Warum die Aufregung der Bundesregierung über Trumps Klima-Beschluss scheinheilig ist

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ANGELA MERKEL
Kanzlerin Merkel bei einer Pressekonferenz zur Entscheidung Trumps, das Parisabkommen zu kündigen | Fabrizio Bensch / Reuters
Drucken

US-Präsident Donald Trump kündigt das Pariser Klimaabkommen auf - und die Welt entdeckt plötzlich ihre Begeisterung für den Kampf gegen die Erderwärmung.

Weltweit äußern Menschen in sozialen Netzwerken ihre Enttäuschung: Nach Trumps Entscheidung brauchen wir den Klimaschutz mehr denn je, so ihr Tenor, und die Politiker haben die verdammte Aufgabe, den Planeten vor einer Katastrophe zu bewahren.

Die Politiker nehmen dieser Stimmung dankbar auf. Doch die Reaktionen sind scheinheilig.

Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Besonders selbstbewusst tritt etwa die deutsche Bundesregierung auf. Kanzlerin Angela Merkel ließ via Regierungssprecher Steffen Seibert auf Twitter verlauten: “Ich bedauere die Entscheidung des US-Präsidenten. Weiter alle Kraft für globale Klimapolitik, die unsere Erde bewahrt.”

Auch das deutsche Außen- sowie das Umweltministerium verurteilten den Schritt Trumps und forderten in ersten Reaktionen einen strengen Klimaschutz.

Am Freitag legte dann die Kanzlerin in für sie ungewöhnlich pathetischen Worten nach: "Allen, denen die Zukunft unseres Planeten wichtig ist, sage ich: Lassen Sie uns gemeinsam den Weg weitergehen, damit wir erfolgreich sind für unsere Mutter Erde."

Klimavorreiter Deutschland versagt

Das alles sind erfreuliche Aussagen, wenn man bedenkt, dass die Erderwärmung dringend gebremst werden muss.

Wer aber genau hinsieht, erkennt, dass die plötzliche Begeisterung für den Klimaschutz heuchlerisch ist - vor allem die in Deutschland und in Europa.

Um das für Deutschland zu zeigen, reichen fünf Punkte:

► Deutschland wird die selbstgesteckten Klimaziele für die Jahre 2020 und 2030 verfehlen. Das zeigen Zahlen des Zahlen des Umweltbundesamtes. Seit dem Jahr 2009 hat sich der Ausstoß von klimaschädlichen Gasen demnach nicht mehr verringert.

► Die Bundesregierung hatte 2007 versprochen, dass Deutschland bis zum Jahr 2020 im Vergleich mit dem Jahr 1990 40 Prozent weniger Treibhausgase ausstößt. Bisher liegt die Reduktion aber nur bei rund 28 Prozent. Die fehlenden 12 Prozent noch zu schaffen, halten Experten für unmöglich.

► Mit den Zusagen im Parisabkommen scheint es die Bundesregierung ebenfalls nicht so ernst zu nehmen. Schon im April hatte Deutschland so viel CO2 ausgestoßen, wie es zur Einhaltung des Pariser Klimavertrages im gesamten Jahr 2017 freisetzen dürfte.

► Auch die viel gepriesenen Energiewende lässt die Bundesregierung schleifen. Immerhin qualmen in Deutschland noch vier der fünf dreckigsten Kohlekraftwerke Europas. Aktuell werden die Tagebaue zur Kohleförderung wieder erweitert.

► Der Ausstoß von klimaschädlichen Gasen im Verkehr ist in Deutschland von 2015 auf 2016 um 3,4 Prozent gestiegen. Vor allem, weil die E-Mobilität nicht vom Fleck kommt und die Deutschen massenhaft schmutzige SUVs kaufen. Außerdem sind auf deutschen Straßen mehr LKW unterwegs und auch der Kerosinverbrauch steigt.

Experten fordern radikale Maßnahmen

Die Befunde lassen sich von Deutschland zu großen Teilen auch auf ganz Europa übertragen.

Auch andere Staatschefs schwingen sich auf einmal zu überzeugten Klimaschützern auf, sogar Wladimir Putin. Obwohl Russland bei der Reduktion klimaschädlicher Gase in den vergangenen 20 Jahren krachend versagt hat, verteidigte Putin nach Trumps Rede das Paris-Abkommen.

Auch die Großverschmutzer China und Indien versprechen, sich künftig an den Pariser Vertrag halten zu wollen. Tatsächlich sind die beiden Länder die einzigen, denen man ihre Klimaschutzversprechen tatsächlich abnimmt.

Indien hat gerade erklärt, ab 2030 nur noch elektrische Fahrzeuge neu zuzulassen und ist heute schon der größte Produzent von Solarenergie. Auch China eilt von einem Rekord bei den erneuerbaren Energien zum nächsten.

In Deutschland scheint die Begeisterung für den Klimaschutz, trotz der deutlichen Worte von Kanzlerin, erlahmt.

Im März forderten Experten von der Bundesregierung zur Einhaltung der eigenen Klimaziele deshalb radikale Maßnahmen, wie “Spiegel Online” berichtete:

“Raus aus der Kohle, höheres Tempo bei der Energieeffizienz und nachhaltige, strukturelle und innovative Lösungen im Verkehrsbereich.”

Doch danach sieht es derzeit nicht aus.

Die Bundesregierung hat bis heute kein Konzept gefunden, eine grüne Verkehrswende einzuleiten. Einen zeitnahen Kohle-Ausstieg fordert außer den Grünen keine Partei. Und auch bei der Energieeffizienz geht es nicht voran. Die Deutschen sind trotz milliardenschwerer Förderung zu Dämm-Muffeln geworden.

Aber sagen wir es so: Wenn es um Trump-Kritik geht, werden auf einmal alle zu Klimaschützern. Mit der Realität in vielen Ländern hat diese scheinbare Begeisterung nichts zu tun. Bleibt zu hoffen, dass sich das nun ändert.

Mehr zu Trumps Klima-Beschluss:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jp<br />
g

(jg)

Korrektur anregen