Europa lässt mich träumen: Warum ich meinen deutschen Pass jederzeit gegen eine EU-Bürgerschaft tauschen würde

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EU DEMONSTRATION
Warum ich meinen deutschen Pass jederzeit gegen eine EU-Bürgerschaft tauschen würde | Peter Nicholls / Reuters
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Ich liebe es, im Frühling durch die Mitte Deutschlands zu reisen. Im März und April, wenn die Knospen der Bäume sprießen, im Mai, wenn die Rapsfelder in leuchtenden Gelbtönen blühen – und auch jetzt im Juni, wenn Grashalme, Weizenähren, Buchenblätter und Löwenzahnstengel jede Landschaftsaufnahme in ein Wimmelbild aus lauter Grünschattierungen verwandeln.

Irgendwo zwischen Sauerland und Rennsteig, da hat die Landschaft jene Form, auf die ich klar komme. Hier leben die Menschen, mit denen ich mich meist auf Anhieb verstehe.

In Nordhessen, Westfalen, Südniedersachsen oder in Thüringen, da fühle ich mich zu Hause. Hier bin ich geboren und aufgewachsen. Selbst wenn ich durch Dörfer komme, die ich nicht kenne – fremd werde ich hier nie sein.

Weswegen sich Menschen jedoch als „deutsche Patrioten“ bezeichnen, ist mir als Hesse nie so ganz klar geworden. Bayern ist ja wirklich ein schöner Landstrich – mit dem „Deutschland“, in dem ich aufgewachsen bin, hat er aber herzlich wenig zu tun. Andere Sprache, andere Sitten, andere Mentalität. Ähnlich geht es mir, wenn ich in der brandenburgischen Provinz unterwegs bin.

Als Deutscher ist mir Deutschland manchmal fremd

Je älter ich werde, desto künstlicher kommt wir dieses Gebilde vor, dass sich „Deutschland“ nennt. Was hat meine eher durch das Miteinander geprägte westdeutsche Sozialisation mit der von gewissen Menschen in Sachsen oder Mecklenburg-Vorpommern zu tun, wo es in manchen Regionen niemand mehr großartig zu interessieren scheint, wenn mal wieder ein Asylbewerberheim in Flammen aufgeht?

Oder: Was hat meine auf Ausgleich bedachte Jugend im Kernland des rheinischen Kapitalismus noch mit dem Mietwahnsinn in Städten wie Hamburg oder Berlin zu tun, wo nur derjenige zum Zuge kommt, der ohnehin schon mehr als genug hat? Ich halte diese Form des überbordenden Haste-was-biste-was-Kapitalismus für so widerwärtig, dass ich sogar überlegt hatte, nach gut zehn Jahren aus Berlin wegzuziehen. Ich finde es pervers, wie dort gerade arme Menschen an den Rand gedrängt werden.

Und: Was hat dieses Deutschland eigentlich, für sich genommen, überhaupt noch in der Weltpolitik zu sagen? Ist diese Idee des Nationalstaats nicht so überholt wie Frack und Zylinder Formen des modischen Ausdrucks?

Natürlich: Ich sehe ein, dass eine Auflösung dieser Bundesrepublik wohl einige gravierende Nachteile mit sich brächte.

Meine Heimat berührt mich - und Europa lässt mich träumen

Womöglich müsste Hessen aufs Neue die Mitgliedschaft in der Europäischen Union beantragen. So wie es den Schotten blühen könnte. Oder den Bayern, wenn eines Tages mal doch die Bayernpartei an die Macht kommen sollte. Damit wäre die Basis des Reichtums in der Mitte Europas in Gefahr, nämlich der Freihandel. Und natürlich wäre es Quatsch, wenn man von Marburg aus für einen Studienaufenthalt in Heidelberg ein Auslandssemester beantragen müsste.

Uns geht es gemeinsam besser als allein. Und ich habe nichts gegen die Bundesrepublik als Zweckbündnis der Mitteleuropäer. Wir sind eigentlich ganz gut darin, zusammen etwas auf die Beine zu stellen. Aber woher kommt diese oft weinerlich vorgetragene Sehnsucht nach „dem Deutschen“? Tja. Bei mir regt sich in solchen Momenten eher Mitleid. Für jene, die wegen eines solch abstrakten Gebildes wie „Deutschland“ tatsächlich ehrlichen Schmerz empfinden.

Nur meine Heimat ist imstande, mein Gemüt so zu berühren.

Und nur Europa schafft es, meine Phantasie zu beflügeln.

Ich würde meine deutsche Staatsbürgerschaft sofort aufgeben - für eine europäische

Seien wir doch ehrlich: Dieses Deutschland als durchaus nützliche Zweckgemeinschaft ist uns im 21. Jahrhundert zu klein geworden. Wir schaffen es ohne die anderen europäischen Länder nicht, unsere Interessen auf internationaler Ebene durchzusetzen. Vor 100 Jahren war noch gut jeder 200. Erdenbürger ein Deutscher. Heute ist es etwa jeder Tausendste.

Noch vor 70 Jahren sprach nur ein Bruchteil der deutschen Erwachsenen eine Fremdsprache. Nun können wir uns mit ausreichend Englischkenntnissen überall in der EU niederlassen und auch ein Sozialleben führen.

Ohne Europa gäbe es in dem Streifen Land, der sich Deutschland nennt, weder Frieden noch Wohlstand. Und noch schlimmer: Ohne Europa hätte diese dicht besiedelte Region in der Mitte des Kontinents wohl auch keine Zukunft.

Würde mich jemand fragen, ob ich meine deutsche Staatsbürgerschaft abgeben würde, dann wäre meine Antwort stets: mit Vergnügen. Wenn ich im Tausch dafür eine europäische Staatsbürgerschaft bekäme.

Lasst uns gemeinsam etwas aufbauen, auf das wir stolz sein können

Mit der hätte ich dann Wahlrecht an meiner Meldeadresse. Egal, ob die sich nun in Amsterdam, Paris oder Kassel befindet. Steuern würde ich ebenfalls dort zahlen, wo ich lebe. Gewisse Unterschiede könnten bleiben, das zeichnet ja einen Bundesstaat aus.

Vielleicht könnte man einen solchen Bundesstaat nicht mit allen EU-Mitgliedern starten, sondern nur mit jenen, die auch gemeinsame Werte mittragen. Wir brauchen keinen Gulasch-Diktator, der Zäune aufbaut statt sie ein zu reißen. Und wir können auch gern auf den klerikalen Nationalismus von Jaroslaw Kaczynski verzichten.

Aber seien wir ehrlich: Was für eine Chance wäre es, wenn die Energie von Emmanuel Macron, die politische Erfahrung von Angela Merkel und der staatsmännische Weitblick von EU-Ratspräsident Donald Tusk dafür genutzt würden, um gemeinsam etwas Neues aufzubauen, auf das wir alle stolz sein können? Weil wir alle Teile des Neuen wären? Weil wir gemeinsam eine neue Zukunft planen?

Das fände ich viel spannender, als bei jedem Länderspiel vom Sessel aufzustehen und das Deutschlandlied mitzusingen. Eine schöne Melodie. Ein toller Text. Aber Begeisterung löst das nicht in mir aus.

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(mf)