Neue Schreckens-Strategie: Wieso Terroristen immer öfter mit Fahrzeugen und Messern angreifen

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TERROR LONDON
Neue Schreckens-Strategie: Wieso Terroristen immer öfter mit Fahrzeugen und Messern angreifen | Barcroft Media via Getty Images
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Der Schock sitzt tief.

Noch ist unklar, wer hinter dem Attentat auf der London Bridge und am nur wenige hundert Meter entfernten Borough Market in der englischen Hauptstadt steckt.

Doch der Tathergang erinnert stark an den islamistischen Anschlag im März dieses Jahres auf der Westminster Brücke und am Westminster Palace. Die Terror-Miliz IS reklamierte die Attentate über ihren Nachrichtenkanal Amaq Agency für sich.

Auch damals waren die Tatwaffen ein Fahrzeug und ein Messer. Attentate mit kleinen und großen Transportern sowie Lkws hatten zuvor bereits das französische Nizza, das israelische Jerusalem und die deutsche Hauptstadt Berlin erschüttert.

Doch von Nachahmer-Taten auszugehen, greift zu kurz. Eher geben die ähnlichen Tatwaffen und Tathergänge Aufschluss über eine neue Strategie des islamistischen Terrors.

Wieso es immer mehr Angriffe mit Fahrzeugen gibt

Die Zeiten, in denen der Islamische Staat mit einem Millionen-Budget Kämpfer aus dem Westen anwarb, große Gebiete im Nahen Osten kontrollierte und von dort strukturiert Angriffe planen konnte, sind vorbei.

Die militärischen Rückschlage im Irak und in Syrien haben Budget und Truppenstärke des IS massiv schrumpfen lassen. Heute ist die Terror-Miliz eher Ideologie als Organisation. Das verändert auch die Art, wie die Terroristen ihren Krieg gegen den Westen führen.

Fahrzeuge als Waffen zu benutzen, ist eine Methode, für die bereits die dschihadistische Gruppe Al-Kaida im Herbst 2010 warb. Der IS ruft seit mehreren Monaten in sozialen Netzwerken vermehrt zu dieser Art des Angriffs auf.

Terror-Experte Andreas Armborst vom Nationalen Zentrum für Kriminalprävention beurteilte diese Vorgehensweise in der HuffPost als für Terroristen "effektive und leicht zu realisierende Anschlagsmethode“.

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Eine offenbar vom IS publizierte Anleitung zum Töten mit Lkws

Mit gezielten Social-Media-Kampagnen versuchen dschihadistische Gruppen, potenzielle Unterstützer zu solchen Anschlägen anzustacheln, die für Sicherheitsbehörden kaum zu verhindern sind.

Eine Hybridform des Terrorismus

Im Vergleich dazu erfordern Bombenanschläge aber auch Angriffe mit Schusswaffen eine viel intensivere Planung und Koordinierung. Bereits die Beschaffung der Waffen kann zum Auffliegen des Unterfangens führen.

Die Sicherheitsarchitektur hat sich in Europa in den vergangenen Monaten noch einmal verbessert, was koordiniertere Anschläge für den IS zu einem kostspieligen und riskanten Unterfangen macht.

So ist die neue Strategie der Islamisten eine Hybridform des "Lone-Wolf“-Terrorismus und der gezielten Steuerung aus dem Kalifat. Die IS-Kämpfer im Nahen Osten wirken – so viel lässt sich aus dem Großteil der vergangenen mutmaßlichen IS-Taten lesen – nicht von Planung bis Ausführung an Anschlägen im Westen mit.

Stattdessen schaffen sie Anreize, stacheln auf – und aktivieren so potenzielle Terroristen, dessen Taten sich der IS am Ende öffentlichkeitswirksam rühmen kann.

Wieso IS-Kämpfer mit Messern angreifen

Die Ausübung der Taten mit Messern und Stichwaffen hat derweil wohl vor allem symbolische Bedeutung. Vor dem Angriff von Westminster kursierten im Internet Nachrichten, in denen der britische Dschihadist Omar Hussain dazu aufrief, "Ungläubigen“ in den Bauch zu stechen und ihre Kehle durchzutrennen.

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Der Dschihadist Omar Hussain

Auch die palästinensische Terrororganisation Hamas ruft vermehrt zu Angriffen mit Messern auf israelische Staatsbürger auf.

Dabei liest man in Meldungen und Propaganda-Blättern des IS immer wieder vom "Schwert Allahs“. Von einer "popkulturellen Wirkung“ der Stichwaffe, schreibt der "Welt“-Geschichte-Redakteur Beerthold Seewald.

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Propagandabilder der Hamas

Die Schreckensbilder von Messer- und Schwertattacken bis hin zu Enthauptungen, die der IS bewusst verbreitet, transportieren gleichzeitig eine martialische und eine fast mystisch historisierende Botschaft.

Mit ihr lassen sich die blutigen IS-Anschläge direkt in der Tradition der Expansionskriege des Propheten Mohammed lesen.

Immer wieder zitieren Dschihadisten dazu die Sure 9:5 aus dem Koran, die in Deutschland als "Schwertvers“ bekannt ist. Darin heißt es: "Und wenn nun die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Ungläubigen, wo immer ihr sie findet, greift sie, umzingelt sie und lauert ihnen überall auf!“

Der IS trifft das Herz der westlichen Welt

In der modernen Auslegung der Sure wird darauf hingewiesen, dass die Aussage im historischen Kontext zu betrachten ist. Krieg sei nur als Mittel zur Verteidigung legitim.

Bei den Taten des IS geht es dagegen um etwas ganz anderes. Die Terroristen wollen den Westen an den Orten treffen, an denen seine Werte so hell strahlen wie nirgendwo sonst. Der IS hat es auf das Herz der offenen Gesellschaft abgesehen.

Dort, wo die Menschen Freude haben und ihre Freiheit genießen, schlägt er zu.

Anders als Terrororganisationen wie Al-Kaida, die ihr Augenmerk auf Angriffe auf Infrastrukturknotenpunkte legt, greift der IS in Bars an, Restaurants, in Konzertsälen und Clubs. Das zeigen auch die Attentate von Orlando und an Silvester in Istanbul.

Dahinter steckt eine skrupellose Form des Terrors

Eine Form des Terrors, bei der den Angreifern völlig egal ist, wer die Opfer sind. Weil es nur um eins geht: Das Vertrauen der Menschen in das System und in ihre Art zu Leben zu erschüttern.

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