Ich wurde von einer Frau missbraucht, aber niemand hat mir geglaubt

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
GIRL ALONE SCARED
Ich wurde von einer Frau missbraucht, aber niemand hat mir geglaubt. | Mark Mawson via Getty Images
Drucken

2016-10-13-1476358049-4082604-LOGO_GER.jpg

Dieser Artikel erschien urspr├╝nglich bei Refinery29.

Es ist gar nicht so lange her, da war ich ein 13-j├Ąhriges, naives M├Ądchen - queer noch dazu, aber das hatte ich noch niemandem gesagt. Es f├╝hlt sich an, als h├Ątte ich seitdem ein ganzes Leben verlebt.

Zu der Zeit wohnte ich noch in einem traditionellen Haushalt. Ich hatte eine wilde Vorstellungskraft und einen unstillbaren Durst f├╝r die Welt da drau├čen. Das alles ├Ąnderte sich von einem Tag auf den anderen, als ich eine Frau kennenlernte, die schnell mein Vertrauen gewann - und mich schlie├člich meiner Unschuld beraubte.

Nicht alle P├Ądophile sind glatzk├Âpfige, b├Ąrtige M├Ąnner

Es fing alles damit an, dass ich f├╝r einen Familienurlaub packte. Meine Mutter teilte mir mit, dass ich das Zimmer mit meiner Freundin und ihrer ├Ąlteren Verwandten teilen w├╝rde. Ich war sofort abget├Ârnt von dem Gedanken daran, mein Zimmer mit Erwachsenen teilen zu m├╝ssen, aber als eher optimistischer Pre-Teen war ich entschlossen, trotzdem die beste Woche meines Lebens zu haben.

Als es soweit war, war ich schon so aufgeregt, dass ich die Flure entlang rannte und mein Zimmer suchte. Ich steckte den Schl├╝ssel in die T├╝r und rannte ins Zimmer, um meine Freundin zu umarmen, die mit ihrer Tante bereits angekommen war - eine Frau um die 30 mit langen Haaren, gr├╝nen Augen und einem L├Ącheln, das ich nie wieder vergessen werde.

Diese vermeintlich harmlose Frau, die ich gerade beschrieben habe? Sie ist p├Ądophil.

Nicht alle P├Ądophile sind glatzk├Âpfige, b├Ąrtige M├Ąnner, die Kindern Schokolade anbieten oder sie im Supermarkt ansprechen. Mit 13 Jahren war ich darauf vorbereitet worden, vor genau solchen Typen wegzurennen, aber nicht vor dieser Frau. Sie schien einzigartig zu sein, und sie faszinierte mich. Ich wollte ihr bis ans Ende aller Tage zuh├Âren - so charismatisch redete sie. Ihre K├Ârpersprache war so einladend, dass ich f├╝r immer bei ihr bleiben wollte.

Obwohl die Anzeichen von Missbrauch da waren, ignorierte ich sie

Innerhalb von sechs Monaten hatte sie das Vertrauen meiner Eltern und mir gewonnen. Sie nahm mich mit ins Einkaufszentrum, f├╝hrte mich zum Mittagessen und ins Kino aus - wir gingen ├╝berall hin, wo 13-J├Ąhrige eben gerne hingehen wollen. Ich habe sie fast f├╝nf Mal pro Woche gesehen.

Meine Sexualit├Ąt verwirrte mich und das hat sie f├╝r sich ausgenutzt.

Ô×Ę Mehr zum Thema: Sexueller Kindesmissbrauch - interessiert es denn niemanden?

Sie erz├Ąhlte mir oft, dass niemand mich so verstehen w├╝rde wie sie, und dass sie so gerne in einer Beziehung w├Ąre. Alles, was ich wollte, war Liebe, und sie l├Âste in mir das Gef├╝hl von Schmetterlingen im Bauch aus. Wir fingen an, uns gegenseitig "Ich liebe dichÔÇŁ zu sagen. In meinem jugendlichen Kopf glaubte ich wirklich und ehrlich, verliebt zu sein. Sie hatte eine seltsame Macht ├╝ber mich; ihr Wunsch war mein Befehl. Nichts anderes auf der Welt z├Ąhlte noch.

Obwohl die Anzeichen von Missbrauch da waren, ignorierte ich sie. Ich hatte das Konzept von Missbrauch noch nicht richtig verstanden, aber ich verstand durchaus, was richtig und was falsch war - und ich wusste, dass das alles nicht gerade als richtig durchgehen konnte. Das fing etwa einen Monat nach unserer ersten Begegnung an, da zwang sie mich, sie zu k├╝ssen. Innerhalb von sechs Monaten wurde meine unschuldige Schw├Ąrmerei zu einer dunklen und gewaltt├Ątigen Angelegenheit.

Nachdem ich monatelang ihre sexuellen Avancen und tastenden H├Ąnde abzuwehren versuchte, wurde sie manipulativ und beschimpfte mich verbal, sodass ich sie irgendwann lie├č.

Sie sagte Dinge wie "Es ist egal, was du willstÔÇŁ und "Das ist okay, weil ich dich liebe.ÔÇŁ

Ich kann noch die Narben sehen, die sie an meinem K├Ârper hinterlassen hat

Sie zwang mich, mit ihr Sex zu haben, und manchmal brachte sie andere Erwachsene - immer M├Ąnner - ins Spiel. Wenn diese M├Ąnner dabei waren, war ich viel weniger kooperativ. Ich hatte mich eh fremden M├Ąnnern gegen├╝ber unwohl gef├╝hlt, ganz besonders gegen├╝ber denjenigen, die sie kannte (eben jene glatzk├Âpfigen Typen mittleren Alters), vor denen ich h├Ątte wegrennen sollen.

Das erste Mal, als das passierte, dachte ich wirklich noch: Das ist mein schlimmster Albtraum. Ich habe tagelang danach noch geweint und dar├╝ber nachgedacht, mich selbst umzubringen. Ich hatte meine Belastungsgrenze erreicht und ich wusste, dass etwas mit dieser Situation absolut nicht in Ordnung war.

Mein Widerstreben machte sie w├╝tend, und sie nutzte diese Wut, um mich zu verletzen. Ich kann heute immer noch die Narben sehen, die sie an meinem K├Ârper hinterlassen hat. Handabdr├╝cke dort, wo sie mich w├╝rgte; Kratzer, Schnitte und Wunden dort, wo ich mich wehrte; und die selbst zugef├╝gten Wunden da, wo ich mich f├╝r sie unattraktiv machen wollte. Aber zu der Zeit konnte auch die h├Ąrteste Selbstverst├╝mmelung eine machtbesessene P├Ądophile nicht zur├╝ckhalten.

Der einzige Ausweg, der sich f├╝r mich anbot, war Selbstmord

Ich f├╝hlte mich komplett alleine. Ich wusste, dass ich nur aus dieser Missbrauchssituation herauskam, wenn ich jemandem davon erz├Ąhlte, aber sie hatte mir eingetrichtert, dass sie nie wieder mit mir reden w├╝rde, wenn ich ÔÇťunser GeheimnisÔÇŁ l├╝ftete. Ich war jung, verwirrt und dachte, dass ich tun m├╝sste, was eine Erwachsene - also sie - mir sagt.

Der einzige Ausweg, der sich f├╝r mich anbot, war Selbstmord. Ich war 14 und ich dachte, es sei besser zu sterben, als eine Person zu entt├Ąuschen, die mir sagte, dass sie mich liebte. Ich fing an, nach dem Auto zu suchen, vor das ich mich werfen k├Ânnte; oder nach einer Br├╝cke f├╝r meinen letzten Sprung. Diese Selbstmordgedanken hielten noch Jahre nach dem Missbrauch an.

Die 11 Monate sexueller, physischer und verbaler Vergewaltigung kamen zu einem abrupten Ende, als ich versucht habe, einem Familienmitglied davon zu erz├Ąhlen. Ich hatte damals noch nicht das Vokabular, um richtig zu beschreiben, was mit mir gemacht wurde - und ich hatte furchtbare Angst, ├ärger zu bekommen.

Also habe ich die Geschichte ein bisschen sch├Ângeredet und erz├Ąhlt, dass sie und ich in einer ÔÇťBeziehungÔÇŁ seien. Ich wollte so diskret wie m├Âglich sein, also habe ich nie etwas von den sexuellen ├ťbergriffen erz├Ąhlt, und nur gesagt, dass wir H├Ąndchen hielten.

Ô×Ę Mehr zum Thema: Ein Brief an den Mann, der versucht hat, mich zu vergewaltigen

Die meisten haben mir die Schuld gegeben

Es war nur eine Frage der Zeit bis ein gro├čer Teil meiner Familie - sowohl der kleine als auch der erweiterte Kreis - die Geschichte kannten, oder zumindest dachten, die Geschichte zu kennen. Die meisten haben schnell irgendwelche Anschuldigungen ausgesprochen und mir die Schuld gegeben. Ich wurde als emotional labil, als L├╝gnerin, als dramatisches Kind und verzweifelt nach Aufmerksamkeit bezeichnet.

Wieder wurde mir von Erwachsenen gesagt, ich sollte ruhig sein, also blieb ich ruhig.

Sobald die Geschichte ├╝ber unsere Beziehung ans Licht geraten war, h├Ârte ich nie wieder etwas von ihr. Aus einem energetischen, gl├╝cklichen Kind wurde ein ├Ąngstliches, stummes Wesen, das mit niemandem mehr redete. Ich dachte: wenn ich rede, dann h├Âren die Menschen meine Scham und die Schuld, die ich in mir sp├╝rte. Ich wurde selbst-destruktiv und fiel in das tiefe Loch der Drogensucht.

Meine Vergewaltigerin ist einfach davon gekommen, w├Ąhrend ich blo├čgestellt und besch├Ąmt wurde. Ich machte es den Erwachsenen in meinem Leben nach und gab mir selbst die Schuld.

Verschreibungspflichtige Medikamente und Selbstverst├╝mmelung l├Âsten bei mir Erleichterung aus. Niemand redete mit mir dar├╝ber, was passiert war; ich blieb im Dunkeln zur├╝ck, mit einem gebrochenen Herzen und vielen unbeantworteten Fragen. Ich hatte nie richtig verstanden, dass ich sexuell missbraucht worden war.

Es hat Jahre gedauert, bis ich den Verlust meiner "ersten LiebeÔÇŁ verkraftete; bis ich verstand, dass das Vergewaltigung war. Ich wollte nur diese Liebe nochmal sp├╝ren. Ich f├╝hlte mich einsamer als je zuvor. Ich ritzte mich, um Kontrolle ├╝ber meinen Schmerz zu bekommen, und nahm Tabletten, um die Leere in mir zu bet├Ąuben.

├ťber meine Erfahrungen zu reden half mehr als alles andere

Einige Jahre sp├Ąter starb ein Verwandter wegen Drogenmissbrauch - da wurde ich von der Realit├Ąt des Lebens eingeholt. Ich verstand, dass Schmerztabletten niemals mindern konnten, was ich innerlich f├╝hlte. Ich musste das alles anders bew├Ąltigen. Also nahm ich Kontakt zu einigen engen Verwandten auf und erz├Ąhlte ihnen ganz genau, was mir passiert war.

Sie wurden zu meinen tragenden S├Ąulen, als ich von meinen S├╝chten herunter kam. Der Entzug von den Tabletten war schmerzhaft und schwierig, aber am Ende bin ich mit 18 Jahren in ein drogenfreies Leben eingetreten. Ich f├╝hlte mich immer noch verloren, aber ich war entschlossen, ein sinnvolles Leben zu f├╝hren.

Ich hatte Gl├╝ck, so viel Unterst├╝tzung von den Menschen um mich herum zu finden. ├ťber meine Erfahrungen zu reden half mehr als alles andere. Nachdem ich mein Schweigen endlich gebrochen hatte, setzte ich mir kurzfristige Ziele f├╝r mich selbst. Mit jeder ├╝berwundenen Herausforderung f├╝hlte sich mein Leben sinnvoller an.

Ich fand schon bald eine Leidenschaft, die mich voran trieb und startete eine Karriere in der Sch├Ânheitsindustrie. Ich merkte, dass ich Menschen gerne dabei half, sch├Âner auszusehen und sich auch sch├Ân zu f├╝hlen. Nichts l├Ąsst sich mit dem Gef├╝hl vergleichen, dass ich habe, wenn Kunden mit einem L├Ącheln aus dem Laden treten.

Ich arbeite jeden Tag daran, mich selbst zu heilen

Insgesamt war es mein unterst├╝tzendes Netzwerk und mein eigenes Dr├Ąngen darauf, die Komfortzone zu verlassen, was mir am meisten bei meinem Gl├╝ck geholfen hat. Es hat danach nicht lange gedauert, bis ich mich wieder selbst lieben konnte. Das kam, als ich einfach das Gl├╝ck nicht finden konnte. Irgendwann habe ich verstanden, dass man Gl├╝ck auch ├╝berhaupt nicht findet, sondern dass es in einem selbst drin steckt.

Um es aber f├╝r sich selbst nutzen zu k├Ânnen, muss man lernen, sich selbst die Liebe und das Verst├Ąndnis zu schenken, die man in den dunklen Jahren verloren hatte.

Ich bin kein Teenager mehr und frage mich st├Ąndig, wie ich es durch den Missbrauch und die nachfolgende Zeit eigentlich geschafft habe. War es nur Gl├╝ck? Oder hat mir das Universum irgendwie mitgeteilt, dass mein Sinn auf Erden noch nicht gefunden war? Ich glaube daran, dass es das Letztere ist.

Obwohl meine Vergewaltigerin immer noch auf freiem Fu├č ist und es immer noch Leute aus meiner eigenen Familie gibt, die mir nicht glauben wollen, arbeite ich jeden Tag daran, mich selbst zu heilen. Ich m├Âchte in der Lage sein, jungen Frauen und M├Ądchen wie mir zu helfen, indem ich meine ├ťberlebensgeschichte teile. Auf diese Art und Weise kann ich vielleicht jemanden ber├╝hren, der sich genauso verlassen und ungeliebt gef├╝hlt hat wie ich damals.

Ô×Ę Mehr zum Thema: An alle, die missbrauchte Frauen zu T├Ątern machen

Ich bin kein Opfer mehr. Ich bin eine ├ťberlebende

Ich w├╝rde l├╝gen, wenn ich behaupten w├╝rde, meine Wunden seien komplett geheilt. Ich frage mich oft, ob es jemals einen Tag geben wird, an dem ich nicht an sie und an das, was passiert ist, denken werde. Wenn ich an den Orten vorbei laufe, an denen sie mich missbraucht hat oder wenn ich das Auto sehe, das sie fuhr. Wenn ich bestimmte Songs h├Âre oder Parf├╝ms rieche, kriege ich ganz schlimme Flashbacks und f├╝rchterliche Panikattacken.

Und ich habe immer noch Albtr├Ąume.

Aber ich weigere mich, von diesen Dingen zur├╝ckgehalten zu werden. Ich werde ihr diese Macht nicht geben. Wenn ich zur├╝ckblicke und sehe, wie weit ich es inzwischen geschafft habe, dann merke ich, wie viel Macht ich tats├Ąchlich habe - so, als k├Ânnte ich die Welt eines Tages erobern.

Ich bin kein Opfer mehr. Ich bin eine ├ťberlebende. Der Missbrauch definiert mich nicht, aber das Bew├Ąltigen meiner Erfahrungen hat mir die Kraft gegeben, meine Geschichte zu erz├Ąhlen und anderen ├ťberlebenden zu sagen: Du bist nicht alleine!

*Der Name der Autorin wurde von der Redaktion ge├Ąndert.

Das k├Ânnte euch bei Refinery29 auch interessieren:

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png


(lm)