Der Islam ist unser stärkster Verbündeter im Kampf gegen die Mörder

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MUSLIME LONDON
Der Islam ist unser stärkster Verbündeter im Kampf gegen die Mörder | Getty
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In London hat eine Bande feiger Mörder sieben unschuldige Menschen umgebracht und Dutzende verletzt. Die Opfer wurden angefahren und mit Messern attackiert.

Es war eine jener Attacken, die den Westen ohne Vorwarnung und in einer alltäglichen Situation treffen sollte. An einem Samstagabend, wenn die meisten Menschen Zerstreuung nach einer anstrengenden Arbeitswoche suchen.

Auch deshalb fühlen sich auch Bürger in anderen Ländern angesprochen: Denn dieser Anschlag hätte sich genauso gut auch in Madrid, Amsterdam oder Berlin zutragen können.

Der Westen hat gigantische Anstrengungen unternommen - und ist hilfloser als je zuvor

Unsere Reaktion ist die gleiche wie schon nach dem Anschlag auf ein Konzert der Sängerin Ariana Grande in Manchester: Trauer, Wut und Zorn. Allein schon deshalb, weil solche Angriffe kaum zu verhindern sind – gerade dann, wenn sie, wie im jüngsten Fall, mit einfachen Mitteln durchgeführt werden.

Seit fast 16 Jahren sieht sich der Westen mit der Gefahr des islamistischen Terrors konfrontiert. Und trotz gigantischer Anstrengungen – Anti-Terror-Gesetze, Polizeikontrollen, Geheimdienstermittlungen, ja sogar mehreren Kriegen gegen mehrheitlich muslimisch bewohnte Länder – haben wir es in all den Jahren versäumt, einen Umgang mit dieser Gefahr zu finden.

Der Terror kommuniziert mitten in unsere Gesellschaften hinein. Und wir sind hilfloser als jemals zuvor. Auf Facebook wird für London gebetet, Politiker bekunden ihre Solidarität, Muslime werden dazu aufgefordert, sich von der Gewalt zu distanzieren. Bis die nächste Stadt betroffen ist, für die gebetet und Solidarität gezeigt wird.

Wir drehen uns im Kreis

Es sind stets die gleichen Reflexe, wir drehen uns im Kreis. Der Kampf gegen den Terror droht, zur Symbolpolitik zu werden. Und gerade diese wahrgenommene Wehrlosigkeit öffnet die Tür für jene, die einfache Lösungen anbieten. Jene Trumps und Le Pens, die Muslime pauschal in die Haftung nehmen wollen, die den Islam als "Ideologie“ verunglimpfen und Einreisestopps gegen Menschen aus bestimmten Ländern verhängen wollen.

Es ist richtig, dass wir dem Terror nicht nachgeben dürfen. Die Gewalt darf nicht dazu führen, dass wir unsere Freiheit aufgeben. In Deutschland stehen wir damit in der guten Tradition eines Helmut Schmidts, der in den späten 1970er-Jahren den Staat für "nicht erpressbar“ erklärt hat.

Stures Dagegenhalten reicht nicht - wir müssen selbst etwas tun

Aber das sture Dagegenhalten allein reicht nicht. Denn durch den islamistischen Terrorismus steht nicht nur unserer staatliches, sondern auch unser gesellschaftliches Selbstverständnis auf dem Spiel. Und in dieser Situation sind eben nicht nur unsere Politiker, sondern wir alle gefordert. Wenn wir immer nur Antworten erwarten, statt sie selbst zu suchen, kommen wir nicht weiter.

Wie es geht, macht uns derzeit ausgerechnet die oftmals so uninspiriert wirkende britische Premierministerin Theresa May vor. Sie hat am Sonntag einen Vier-Punkte-Plan verkündet, der durchaus gute Ansätze beinhaltet.

Wir müssen Islamismus erst einmal verstehen

May sagt: Wir müssen die islamistische Ideologie bekämpfen. Das ist richtig, wenngleich man einschränken müsste, dass wir erst einmal diese Ideologie verstehen müssen.

Eine Ideologie ist ein in sich geschlossenes Weltbild. Es erklärt sich selbst und trägt dazu bei, Menschen von gemeinsamen gesellschaftlichen Zielen zu entfremden. Es ist kein religiöses, sondern ein politisches Konzept. Selbst wenn einer Ideologie scheinbar religiöse Erklärungsmuster dazu dienen, Menschen zu radikalisieren.

Religion ist die wichtigste Waffe im Kampf gegen Islamismus

Wir müssen verstehen lernen, wer für solche alternativen Realitäten anfällig ist. Die wichtigste Waffe im Kampf gegen islamistische Extremisten ist die Religion selbst. Der Islam ist nicht unser Feind, sondern unser wichtigster Verbündeter im Kampf gegen die Mörder.

Bisher tun wir viel zu wenig dafür, uns mit der großen Mehrzahl der gemäßigten Muslime gemein zu machen. Stattdessen fordern wir sie immer wieder zu etwas auf. Ganz so, als seien diese ebenfalls unschuldigen Menschen in einer Bringschuld. So läuft es nicht.

Wie würden wir Deutschen wohl reagieren, wenn wir erst einmal aufgefordert würden, uns von den Nazi-Killern des NSU zu distanzieren, bevor man mit uns über Migrationspolitik redet?

Wir müssen die Extremisten isolieren, nicht die Muslime

Unser Ziel muss es sein, die Extremisten zu isolieren, um ihnen habhaft werden zu können. So, wie wir der RAF erst dann habhaft werden konnten, als ihr "Sympathisantenkreis“ auf einige versprengte Hausbesetzer in Bremen und West-Berlin zusammengeschmolzen war.

Dazu gehört auch, den verlogenen Umgang des IS mit der Religion offenzulegen. Und was machen Millionen von Deutschen? Sie spielen das Spiel der Islamisten mit, indem sie die Lügen der Terroristen ernst nehmen und den Islam als Religion in Pauschalhaftung nehmen.

Faszination ist ein harte Währung für die Verbrecher

Theresa May fordert, die "Rückzugsorte der islamisten im Internet“ zu attackieren. Das ist ebenfalls richtig. Aber wir tragen auch eine Mitverantwortung dafür, dass das Netz ein so wichtiges Propaganda-Instrument für die Islamisten geworden ist. Indem wir den Mördern durch unsere Angst zu Ruhm verhelfen, geben wir ihnen Befriedigung. Wie viele armselige Existenzen sind im "Kampf gegen den Terror“ schon zu Superstars geworden?

Man denke nur an den gescheiterten Berliner Rapper Deso Dogg, der sich in Syrien mit freundlicher Mithilfe der Boulevardpresse eine zweite Existenz aufbauen konnte. Unsere gruselnde Faszination vor seinen bizarren Parolen ist die härteste Währung, mit der wir diesen Verbrecher bezahlen können.

Machen wir uns nichts vor: Der Kampf gegen den Terror wird noch lange dauern. Wie lange, hängt entscheidend von uns selbst ab: Denn es liegt in unserer Hand, ob wir uns als Gesellschaft spalten lassen oder nicht. Es kommt auf jeden einzelnen an.

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(sk)

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