LIFESTYLE
02/06/2017 17:57 CEST

Bitte hört sofort wieder auf mit diesem Trend - ihr macht euch einfach nur lächerlich

Instagram/cheryl_guerriero
Bitte hört auf mit diesem Trend - ihr macht euch einfach nur lächerlich

Es ist ein geradezu angsteinflößend bescheuerter Trend, der sich gerade auf Instagram ausbreitet und sich in freier Wildbahn, zum Beispiel in der Berliner U-Bahn, beobachten lässt.

Ein Mädchen, vielleicht 13 Jahre alt, sitzt dort und zieht ein Buch aus ihrem Turnbeutel. Wie schön, könnte man denken. 13-Jährige, die noch Bücher in der U-Bahn lesen.

Das Mädchen hat allerdings nicht vor, darin zu lesen. Sie schlägt das zerfledderte Buch in der Mitte auf und drückt der Freundin neben sich ihr iPhone in die Hand. "Mach mal ein Foto. Wieder wie ich so lese."

Das "Wie ich so lese"-Foto-Shooting hat also offenbar nicht zum ersten Mal stattgefunden. Die Freundin drückt eifrig auf dem Handy herum, während das Mädchen ernst auf eine Seite des Buches starrt.

"Hast du eins?", fragt das Mädchen und die Freundin nickt begeistert. Sie hat schließlich nicht nur eins, sondern ungefähr 20 Fotos gemacht. Die Freundin reißt ihr das iPhone aus der Hand und wischt von einem Foto zum nächsten. Das Buch ist vergessen, es liegt schon wieder zugeklappt auf ihrem Schoß. Auf welcher Seite es geöffnet war - egal.

#booklover sind das jedenfalls nicht

Sie scheint zufrieden mit ihrem intellektuellen Shooting zu sein. "Das ist cool geworden", sagt sie und fängt wieder an, auf dem Display herumzudrücken. Vermutlich legt sie gerade 12 verschiedene Filter über das Foto, bevor sie es dann auf Instagram hochlädt.

Wahrscheinlich mit dem Tag #booklover, während das Buch gerade unbeachtet von ihrem Schoß rutscht und schließlich auf dem Boden der U-Bahn landet.

In Instagram-Stories oder auf Fotos zeigen sich Nutzer neuerdings vermehrt beim Lesen - in völlig authentischen Situationen wie diesen. Hier nur einige Beispiele von öffentlich einsehbaren Profilen:

Im Stehen und unter Bäumen liest es sich eben einfach am besten.

Oder am Strand. Am Strand zu lesen ist sehr gut. Das wirkt so nachdenklich.

Auch beim Autofahren ist lesen eine große Freude. Bloß nicht das Selfie vergessen.

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Ein echter Schnappschuss.

Auch dieser Mann kann ein Buch richtig rum in den Händen halten. Faszinierend.

Zwischendurch muss man auch mal über das ein oder andere Kapitel sinnieren. Bei einer Tasse Tee zum Beispiel. (Für das Foto genügt auch eine leere Tasse.)

Spoiler: Eine Minute später ist er gegen einen Laternenpfahl gelaufen.

Fotos wie diese häufen sich gerade auf Instagram - und zwar nicht nur von Menschen, die einfach nur ihre Bücher vermarkten wollen, sondern vor allem von Teenagern, die das "Lesen" auf Instagram zum Lifestyle erklären. Besser gesagt die Fotos vom Lesen auf Instagram.

Dass Menschen gerne lesen und mit diesen Fotos vielleicht sogar dabei helfen könnten, lesen wieder "cool" werden zu lassen - schön und gut. Doch was man beispielsweise in Berliner U-Bahnen beobachtet, ist eher das Gegenteil.

Es erweckt nicht den Eindruck, als läge den Menschen etwas an den Büchern, die sie für ein Dutzend Fotos in der Hand halten. Oder als interessiere sie wirklich die Geschichte. Alles, was sie interessiert, ist das Foto.

Bücher sind wie der neue altmodische Instagram-Filter für Hipster, lassen einen sogar noch intellektueller wirken als die Fotos mit der Schreibmaschine.

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Die Frage ist nur, ob die meisten der Fotografierten mehr vom Buch kennen als die Farben des Covers, auf das sie ihren Nagellack abgestimmt haben.

Übrigens zeigen Instagram-Nutzer: Nicht nur der Nagellack muss auf das Buch-Cover abgestimmt sein, sondern am besten das ganze Outfit. In Jogging-Hose braucht ihr dieses Buch hier gar nicht erst anzufangen.

Ob die Mädchen in der Berliner U-Bahn das Buch anschließend in den Müll geworfen haben - auszuschließen ist es nicht. Ihr Lese-Foto-Shooting ist der nächste traurige Beweis dafür, dass eine Generation herangezüchtet wurde, der Außenwirkung über alles geht.

Hauptsache, es sieht so aus, als würde man sich bilden, als würde man lesen. Ob man die Geschichte hinter dem Cover kennt - egal. Die kennen die Follower doch auch nicht. Das Buch muss ihnen auch gar nicht gefallen. Nur das Bild.

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(lk)