Der britischen Premierministerin May droht eine Wahlschlappe - das müsst ihr darüber wissen

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THERESA MAY
Britain's Prime Minister Theresa May reacts as she speaks at an election campaign event at Pride Park Stadium in Derby, Britain June 1, 2017. REUTERS/Stefan Wermuth | Stefan Wermuth / Reuters
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  • Umfragen haben der britischen Premierministerin May bei den Neuwahlen einen deutlichen Sieg vorausgesagt
  • Nur schmilzt ihr Vorsprung dahin - und die Mehrheit ihrer Partei im Unterhaus ist in Gefahr
  • Das könnte erhebliche Auswirkungen auf die Brexit-Verhandlungen haben

Eigentlich galt die Sache als sicher: Theresa May ruft vorgezogene Neuwahlen aus. Ihre Partei, die konservativen Tories, siegen klar, bauen die bestehende Mehrheit im Parlament aus und beschaffen der Premierministerin ein klares Mandat für die schwierigen Brexit-Verhandlungen.

Doch jetzt wird klar: May und ihre Partei haben sich vielleicht ein Eigentor geschossen. Denn der einst komfortable Vorsprung der Konservativen ist längst dahingeschmolzen. Es ist nicht mehr sicher, dass die Tories auch in der nächsten Legislaturperiode mit einer absoluten Mehrheit im Parlament rechnen dürfen. Theresa Mays Stuhl als Premierministerin kommt ins Wackeln.

Das müsst ihr über die britischen Neuwahlen am 8. Juni wissen:

1. May ist weiter beliebter als ihr Widersacher Corbyn - doch ihr Vorsprung schmilzt dahin

Wenn die Umfrageinstitute bei den Wählern in Erfahrung bringen wollen, wen sie als fähigsten Premierminister oder Premierministerin betrachten, ist die Antwort meist klar: Theresa May. Die amtierende Premierministerin, gilt als führungsstark und fähig, mit Brüssel den Brexit zu verhandeln.

Ihr Gegner Jeremy Corbyn, Vorsitzender der oppositionellen Labour-Partei hingegen ist unbeliebt, kein guter Redner und steht starkem Gegenwind in der eigenen Partei gegenüber.

Doch jetzt scheint sich das Blatt allmählich zu wenden: Im Vergleich zu den Umfrageergebnissen vor zwei Wochen hat die Premierministerin sechs Prozentpunkte verloren. Nur noch 43 Prozent der Briten sind zufrieden mit May. Corbyn hingegen konnte kräftig aufholen und wird der Politikerin langsam gefährlich.

Ganze 39 Prozent der Wähler finden, er würde ein guter Premierminister abgeben. Das sah in den vergangenen Monaten noch ganz anders aus.

2. Ein Lied gegen May stürmt die britischen Charts

"Sie ist eine Lügnerin, Lügnerin, Lügnerin!", heisst es in einem Song, der gerade die Briten begeistert. Gemeint ist Premierministerin May. "Liar Liar GE2017“ heißt der Song von Captain Ska, wobei der zweite Teil des Titels auf die "General Elections", die Parlamentswahlen, hinweist. Das Lied ist schon einige Jahre alt. 2010 wurde es veröffentlicht mit dem Ziel, gegen die Regierung unter David Cameron, dem Vorgänger Theresa Mays, zu protestieren.

Jetzt wurde das Musikstück auf die kommenden Wahlen zugeschnitten und erlebt gerade ein Revival. Es klettert in den iTunes-Charts nach oben. Im Musik-Clip auf Youtube wird der Gesang und die Musik mit Zahlen und Bildern unterlegt, die zeigen sollen, wie schlecht Theresa May und die Tories für Großbritannnien sind. "3,7 Millionen Kinder leben zurzeit in Großbritannien in Armut", heißt es etwa. Theresa May verspricht gleichzeitig: "Gemeinsam werden wir, die Konservativen, ein besseres Großbritannien schaffen.“

3. Wichtige Wählerschichten wenden sich von den Konservativen ab

Die neueste Ipsos MORI-Umfrage zeigt: Frauen und Wähler im mittleren Alter wollen wieder weniger für die regierenden Konservativen stimmen. Nur noch 45 Prozent aller Wählerinnen würden derzeit für die Tories stimmen.

Labour liegt nur fünf Prozentpunkte dahinter.

Bei der vorherigen Ipsos MORI-Umfrage war die Spanne noch deutlich größer. Damals wollten 49 Prozent aller Wählerinnen die Konservativen unterstützen, was für die Partei einen Vorsprung von satten 14 Prozentpunkten bedeutete.

Noch dramatischer sieht es bei den 35 bis 54 Jahre alten Briten aus. Wollten einst noch 52 Prozent dieser Altersgruppe ihre Stimme für die Konservativen in die Urne werfen, sind es jetzt nur noch 36 Prozent. Ganze 46 Prozent der Wählerinnen und Wähler dieser Gruppe wollen die Partei von Jeremy Corbyn unterstützen.

4. Verliert May die Parlamentsmehrheit, droht eine ungewisse Zukunft

Es könnte also knapp werden für Premierministerin May. Nach einer weiteren Umfrage des Instituts YouGove droht May sogar, ihre Mehrheit im Parlament zu verlieren. Demnach würden die Tories nur 310 Sitze bei der Wahl erreichen, 16 Sitze zu wenig.

Damit wäre der Plan von May ins Gegenteil umgeschlagen. Vor ihrer Entscheidung hatte eine Umfrage den Tories einen Vorsprung von 20 Prozentpunkten vor Labour vorausgesagt. Die Tories hätten bis zu 100 Sitze im Unterhaus hinzugewinnen können, die Opposition wäre praktisch machtlos bei den Brexit-Verhandlungen gewesen, berichtet "Zeit Online".

May hätte also ihren harten Brexit-Kurs ohne große Widerrede fahren können. Nun droht ihr allerdings, dass sie mit einem "hung parliament", also einem Unterhaus ohne klare Mehrheitsverhältnisse, regieren muss. May müsste sich dann Partner aus den anderen Parteien im Unterhaus suchen - oder versuchen, ohne Mehrheit weiter zu regieren. Neue Gesetze könnten von der Opposition blockiert werden.

5. Ist der Brexit in Gefahr?

Der Brexit wird wohl kommen, auch wenn die Tories ihre Mehrheit verlieren. Allerdings dürfte der Ausgang der Wahl die Verhandlungen erheblich beeinflussen.

May und die Konservativen wollen den Austritt um jeden Preis durchziehen - auch ohne einen Deal mit der EU. Dann wäre das Schicksal der drei Millionen EU-Ausländer auf den britischen Inseln ungewiss. Auch der Zugang zum Binnenmarkt der EU wäre für Großbritannien dann ungeklärt.

Verliert May ihre Mehrheit, steht ihr harter Brexit-Kurs auf der Kippe.

6. Doch: Bis zu den Wahlen ist es noch eine Woche

Es zeichnet sich eine hochspannende Wahl ab, denn der Vorsprung von Theresa May und ihren Konservativen ist deutlich kleiner geworden. Doch Jeremy Corbyn müsste zahlreiche Hürden überwinden, um tatsächlich in die Downing Street 10 einzuziehen.

Erstens ist seine Labour-Partei zwar bei den jungen Menschen beliebt. Jüngere tragen die Partei in vielen Regionen Großbritanniens. Doch sie gehen auch viel weniger an die Urne, als ältere Wählerschichten. Das hat das Brexit-Referendum gezeigt.

Auch in London genießt Labour derzeit einen spektakulären Vorsprung von 17 Prozentpunkten. Doch die Konservativen dürften in den ländlichen weit besser abschneiden.

Auch für May werden die letzten Meter allerdings schwer. Sie verlor das Vertrauen vieler Wähler, weil sie harte Einschnitte in der Sozialpolitik vorschlug. Besonders umstritten war ein Punkt ihres Wahlprogramms für Rentner: Wer über ein Vermögen von mehr als 100.000 Pfund verfügt, sollte bis zu diesem Freibetrag selbst dafür aufkommen, falls er im Alter auf Pflege angewiesen sein sollte.

Brisant daran: Der Wert von Immobilien sollte in diese Rechnung miteinbezogen werden. Viele Menschen waren erzürnt, May ruderte schließlich zurück. Doch da war der Schaden schon angerichtet.

Ihre Partei ist nun zerstritten. Ein Tory-Kandidat sagte der HuffPost UK: "Wir haben es verdient, zu verlieren."

Mit fehlendem Rückhalt und geschwundenem Selbstvertrauen wird es May wohl schwer fallen, ihre Ziele zu erreichen.

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(ks)

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