angegeben.

“Schändung”, im deutschen Strafrecht nicht gebräuchlich, bedeutet, dass der Täter an einer nicht urteilsfähigen oder nicht zum Widerstand fähigen Person in Kenntnis dieses Zustandes sexuelle Handlungen vornimmt.

Über Stealthing-Fälle in Deutschland ist bisher nichts bekannt. Auch Sexualexpertin Bräu hat bisher mit noch niemandem gesprochen, der Stealthing erlebt oder praktiziert hätte.

Dennoch hält sie es für durchaus wahrscheinlich, dass dieser “Trend” auch in Deutschland ankommen könne.

“Ich hoffe zwar, dass Menschen dazu fähig sind, respektvoll miteinander umzugehen, doch ich muss ehrlich sein: Der Mensch ist nicht immer nur gut. Die kriminelle Energie wartet nur darauf, bedient zu werden. Letztlich muss man sagen: Es gibt mehr als genug Menschen, die an ihrer Psychohygiene noch einiges machen können.”

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(lm)