POLITIK
06/06/2017 11:59 CEST

Natürlich hat der Terror nichts mit dem Islam zu tun. Wer etwas anderes behauptet, gefährdet unsere Sicherheit

Stefan Wermuth / Reuters
Natürlich hat der Terror nichts mit dem Islam zu tun. Wer etwas anderes behauptet, gefährdet unsere Sicherheit

Die Deutschen haben eine verhängnisvolle Beziehung zu einfachen Antworten auf komplizierte Probleme.

Man denke nur an die Flüchtlingskrise: Erst hatten sich Millionen Menschen an der apokalyptischen Vision aufgeputscht, dass Deutschland kurz vor dem staatlichen Zusammenbruch stehe. Als dann der Untergang des Vaterlandes ausblieb, zitierten die gleichen Leute genüsslich jede einzelne wahre oder unwahre Meldung über straffällig gewordene Asylbewerber.

Da konnten Kriminalisten und Soziologen mit ihren Wissenschaftsgedöns so lange reden, wie sie wollten: Ein großer Teil der Bundesbürger war bereit zu glauben, dass "der Flüchtling an sich“ bösartiger und gewaltbereiter ist als der deutsche Durchschnittsmichel. Und dass die Lösung also sein müsse, alle abzuschieben und die Grenzen dichtzumachen.

Nach den jüngsten Terror-Anschlägen in Großbritannien wiederholt sich das Spiel. Eine Losung geistert durch das deutschsprachige Netz: "Sagt mir ja nicht schon wieder, dass der Islam nicht schuld sei.“

Pauschale Islamkritik ist ein Mittel der Ausgrenzung

Die Kernthese dahinter lautet, dass der Islam weniger eine Religion, sondern eher eine "Ideologie“ sei und strukturell das Entstehen von Gewalt begünstige. Dieser Gedanke ist so alt wie die so genannte "Islamkritik“ in Deutschland.

Deren Ziel war es im Übrigen nie, durch konstruktive Verbesserungsvorschläge etwas voranzutreiben, sondern durch Diffamierungen und gezielt gesäte Zweifel eine ganze Gesellschaftsgruppe auszugrenzen und den Rest der Bevölkerung in verschiedene Lager aufzuspalten.

Die "Islamkritik“ ist bis heute eine der wirkungsvollsten politischen Kommunikationsstrategien der Rechten, weil sie so tief in die Gesellschaft hinein wirkt. Wenn die Zweifel einmal ausgesät sind, keimen sie in dem Moment, wo die vermeintlich plausiblen Erklärungsmuster auf passende Alltagsbeobachtungen treffen.

Deswegen zitieren die Rechten ja auch so genüsslich jede nur eingehende Nachricht über straffällig gewordene Ausländer. Und natürlich warten sie auf Terroranschläge, um sich selbst bestätigt zu sehen.

Der radikale Islamismus ist eine politische Ideologie

So wie in den jüngsten Tagen. Jahrelang haben wir gehört, dass der Islam eine "gewaltverherrlichende Ideologie“ sein könnte. Das linksliberale Bürgertum widersprach vehement. Und nun, da die Gewalt weitergeht, und viele Menschen nach Antworten auf das Problem des islamistischen Terrorismus suchen, erscheint die alte und so oft kritisierte These plötzlich doch irgendwie glaubwürdig.

Was sie allerdings nicht ist. Und in dem Moment, wo wir sie für plausibel halten, laufen wir Gefahr, den Kampf gegen den Terror zu verlieren. Nicht nur, weil wir durch unsere eigenen Radikalisierung das Spiel der Terroristen mitspielen. Sondern auch, weil wir auf diese Weise verlernen, die Feinde unserer westlichen Gesellschaften zu verstehen.

Der radikale Islamismus ist eine politische Ideologie. Seinen Vertretern geht es nicht um Erlösung und den Einzug ins Paradies, sondern um irdische Macht. Nicht umsonst konnte der IS zur reichsten Terrororganisation der Welt aufsteigen – und natürlich nahm die Spitze des Islamischen Staates beim Handel mit Öl gerne das Geld jener "Kuffar“, jener "Ungläubigen" aus Damaskus an, die sie sonst so inbrünstig verflucht.

Die Kriminellen des IS benutzen den Islam, weil er ihnen ein gebräuchliches Koordinatensystem bietet. Dadurch ist es ihnen gelungen, Anschluss zu finden. Überall auf der Welt, übrigens: In Syrien und im Irak kämpfen IS-Terroristen aus allen Kontinenten.

Muslime sprechen sich gegen den Terror aus - nur wir hören sie nicht

Darunter sind auch viele Konvertiten aus westlichen Gesellschaften, die den falschen Heilsversprechungen des IS Glauben schenken. Es trifft also nicht nur "die Araber“ oder "die Bewohner von muslimischen Ländern“.

Wenn wir den Terror wirkungsvoll bekämpfen wollen, müssen wir anfangen, die politische Ideologie des radikalen Islamismus zu knacken. Und das wird uns nicht gelingen, wenn wir "den Islam“ als Religion unter Generalverdacht stellen.

Wie tief die von rechten Vordenkern ausgebrachten Zweifel am Islam schon in unserer Gesellschaft Wurzeln geschlagen haben, zeigt die immer wiederkehrende Forderung, Muslime sollten sich doch bitte vom Terror distanzieren.

Das tun sie. Schon die ganze Zeit. Nur wir bekommen es nicht mit, weil wir uns in Wahrheit einfach nicht dafür interessieren.

Vor einer Woche zum Beispiel ging in den arabischen Ländern ein berührendes Video durch die sozialen Netzwerke. Mittlerweile hat es schon mehr als fünf Millionen Abrufe bei Youtube. Es zeigt reale Opfer von radikalislamistischen Terroranschlägen, die als Überlebende gegen das Morden ansingen. Mittlerweile ist der Clip auch mit englischen Untertiteln versehen.

Wir sollten den Islam als unseren wichtigsten Alliierten im Kampf gegen den Terror begreifen. Aus der Gemeinschaft der Muslime heraus lassen sich die Propaganda-Lügen des IS viel glaubwürdiger offenlegen als auf neurechten Netzportalen.

Wir müssen gemeinsam daran arbeiten, den IS und seine Sympathisanten zu isolieren, so wie es auch in der Geschichte der Bundesrepublik immer wieder gelungen ist, Radikale vom Kontakt mit der Gesellschaft abzuschnüren.

Wer aber gegen "den Islam“ hetzt, der spielt letztlich das Spiel des IS: Denn unter den Diskriminierten und Ausgegrenzten findet er mit großer Sicherheit ein neues Rekrutierungspotenzial.

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