POLITIK
07/06/2017 22:50 CEST | Aktualisiert 08/06/2017 11:01 CEST

Wie der Katar-Eklat eine ganze Region aus dem Gleichgewicht bringt

Anadolu Agency via Getty Images
Wie der Katar-Eklat das eine ganze Region aus dem Gleichgewicht bringt

Der Nahe Osten kommt nicht zur Ruhe.

Gerade als viele Beobachter wohl glaubten, viel schlimmer könne es die Region nicht treffen, bahnt sich eine neue Stufe des Chaos an.

Denn mit dem diplomatischen Eklat um das Emirat Katar gerät ein Machtkonstrukt aus dem Gleichgewicht, das jahrelang ironischerweise zumindest für einen Funken Stabilität gesorgt hatte.

Neben den blutigen Kriegen in Syrien, dem Irak und dem Jemen droht der übergeordnete Konflikt zwischen dem schiitischen Iran und der sunnitischen Regionalmacht Saudi-Arabien zu eskalieren.

In den Nebenrollen: US-Präsident Donald Trump und sein türkischer Amtskollege Recep Tayyip Erdogan.

Was war passiert?

► Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), Bahrain, Jemen und Ägypten haben am Sonntag ihre diplomatischen Beziehungen zu Katar aufgekündigt. Sie werfen dem Land vor, Terrororganisationen wie die Muslimbruderschaft und den Islamischen Staat zu finanzieren. Außerdem stören sie sich an den guten Beziehungen Katars zum Iran.

► Die Entscheidung kommt kurz nach Trumps Besuch im saudi-arabischen Riad. Der verkauft das Zerwürfnis jetzt als politischen Erfolg. "Während meiner Reise kürzlich in den Nahen Osten habe ich klargestellt, dass es nicht länger eine Finanzierung radikaler Ideologien geben kann. Die Regierungschefs haben auf Katar gezeigt – schaut!", twitterte der US-Präsident.

► Der US-Sender CNN enthüllte am Mittwoch, dass möglicherweise russische Hacker mit Falschmeldungen für die Entstehung der Krise gesorgt hatten.

► Später am Mittwoch erschütterten zwei Terroranschläge die iranische Hauptstadt Teheran. Der IS reklamiert die Anschläge für sich, die iranische Regierung bezichtigt Saudi-Arabien und die USA der Mitverantwortung.

► Ebenfalls am Mittwoch erklärte die türkische Regierung, die militärische Zusammenarbeit mit Katar auszubauen. Rund 3000 Soldaten sollen in Zukunft zusätzlich in dem arabischen Emirat stationiert werden.

Wie hängen die Ereignisse zusammen?

Bislang ist das lediglich Gegenstand von Spekulationen. Doch die Verkettung von Ereignissen ist durchaus brisant.

Vor der Krise war Katar eines der wenigen Länder, das sowohl zu Saudi-Arabien, als auch zum Iran wichtige Beziehungen unterhielt.

So ist das Emirat einer der sechs Staaten des Golf-Kooperationsrates (GCC), die in der Terrorabwehr zusammenarbeiten und ein Gegengewicht zum Iran bilden wollen.

Gleichzeitig war die Regierung von Scheich Tamim bemüht, Konflikte mit dem Iran zu meiden. Auch weil beide Länder ähnliche wirtschaftliche Interessen teilen.

Nun – so argumentiert Nahost-Experte Bilal Y. Saab im renommierten US-Magazin "Foreign Affairs“ – könnte Katar gezwungen sein, eine engere Bindung zum Iran einzugehen. Denn: Von den übrigen Nachbarstaaten ist das Land isoliert.

Während die anderen Golf-Staaten die Eskalation wohl über Monate hinweg einkalkuliert hatten, erwischt sie die USA wohl deutlich unvorbereiteter.

Darauf lassen auch Trumps euphorische Tweets und die darauffolgende Reaktion aus dem Verteidigungsministerium schließen. Im Pentagon, so schreibt die "New York Times", war man entsetzt über Trumps ungestüme Bemerkungen über Katar.

Denn: In Katar ist der größte Stützpunkt der USA in der Region. Dort haben US-Geheimdiente eine Basis, dort liegt die Al Udeid Air Base mit etwa 11.000 amerikanischen und verbündeten Soldaten. Ob der US-Präsident das wusste?

Nun droht der Iran an Einfluss zu gewinnen, oder?

Die Anschuldigungen aus Teheran, Saudi-Arabien stecke hinter dem Terroranschlag an Mittwoch, zeigen, wie hochexplosiv der Konflikt der beiden Mächte mittlerweile ist.

Mit Katar könnte der Iran nun einen neuen Partner gegen die Saudis an seiner Seite haben. In einem kalten Krieg, der im Jemen und Syrien bereits heiß geworden ist, aber im Vergleich zu seinem ganzen zerstörerischen Potenzial noch auf niedriger Flamme köchelt.

Komplizierter wird es dadurch, dass die türkische Regierung, die traditionell dem sunnitischen Block im Nahen Osten angehört, offenbar Interesse an einem engeren Bündnis mit Katar hat.

Einen "Kollisionskurs mit Riad“ nennt die "Financial Times“ Erdogans Schritt, Katar seine Unterstützung zuzusichern. "Wir erlauben es nicht, dass Katar zusammengeprügelt wird“, sagte Erdogan so.

Mit Doha verbindet den türkischen Präsident die Nähe zu radikal sunnitischen Gruppierungen wie den Muslimbrüdern. Der türkische Präsident macht keinen Hehl daraus, dass er die Gruppe unterstützt, die in Saudi-Arabien wie in vielen anderen Ländern der Welt als terroristische Vereinigung gilt.

Viel wird jetzt darauf ankommen, wie Saudi-Arabien auf die sich anbahnende Koalition zwischen Tamim und Erdogan reagiert. Und ob Trump den gelegten Brand noch im Zaum halten kann.

Das Weiße Haus zumindest ruderte im Laufe des Mittwochs zurück. Der Präsident habe dem katarischen Emir Tamim bin Hamad Al Thani in einem Telefonat vorgeschlagen, dabei zu helfen, die Differenzen zwischen den Parteien beizulegen, teilte die US-Regierung mit.

Ob das helfen wird, ist fraglich. "Damage done“, sagt der Amerikaner.

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