"An alle, die meiner 7-jährigen Tochter einreden wollen, dass ihr Körper nicht gut genug ist"

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Was diese Mutter in einem Facebookpost beschreibt, dürfte nicht nur bei Eltern für Entsetzen und Kopfschütteln sorgen.

Denn ihre 7-jährige Tochter wird in der Grundschule von ihren Mitschülern und Vorschulkindern gehänselt und als dick bezeichnet.

Nun macht die Mutter, die den Blog "Journelle" betreibt, ihrem Unmut darüber Luft. Konkreter Auslöser war ein konkretes Erlebnis ihrer kleinen Tochter:

“Meine Tochter (7) erzählte mir heute, dass sie bei fast 30 Grad ihr langes Jäckchen in der Schule angelassen hat, weil sie ihre dicken Arme nicht zeigen möchte.

Hintergrund ist, dass einige Kinder (unter ihnen Vorschulkinder) ihr öfter sagen, sie und insbesondere ihre Arme seien dick.

Völlig unabhängig davon, ob sie tatsächlich im Sinne von 'Normtabellen' dick wäre (was sie nicht ist), schockiert es mich zutiefst, dass das Körpergewicht bereits in der Grundschule ein Thema ist.

Würde das Adjektiv "dick" neutral als Beschreibung wie "braunhaarig" oder "grünäugig" benutzt, wäre es mir relativ egal.

Aber meine Tochter weiß jetzt schon, das 'Dick-sein' schlimm ist und dass sie es keinesfalls sein möchte. Ich selbst möchte ausrasten vor Wut.

Wut über die Heidi Klums dieser Welt, die jungen Frauen erklären, dass alles an ihrem Körper defizitär ist und dass Dicksein, die Höchststrafe einer Menschenexistenz ist.

Ich bin wütend über Leute, die immer noch predigen, dass Diäten die absolute und einzige Antwort auf ein glückliches und gesundes Leben sind.

Ich bin fassungslos, weil es offenbar Eltern gibt, die bereits Sechsjährigen vorleben, dass sich der Wert einer Person nur über ihre Optik und eine schmale Körperstatur definiert.

Ich will das nicht und ich bin auch verzweifelt, weil ich gehofft hatte, dass meine Tochter im Jahr 2017 nicht mehr mit Fatshaming, Diätwahn und abstrusen Körperidealen kämpfen muss.
#nodiet #nofatshaming #effyourbeautystandards"

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Kinder beschäftigen sich immer früher mit ihrem Aussehen

“La Journelle”, wie sich die Mutter auf ihrer Facebook-Seite nennt, macht mit ihrem Post auf ein sensibles Thema aufmerksam.

Denn tatsächlich beschäftigen sich Kinder und Jugendliche immer früher mit ihrem Aussehen.

Wie das Robert Koch Institut in einer Studie berichtet, leidet fast ein Fünftel aller Kinder zwischen 11 und 13 Jahren unter einem gestörten Essverhalten.

Grund sind teilweise gesellschaftliche Schlankheitsideale, die enormen Druck auf Kinder ausüben können.

Essstörungen haben meist familiäre Ursachen

Doch das Risiko, als Kind an einer Essstörung zu erkranken, steigt der Studie zufolge vor allem dann, wenn Kinder und Jugendliche durch Eltern und Gleichaltrige keine soziale Unterstützung erfahren.

Zudem beeinflusst es die eigene Körperwahrnehmung eines Kindes, wie die Eltern mit sich selbst und ihrem Körper umgehen. Experten zufolge hat eine Essstörung meist familiäre Ursachen.

Mehr zum Thema: Wie ich als Kind die Magersucht meiner Mutter erlebte

"Zehn bis 15 Prozent der Kinder, die in ihrem nahen familiären Umfeld mit Fällen von Magersucht konfrontiert sind, erkranken ebenfalls", sagte Beate Herpertz-Dahlmann, Direktorin der Klinik für Kinderpsychiatrie der Uniklinik Aachen, der "Süddeutschen Zeitung".

Der Einfluss der Eltern auf ihre Kinder ist, wie auch “La Journelle” in ihrem Post vermutet, sehr groß. Lernt ein Kind zu Hause, dass es schlecht ist, "dick" zu sein, gibt es das ungefiltert an seine Altersgenossen weiter.

So kann es passieren, dass bereits Sechsjährige andere Kinder wegen deren Körper mobben. Das negative Körperbild, das Eltern und Gleichaltrige Kindern vermitteln, kann bei Betroffenen auch zu psychischen Problemen führen.

Kinder finden sich trotz normalem Gewicht zu dick

“Viele Kinder und Jugendliche mit auffälligem Essverhalten finden sich auch bei normalem Körpergewicht zu dick; zudem tendieren sie vermehrt zu psychischen Problemen, Ängstlichkeit und Depressivität", heißt es in der Studie des Robert Koch Instituts.

Beunruhigend ist, dass immer jüngere Kinder unter einem negativen Selbstbild ihres Körpers leiden.

Bereits in der Grundschule geht es um Aussehen

“Im Klinikalltag kann man in den vergangenen 20 Jahren klar beobachten, dass die Patienten immer jünger werden”, sagte Ernst Pfeiffer, Oberarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychatrie der Charité Berlin der "Süddeutschen Zeitung".

Auch er berichtet, dass bereits auf dem Pausenhof von Grundschulen Themen wie Aussehen und der eigene Körper diskutiert werden.

Das entspricht dem, was “La Journelle” über den Schulalltag ihrer Tochter berichtet. Ihren Facebook-Post sollten sich nicht nur alle Eltern zu Herzen nehmen, sondern auch alle in der der Gesellschaft, die stereotype Schönheitsideale propagiert.

Denn die Schönheitsnormen, die die Gesellschaft Erwachsenen und Eltern vermittelt, geben diese, wenn auch ungewollt, an ihre Kinder weiter.

Nicht nur gefährden sie, dass ihre Kinder so zu selbstbewussten Erwachsenen heranwachsen können. Sie nehmen ihnen auch ein Stück unbeschwerte Kindheit.

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(lk)