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02/06/2017 19:34 CEST | Aktualisiert 16/11/2017 10:41 CET

Immer mehr Unternehmen reduzieren die Arbeitszeiten für ihre Mitarbeiter - 4 faszinierende Beispiele

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Immer mehr Unternehmen reduzieren die Arbeitszeiten für ihre Mitarbeiter - 4 faszinierende Beispiele

Fünf Tage die Woche, tägliche Überstunden, Wochenendschichten, ständige Erreichbarkeit - so sieht für viele Deutsche das Arbeitsleben aus.

Dabei ist längst bekannt: Was Arbeit angeht, kann weniger mehr sein. Das erklärt auch der britische Wirtschaftswissenschaftler David Spencer. Der fordert die Vier-Tage-Woche - und damit drei Tage Wochenende. Das sei nicht nur möglich, sondern auch “die Basis für einen besseren Lebensstandard”, schreibt Spencer in der britischen Zeitung “Daily Mail”.

Dieses Konzept soll laut dem Ökonomen gut für Arbeitgeber und Arbeitnehmer sein. Denn: Je länger wir arbeiten, desto mehr sinkt unsere Produktivität, die Konzentrationsfähigkeit nimmt ab, die Fehlerquote steigt.

Einige Unternehmen haben das erkannt - und alternative Arbeitszeitmodelle entwickelt.

Vier faszinierende Beispiele:

Sechs Stunden Arbeit pro Tag bei vollem Lohn

Laut Untersuchungen kann der Mensch eigentlich nur vier bis fünf Stunden produktiv arbeiten - danach lässt die Konzentration rapide nach.

In Schweden haben das viele Unternehmen beherzigt. Die Gewerkschaften sind in dem skandinavischen Land traditionell sehr stark - und setzen sich für einen flächendeckenden Sechs-Stunden-Tag ein. In Göteborg zum Beispiel arbeiten etwa Mitarbeiter im Gesundheitswesen zwei Stunden weniger als früher.

Doch was passiert, wenn alle Mitarbeiter nur noch 30 statt 40 Stunden im Büro sitzen? Im Februar 2015 hat das Svartedalens Altenheim ein Experiment gewagt und die Arbeitszeit um zwei Stunden am Tag gekürzt - für denselben Lohn.

Um die Stundenverluste aufzufangen, stellte das Heim 15 neue Mitarbeiter ein, was die Kosten des Centers allerdings um 22 Prozent erhöhte.

Allerdings sanken die Krankentage der Mitarbeiter um zehn Prozent - Pfleger, die die üblichen acht Stunden am Tag arbeiteten meldeten sich 62,5 Prozent häufiger krank.

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Aber: Gerechnet haben soll sich das Konzept nicht - seit Februar müssen die Mitarbeiter deshalb wieder acht Stunden pro Tag ran. Kritiker sagen jedoch, das zweijährige Experiment habe die Langzeitfolgen nicht betrachtet.

Mehr zum Thema: Was Arbeitgeber im Umgang mit ihren besten Mitarbeitern falsch machen

Gesunde Mitarbeiter sind zum Beispiel nicht nur für das Unternehmen finanziell von Vorteil, sondern belasten auch das Gesundheitssystem nicht so sehr. Beispielsweise sei der Blutdruck der Sechs-Stunden-Pfleger niedriger gewesen, als der der Acht-Stunden-Kollegen. Auch diese Untersuchung war Teil der Testphase.

Hoher Blutdruck kann zu vielen Krankheiten führen - die für das Gesundheitssystem teuer werden.

Das aber habe in der Beurteilung der Svartedalens-Studie niemand beachtet.

Vier Tage à zehn Stunden Arbeit bei vollem Lohn

Ein anderes Konzept fährt die Berliner Kommunikationsagentur Frische Fische. Geschäftsführer Jan Eppers führte im Februar 2015 die Vier-Tage-Woche ein. Die Mitarbeiter können sich seitdem aussuchen ob sie weiterhin das klassische "fünf Tage à acht Stunden"-Konzept wollen - oder ob sie lieber vier Tage die Woche arbeiten. Dafür dann zehn Stunden pro Tag.

So bekommen alle weiterhin 100 Prozent des Gehalts.

Natürlich: der zehn Stunden Tag widerspricht sämtlichen Studien, nach denen der Mensch nur maximal fünf Stunden produktiv sein kann.

Doch Eppers sagt: “Trotz zehn Stunden Arbeit am Stück konnte ich bisher noch nicht feststellen, dass es zu Fehlern meiner Mitarbeiter gekommen ist”, schreibt er in einem Beitrag für die “Zeit” “Im Gegenteil: Es fördert die Selbstverantwortung der Kollegen und ermöglicht bessere Resultate.”

Auch über die körperliche Belastung der längeren Tage habe sich noch kein Mitarbeiter beschwert. Es gebe zwar kein spezielles Gesundheitsprogramm in der Agentur, aber Möglichkeiten, sich mal hinzulegen, so dass niemand zehn Stunden am Schreibtisch sitzen müsse.

Vier Tage die Woche / tägliche Arbeitszeit nach Aufgaben

Das Berliner Jobsharing-Startup Tandemploy bietet seinen Mitarbeitern eine vier Tage Woche - in der nach Aufgaben und nicht nach Stunden gearbeitet wird. Die Aufgaben und auch die Stellen sind komplett flexibel. Die 17 Mitarbeiter haben keine fixen Stellen sondern arbeiten nach Aufgaben.

“Wir wollten unseren ganz pragmatischen und konkreten Beitrag dazu leisten, dass unsere Arbeitswelt ein flexiblerer und lebensfreundlicherer Ort wird, dass Arbeit wieder ins Leben der Menschen passt – und nicht andersherum“, heißt es von dem Unternehmen.

Außerdem hat Tandemploy nach eigenen Angaben in Berlin die bayerischen Feiertage eingeführt. Das heißt: vier freie Tage mehr für die Mitarbeiter - pro Jahr.

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Fünf Stunden Arbeit pro Tag bei doppeltem Lohn

Der Sechs-Stunden-Tag ist nicht das einzige Konzept, das uns mehr Lebens - und weniger Arbeitszeit bringen soll.

Das US-Startup Tower verkauft Standup Paddle Boards, also Surfbretter, die stehend genutzt werden. Die Firma lässt ihre Mitarbeiter sogar nur fünf Stunden am Tag arbeiten.

Gründer Stephan Aarstol hatte nur eine Bedingung an seine Mitarbeiter: die gleiche Arbeit, die sie vorher in acht Stunden geschafft haben, mussten sie nun in fünf erledigen.

Aarstol testete die neue Arbeitszeitregelung zunächst drei Monate - jeder sollte von 8 bis 13 Uhr arbeiten und den Nachmittag frei haben.

Es hat funktioniert, das Unternehmen arbeitet immer noch auf die gleiche Art und Weise.

Aarstol wollte seinen Mitarbeitern Freizeit zurückgeben - und er wollte sie zusätzlich mehr belohnen - denn gleiche Leistung in weniger Zeit zu bringen, erfordert mehr Produktivität. Also erhöhte er die Gehälter um fast das doppelte und bot ihnen gleichzeitig fünf Prozent Anteil am Unternehmen an.

Das Konzept funktioniert offenbar. Tower gehört zu den am schnellsten wachsenden Unternehmen der USA, 2016 machte Tower mit zehn Mitarbeitern neun Millionen Dollar Umsatz.

Mehr zum Thema: 10 Gründe warum wir Arbeitszeit neu denken müssen

Aarstol ist zufrieden, nicht nur mit der finanziellen Seite seines Konzepts: “Menschen sind keine Maschinen, Produktivität nimmt ab, je länger man sich plagt. Auf der anderen Seite ist es erwiesen, dass glücklichere Mitarbeiter auch produktiver sind”, schreibt der Tower-Gründer.

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“Zeit zu haben, deinen Leidenschaften nachzugehen, deine Beziehungen zu pflegen und aktiv zu bleiben, gibt dir mehr physische und emotionale Energie für alles - auch dafür, deinen Job gut zu machen”.

So rückt bei vielen Unternehmen zunehmend in den Fokus, dass es gar nicht so sehr auf die Frage ankommt, wie lange die Mitarbeiter tatsächlich arbeiten. Denn die Zeit der Fließbandarbeit ist für die meisten längst vorbei.

Heute kommt es nur noch selten darauf an, im Akkord eine bestimmte Zahl von Schweißnähte zu kontrollieren.

Es geht zunehmend um kreative Lösungen. Und die lassen sich nicht durch strenge Zeitvorgaben erzwingen.

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Jedes Kind braucht die Chance auf Bildung

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(lp)

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